Müllkraftwerk: Chemnitz müsste zusätzliche Abfälle importieren

Versorger Eins sucht nach Ersatz für Braunkohle. Ein Vorschlag dafür weckt bei Anwohnern Ängste vor höheren Belastungen.

Es sei nur eine mögliche Option, bemühte sich Roland Warner, die Gemüter der anwesenden Anwohner zu beruhigen. Noch sei überhaupt nichts Konkretes geplant und schon gar nichts entschieden, so der Vorsitzende der Geschäftsführung des Chemnitzer Versorgers Eins am Montagabend in der Kantine des Heizkraftwerkes an der Blankenburgstraße. Zu der öffentlichen Versammlung hatte die Stadtratsfraktion der Linken eingeladen, um sich selbst und interessierte Bürger über die Überlegungen zu einem Müllkraftwerk als Ersatz für einen der beiden Braunkohleblöcke des Heizkraftwerkes zu informieren.

Doch die Aussagen von Warner und auch von Bürgermeister Miko Runkel als Vorsitzendem des Abfallwirtschaftsverbandes Chemnitz (AWVC) reichten aus, um viele der Zuhörer, die vor allem aus Furth und Schloßchemnitz gekommen waren, zu verunsichern. So kündigte Runkel an, der Verband werde die Verwertung der sogenannten Ersatzbrennstoffe - das sind aus Restmüll gepresste Pellets, die in der Abfallbehandlungsanlage Weißer Weg anfallen - für den Zeitraum ab 2025 neu ausschreiben. Bis Ende Mai 2020 werden diese Pellets noch zum Kraftwerk Jänschwalde bei Cottbus gebracht und dort verbrannt. Ab Juni 2020 sollen sie fünf Jahre lang nach Zorbau bei Leipzig transportiert und dort unter anderem zum Heizen von Gewächshäusern verfeuert werden, so Runkel. 3800 Lastwagen seien dafür pro Jahr vom Weißen Weg aus unterwegs.

Da der AWVC für die Abnahme der Müll-Pellets kein Geld erhalte, sondern stattdessen immer höhere Preise bezahlen müsse, verspreche ein Müllkraftwerk an der Blankenburgstraße wegen des kurzen Weges die günstigsten Kosten, sagte der Bürgermeister. Neben etwa 50 Prozent CO2-Einsparung beim Transport würde das auch für stabile Müllgebühren sorgen.

Warner zufolge könnte sich Eins mit einem Angebot bei der Ausschreibung des AWVC um den Zuschlag bewerben - vorausgesetzt, das erweise sich betriebswirtschaftlich als sinnvoll. "Wir haben aber noch keine fertigen Pläne in der Schublade", betonte er. Erst in den nächsten Jahren müsse der Versorger entscheiden, wie es im Heizkraftwerk nach dem Braunkohleausstieg weitergehen soll.

Laut dem Eins-Chef wäre ein Müllkraftwerk, in dem jährlich 120.000 Tonnen Abfall verbrannt werden könnten, rentabler als eine Anlage mit halb so großer Kapazität. Das Verbrennen einer Tonne Müll würde halb soviel kosten. "Deshalb meinen wir, wenn wir in Chemnitz eine Anlage bauen, dann mit einer Kapazität von 120.000 Tonnen", sagte er.

Bürgermeister Runkel stellte allerdings klar, dass beim AWVC nur 60.000 bis 80.000 Tonnen Restabfall aus Chemnitz sowie Teilen des Landkreises Mittelsachsen und des Erzgebirges anfallen. "Mehr schreiben wir nicht aus", erklärte er. Das bedeute, dass jährlich 40.000 Tonnen Müll von anderswo zugekauft und nach Furth transportiert werden müssten, fasste Stadtrat Hans-Joachim Siegel zusammen. Warner widersprach der Rechnung nicht.

Viele Anwohner hatten offensichtlich gehofft, mit dem Ausstieg aus der Braunkohle würden die Luft- und Verkehrsbelastung an der Blankenburgstraße abnehmen. Jetzt fürchten sie, dass alles so bleibt wie es ist oder sogar noch schlimmer wird. "Sie sehen nur das Heizkraftwerk, wir sehen auch noch die Gießerei Trompetter und die Bauschutt-Schredder-Anlage", warf einer von ihnen Warner vor.

Der Eins-Chef versicherte, mit dem Müllkraftwerk werde die Belastung nicht zunehmen, sondern sinken. Runkel sagte zu, vor einem Müllkraftwerksbau fänden Umweltverträglichkeitsprüfungen und Immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren statt, bei denen die Gesamtsituation am Standort betrachtet werde. Baubürgermeister Michael Stötzer rechnete vor, dass 3800 Lastwagen im Jahr nur etwa 20 pro Wochentag wären und sich damit die Verkehrsbelastung kaum ändere. Außerdem falle der Abtransport von Asche und Gips aus dem Heizkraftwerk weg.

