Mit Postkarten und Musik gegen die Einsamkeit im Heim

Das Besuchsverbot hat die Kontakte von Älteren zu ihrer Verwandtschaft eingeschränkt. Doch die Einrichtungen haben Ideen gegen die soziale Distanz.

Briefe: Die Azurit-Seniorenzentren in Chemnitz rufen Angehörige und Freunde ihrer Bewohner auf, zu Stift und Papier zu greifen und einen Brief an sie zu schreiben. "Wir möchten den Einschränkungen im Alltag unserer Bewohner etwas Positives entgegensetzen und etwas fürs Gemüt tun", sagt Maria Breitfeld, Leiterin des Azurit-Seniorenzentrums am Brühl. Für die Bewohner sei es nicht einfach, ihre Lieben nicht zu sehen. "Manche können das auch nicht verstehen." An der Aktion beteiligen sich auch die Azurit-Einrichtung Altes Rathaus in Siegmar sowie die Häuser in Hartmannsdorf und Gersdorf. Die Briefe können mit der Post an das jeweilige Heim geschickt oder in den Hausbriefkasten geworfen werden. Auch Mitteilungen per E-Mail an das Heim sind möglich. Alle Sendungen, so Maria Breitfeld, werden an die Bewohner weitergeleitet. "Sie werden bei Bedarf auch vorgelesen und mit Hilfe der Betreuer mit den Bewohnern beantwortet", erklärt sie. Ein Brief aus dem Heim an die Angehörigen wird derzeit im Senvital Senioren- und Pflegezentrum Niklasberg vorbereitet, sagt Leiter Jörg Petzold. In dem Schreiben will die Einrichtung über die derzeitige Situation im Haus berichten.

Bunte Postkarten: Bewohner und Mitarbeiter basteln in dem von der Stadtmission betriebenen Pflegeheim Haus am Wald in Grüna österliche Grußkarten für die Angehörigen. "Auch für sie ist das eine schwere Zeit, die so ein bisschen erleichtert werden soll", sagt Lisa Kühnert, Sprecherin der Stadtmission. Die Familien der Bewohner des Azurit-Heimes am Brühl erwartet in Kürze besondere Post ihrer Lieben. Das Heim habe eine Postkarte mit Aufnahmen vom Brühl gestalten lassen. Derzeit würden die Karten gedruckt. Mit den Betreuern würden die Bewohner die Ansichtskarten anschließend schreiben und verschicken, sagt Maria Breitfeld.

Musik: Trompetenklänge schallten am Freitag durch den Innenhof des Hauses Kreuzstift der Stadtmission auf dem Kaßberg. Gespielt wurden sie von zwei Musikern, deren Angehörige im Heim leben. Mitarbeiterinnen hatten das kleine Konzert zur Aufmunterung der Bewohner organisiert, so Lisa Kühnert. Sie verfolgten den Auftritt von ihren Balkonen aus oder standen an den Fenstern ihrer Zimmer.

Schnatterdienst: Um die betreuten Personen nicht allein zu lassen, hat sich auch der ambulante Dienst der Stadtmission etwas einfallen lassen, sagt Lisa Kühnert. Die Sozialstation Kemtau hat einen "Schnatterdienst" für Kunden eingerichtet, die von den Mitarbeitern sonst hauswirtschaftlich versorgt werden. Gesprochen werde über alles Mögliche - die aktuelle Situation, Ängste, Sorgen und Nöte. Das Angebot komme sehr gut an: "Die Kunden fühlen sich so nicht im Stich gelassen", sagt Katrin Edel, Pflegedienstleiterin der Sozialstation Chemnitz. In den zwei Pflegeheimen der Arbeiterwohlfahrt glühen ebenfalls die Drähte. "Es wird sehr viel telefoniert", sagt Andrea Saupe, Fachbereichsleiterin für Seniorenarbeit und Pflege. Auch bei Senvital nutzten viele Bewohner das Telefon, um Kontakt zur Familie zu halten. Ein Mann habe einen Laptop vorbeigebracht, um per Skype mit seinem Angehörigen im Heim zu kommunizieren, so Jörg Petzold. Da im Haus W-Lan anliege, sei das kein Problem.

Malerei: Um den Bewohnern die Situation etwas zu erleichtern und sie auf andere Gedanken zu bringen, haben Kinder von Mitarbeitern des Pflegeheims der Stadtmission am Zeisigwald im Yorckgebiet Bilder gemalt. Sie sollen die alten Menschen etwas aufmuntern und bald auch im Haus ausgestellt werden.

Balkongespräche: Plaudereien zwischen Bewohnern und Angehörigen sind am Balkon des Pflegeheims der gemeinnützigen Heimgesellschaft in Harthau möglich. Familienmitglieder kämen spontan vorbei, um einen kurzen Schwatz mit ihren Lieben auf dem Balkon zu halten, berichtet Ressortleiterin Kerstin Kunze. Die Heimgesellschaft betreibt drei Pflegeheime und zwei weitere soziale Einrichtungen mit Bewohnern in der Stadt. Demenzkranke seien von dem persönlichen Kontaktabbruch besonders betroffen, sagt Kunze. Sie erlebten direkte Kontakte als glückliche Momente, auch wenn sie, wenn sich die Tür hinter Tochter oder Enkel schließt, oft schon nicht mehr wüssten, dass diese da waren. Aber während des Kontakts sei ihnen bewusst, dass derjenige Mensch gut für sie sei, sie Vertrauen zu ihm haben können. "Das macht sie glücklich", so Kunze. Nun komme keiner, der den Demenzkranken zu diesen Erlebnissen verhelfe. Die Zeit mit den Alten sei grundsätzlich beschränkt. "Diese gemeinsame Zeit geht nun verloren".


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    3
    Pixelghost
    28.03.2020

    „Da im Haus W-Lan anliege, sei das kein Problem.“ Das ist das drollige IT-Deutschland.
    220 Volt “liegen an”- oder eben Breitband -Internet, WLAN wird gesendet.