Nach Kündigungen in Kitas: Mitarbeiter erhalten mehr Geld

Mehrere Erzieherinnen sind nach Chemnitz gewechselt. Nun reagiert der Betreiber in Limbach-Oberfrohna. Das hat auch Folgen für die Eltern.

Limbach-Oberfrohna.

Helge Walter hatte vor einigen Monaten eine turbulente Zeit zu überstehen. Zwischen Oktober 2017 und März 2018 häuften sich die Kündigungen auf dem Schreibtisch des Bona-Vita-Geschäftsführers: Gleich fünf Erzieherinnen verließen die städtische Tochtergesellschaft, die in Limbach-Oberfrohna acht Kitas und Horte sowie ein Pflegeheim betreibt. Als Ausgleich mussten andere Mitarbeiterinnen in Teilzeit gebeten werden, ihre Stunden aufzustocken. "Das war ein Alarmsignal", sagt Walter im Rückblick.

Weitere kamen hinzu: Die meisten der scheidenden Mitarbeiterinnen wechselten in Chemnitzer Kindereinrichtungen. Ihre Begründung: In der Nachbarstadt wird nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt - und damit deutlich besser als bei der Bona Vita. Auch bei Gesprächen mit Bewerberinnen, deren Anzahl tendenziell sank, hörte der Geschäftsführer immer wieder, dass die Gesellschaft vergleichsweise wenig zahle. "Da war klar, dass wir etwas machen müssen", stellt der 50-Jährige fest. Andernfalls wäre die Bona Vita nicht mehr wettbewerbsfähig geblieben.

Gemeinsam mit dem Personalrat arbeitete Walter deshalb ein völlig neues Entgeltsystem aus, das an den öffentlichen Dienst angelehnt ist: Es gibt jetzt 16 Entgeltgruppen je nach Qualifikation sowie sechs Entgeltstufen je nach Verweildauer im Unternehmen. Nach Walters Angaben sieht das Entgeltsystem, das zum 1.Juli in Kraft getreten ist, Gehaltserhöhungen für die etwa 130 Mitarbeiter von 20 Prozent und mehr vor. Zum Teil würden die Sätze des öffentlichen Dienstes erreicht, zum Teil liege man maximal 350 Euro pro Monat darunter. Die Frage, warum sich die Bona Vita nicht dazu entschlossen hat, die Konditionen des öffentlichen Dienstes zu übernehmen, beantwortet Walter so: "Das wäre nicht finanzierbar gewesen. Wir sind der Wirtschaftlichkeit verpflichtet."

Durch das neue Gehaltssystem konnten die Kündigungen laut Walter gestoppt werden, auch in Gesprächen mit Bewerberinnen habe man damit punkten können. Derzeit seien alle Stellen besetzt. Das hat seinen Preis: Wegen des neuen Entgeltsystems steigen die Gehaltskosten für die Mitarbeiter in diesem Jahr um 600.000 Euro im Vergleich zu 2017. Allein 420.000 Euro davon entfallen auf den Kita-Bereich. Der Stadtrat hat grünes Licht gegeben. "Gutes Personal kostet Geld", sagt Anja Sonntag (Freie Wähler).

Der Bona-Vita-Personalrat ist mit dem neuen Modell zufrieden. "Wir können im Moment gut damit leben", sagt die Vorsitzende Beate Schaal. Vor allem für die Mitarbeiter des Pflegeheims sei viel erreicht worden. Denn in der Vergangenheit seien die Gehälter der Kita-Erzieherinnen auf geringem Niveau angehoben worden, das der Pflegekräfte aber nicht, erklärt Schaal. Zugleich weist die Erzieherin in der Kita Heinrichstraße darauf hin, dass ihr Arbeitgeber aus ihrer Sicht viel zu spät die Gehälter angehoben hat. "Der Schritt hätte schon vor zehn oder 15 Jahren kommen müssen", betont Schaal. Für die Zukunft sei entscheidend, dass es analog zur Entwicklung im öffentlichen Dienst weitere Anpassungen geben müsse. "Wir dürfen nicht zu weit vom Tariflohn wegkommen", mahnt die Personalratsvorsitzende.

Ähnlich äußert sich Christin Seifert, die Elternratsvorsitzende in der Kita Am Hohen Hain. "Die Erhöhung ist ein sehr guter Schritt, der längst überfällig war." Die Leistungen der Erzieherinnen, die trotz der vergleichsweise geringen Bezahlung immer motiviert gewesen seien, müssten angemessen gewürdigt werden. Seifert ist froh, dass nach den durch die Kündigungen ausgelösten Personalwechseln nun wieder Ruhe eingekehrt ist. "Für kleine Kinder ist es schwierig, sich an neue Bezugspersonen zu gewöhnen."

Die Erhöhung der Gehälter wird für die Mütter und Väter Folgen haben. Denn die Elternbeiträge berechnen sich anhand der Betriebskosten. Bei diesen wiederum sind die Personal-Ausgaben ein wesentlicher Faktor. Man kann also davon ausgehen, dass die Elternbeiträge bei der nächsten Neuberechnung im Sommer 2019 zum wiederholten Mal steigen werden. "Das muss man hinnehmen", sagt Seifert. Sie als Privatperson könne mit einer Erhöhung der Elternbeiträge leben, solange die Erzieherinnen profitierten.


Kommentar: Lohndumping lohnt sich nicht

Die Bona-Vita-Gesellschaft wurde einst durch die Stadt gegründet, um der Tarifbindung zu entgehen und die Gehälter der Erzieherinnen zu drücken. Das ist aus Sicht der städtischen Finanzen jahrelang gut gegangen - auch weil sich die Erzieherinnen ihren Arbeitsplatz in der Vergangenheit mangels Nachfrage oft nicht aussuchen konnten.

Doch inzwischen hat sich die Situation geändert. Wegen der steigenden Geburtenrate werden in Chemnitz und anderswo Kitas gebaut. Erzieherinnen sind begehrt und können sich ihren Arbeitsplatz aussuchen. Dass vor allem junge Fachkräfte nach den besten Bedingungen Ausschau halten, ist nachvollziehbar. Insofern kommt die Anhebung der Gehälter bei der Bona Vita offenbar gerade noch zur rechten Zeit. Trotzdem sollten sich Stadtverwaltung und Stadtrat fragen, ob das reicht. Da sich der Kampf um die besten Mitarbeiter noch verschärfen wird, könnte es sein, dass bald keine Chance mehr haben wird, wer keinen Tariflohn zahlt. In diesem Fall könnte man die Bona Vita gleich auflösen und die Erzieherinnen wieder bei der Stadt anstellen. Spielräume im Haushalt gibt es.

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