Den ersten Braunkohleblock B will Eins bis Ende 2022 stilllegen und durch zwei Gasmotorenkraftwerke sowie ein Holzkraftwerk zur Strom- und Fernwärmeproduktion ersetzen. Der zweite und letzte Block C soll bis Ende 2029 abgeschaltet werden. Für seine Ablösung gebe es noch keine Pläne. Denn für die Zeit nach 2025 fehlten bisher noch die politischen Rahmenbedingungen, sagte Warner. Von der Stilllegung der beiden Blöcke, die zusammen eine Million Tonnen Braunkohle im Jahr verbrennen, seien insgesamt 120 Mitarbeiter betroffen. Für sie suche Eins nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten.

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 3 Bewertungen
16Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    Einspruch
    19.09.2019

    @Lexisdark: Ihren ersten Kommentar zu verstehen, war leicht, denn er war ebenfalls schlicht gehalten. Eine Wiederholung und Zusammenfassung des Artikels, für den Fall , das ihn jemand nicht einordnen konnte, ergänzt durch die allgemein bekannte Sachlage. Ich möchte es Ihnen nicht nehmen, sich stolz für für diesen ersten Beitrag
    zurück zu lehnen und nun andere zu bewerten. Einzig, wie Sie zu dem Schluss kommen, er, (der Beitrag), wäre konstruktiv gewesen, das ist vielleicht nochmal näher zu beleuchten. Ergötzen sie uns doch bitte.

  • 3
    2
    Lexisdark
    19.09.2019

    @Einspruch also doch nichts Konstruktives von Ihrer Seite. War ja klar. Und wenn Sie meinen ersten Kommentar gelesen hätten, würden Sie nicht fragen. Bezüglich der hier diskutierten Situation habe ich mich für Sie hoffentlich verständlich ausgedrückt.

  • 5
    1
    franzudo2013
    18.09.2019

    Die typische Dramatisierung der Presse. Jetzt wird dort Braunkohle verbrannt. Aufbereiteter Restmuell hat denselben Brennwert wie Braunkohle.
    Es ändert sich wenig bis nichts.
    Wo ist das Problem?

  • 1
    5
    Einspruch
    18.09.2019

    Lexisdark, ich habe nur den derzeitigen Mainstream wieder gegeben. Und selbst? Vorschläge oder Greta Hype?

  • 7
    3
    Lexisdark
    18.09.2019

    @Einspruch sehr viel schlauer ist Ihr Kommentar auch nicht. Etwas Konstruktives beizutragen oder bleibt es beim Gretabashing? Wenn einem schon sonst als Erwachsener nichts besseres einfällt.

  • 3
    2
    tfr
    18.09.2019

    Ich hätte noch eine Idee, jeder entsorgt seinen Müll selber oder behält ihn, dann brauchen wir kein EBS Kraftwerk ;-). Aber im ernst liebe zukünftige Bürgerinitiative, bedenkt bitte, jetzt reden wir über 1.000.000t im Jahr, dann über max. 120.000t, das ist eine Null weniger, mit einer vollkommen anderen Technologie, also bitte, jetzt wäre es angebrachter zu demonstrieren, aber die wenigsten werden jetzt schon dabei sein - weil FFF und Greta sind ja nur Spinner, aber wenn es vor der Haustüre passiert dann machen wir mit, also dagegen mit - oder?

  • 5
    8
    Einspruch
    18.09.2019

    Man könnte ja erstmal abschalten und dann ein kleines Windrad in den Ofen stellen. Mal die Greta fragen oder die FFF Jünger. Die reden doch immer so schlau.

  • 5
    2
    fnor
    18.09.2019

    Die Überkapazitäten sind bereits da. Es müssen nicht nur die in Chemnitz fehlenden Mengen importiert werden, auch da wo jetzt der Chemnitzer Müll verbrannt wird klafft dann eine Lücke. Ggf. sollte man mehr recyceln anstatt die Verbrennung als thermische Verwertung zu feiern. Für die Entsorgung ist Verbrennen die einfachste aber nicht nachhaltigste Lösung. Wir werden nicht im Müll ersticken, wenn er nicht in Chemnitz verbrannt wird.

  • 17
    1
    cn3boj00
    18.09.2019

    Klar machen wir wieder eine Bürgerinitiative, das ist ja in. Dabei fällt auf, dass fast alle "Initiativen" gegen etwas sind, kaum mal für etwas. Deshalb müsste so etwas dann Preventive und nicht Initiative heißen.
    Es ist allemal besser, den eigenen Müll selber zu verbrennen als Irgendwo hin zu karren. Und natürlich wäre es gut, einen Bahnverladung zu machen. In einem Staat, der nach vorne denkt, würde man in diesem Zusammenhang über einen Gleisanschluss von Hilbersdorf zum Weißen Weg nachdenken. Das man das nicht tut ist das eigentliche Übel, nicht der Kraftwerksgedanke an sich. Denn niemand muss befürchten dass eine Müllverbrennung genau so schlimm ist als wenn der Nachbar alte Reifen oder sein Laub verbrennt, was wohl nicht zu einer Initiative führen würde.
    Nicht gut aber wäre, wenn in Sachsen dadurch Überkapazitäten geschaffen würden, die Anlagen bei Zulieferungen konkurrieren und am Ende noch Müll aus dem Ausland herangekarrt werden müsste.

  • 8
    14
    ArndtBremen
    18.09.2019

    Hauptsache der Kohleausstieg ist beschlossen. Scheiss auf die Konsequenzen.

  • 12
    2
    Nixnuzz
    18.09.2019

    Mal eine Querdenke: In Westdeutschland wurden Eisenbahn-antransportierte "Mülle" aus Italien verbrannt, weil es Kapazitäten und Hochtemperaturöfen gab. Was kann hier gleichartig behandelt werden?

  • 19
    4
    Zeitungss
    18.09.2019

    @juerei: 2 Vorschläge hätte ich anzubieten.
    1. Sie befassen sich einmal näher mit der Müllverbrennung der Stadt Wien
    2. Das Gegenteil dazu ist der Vogtlandkreis, dort wird der Müll in regelmäßigen Abständen ohne jede Anlage verbrannt. Die Abgase filtert dann jeder Bürger nach seinen Möglichkeiten selbst.
    Zusatz: Gründen Sie eine Bürgerinitiative zur Müllvermeidung, den Vorsitz könnten gleich Sie übernehmen.

  • 5
    22
    701726
    18.09.2019

    DerMüll muß ja auch erstmal zwischengelagert werden und wo.
    Das stinkt doch gehn Himmel.
    Muß nur an den Weißen Weg denken.
    Aber man kann sagen wir schaffen die Braunkohle ab , ist doch alles nicht bis zum Ende durchdacht, aber das ist ja nicht nur bei diesen Entscheidungen so,
    alles nur Fanatisch .

  • 7
    30
    juerei
    18.09.2019

    Ohne ins Detail gehen zu wollen - man sollte die Verantwortlichen frühstmöglich unter Druck setzen, damit ein künftiges Müllkraftwerk eben keine Option bedeutet.
    Vielleicht sind die betroffenen Anwohner gut beraten, in dieser Sache eine Bürgerinitiative zu gründen.
    Und dass die Linken eine öffentliche Bürgerversammlung organisiert haben, war doch mal eine gute Aktion!

  • 32
    2
    Deluxe
    18.09.2019

    Es wird wieder nur in der Dimension LKW gedacht. Von Anwohnern wie von EINS gleichermaßen.

    Aber das HKW hat einen Gleisanschluß. Zugekaufter Müll müßte nicht unbedingt per LKW kommen. Die Braunkohle kommt ja auch nicht auf der Straße zum Kraftwerk...

    Übrigens...
    Auch vom Weißen Weg ist es nicht weit bis zur nächsten Bahnstrecke. Clevere Lösungen erfordern vielleicht manchmal etwas Phantasie, aber Pellets kann man beispielsweise auch über Rohrleitungen in Güterwagen verladen. Wer es nicht glaubt, kann sich mal einen Getreidehafen und die dortige Verladetechnologie ansehen. In Rostock gibt es einen.

    Man muß mal aus den üblichen gedanklichen Begrenzungen ausbrechen und an das Ungewöhnliche denken.

  • 37
    4
    Lexisdark
    18.09.2019

    Das die Anwohner sich über die Pläne nicht gerade freuen war eigentlich klar. Fakt ist aber auch, unser Müll muss entsorgt werden. Und keiner will ihn vor seiner Haustür oder in riechbarer Umgebung. Da das Kraftwerk auch entsprechend umgebaut werden muss, kann man da auch nicht nur mit halber Kraft heizen, die Kosten sollen ja auch wieder eingespielt werden. Zumal auch bei der Braunkohle schon reichlich, aber nicht komplett, Schadstoffe heraus gefiltert werden, u. a. Schwefeldioxid, Schwermetalle. Aber wenn die Chemnitzer das nicht wollen, laden wir das anderen Leuten auf und das ist auch nicht akzeptabel. Ist eigentlich wie mit dem Strom, jeder will und braucht ihn, Kraftwerke und Leitungen sollen aber am besten unsichtbar sein.



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