Neues Projekt erkundet das Unsichtbare der Orte

Eine Gruppe versucht, die Stadt zu erkunden und dabei visuelle Eindrücke auszublenden. Erfahrungen von Sehbehinderten helfen dabei.

Wie wäre es, einmal durch die Stadt zu gehen, und dabei auf alles zu achten, was man nicht sehen kann? Dem versuchten Teilnehmer des Projekts Echolot unter dem Dach des Vereins Bürgerinitiative Chemnitzer City nachzugehen. Rund 15 Personen beteiligen sich seit vergangenen Oktober an den regelmäßigen Workshops und Veranstaltungen zum Thema.

Einige von ihnen sind Sehbehindert oder gar von Geburt an blind, beschreibt Projektleiterin Birgit Leibner. Sie sind im Projekt die Experten, ihre vermeintliche Schwäche wird zur Stärke. Jeder Teilnehmer hat Orte vorgeschlagen, die im Projekt mittels Spaziergängen erkundet werden. Dabei soll der Fokus auf dem Hör- und Greifbaren liegen. Es geht auch um Geschichten und Erinnerungen, die mit den Orten verbunden sind. So nehme zum Beispiel ein älterer Mensch die Innere Klosterstraße anders wahr als ein jüngerer, da er wisse, wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, beschreibt Leibner.

Besonders spannend seien die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Orte von Sehenden und Blinden. Für manche Sehbehinderte sei zum Beispiel der Platz rund um den Stadthallenpark toll, weil dort viel los ist und es viele Geräusche gebe, so Leibner. Eine blinde Teilnehmerin habe den Ort aber auch als unangenehm beschrieben, denn sie spüre die Weite des Platzes, wodurch sie sich verloren fühle. Wie das geht? "Manche Blinde orientieren sich per Echo, je nachdem, wie sich der Schall an Gebäuden bricht", so Leibner. Im Projekt soll es um eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen gehen. Darum arbeiten Ingolf Watzlaw für die Skulpturen und Claudia Garbe für Performance und Tanz mit. Bei den Ortserkundungen wurden zum Beispiel mit Ton Abdrücke von interessanten Oberflächen genommen. Später entstanden Skulpturen aus Ton, Gips oder Draht, inspiriert von den Gefühlen, die an den Orten entstanden sind, beschreibt Watzlaw.

Ziel des Projekts sei es, die Menschen wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der Weg zu mehr gegenseitigem Verständnis nur über mehr Kommunikation führt, erklärt Leibner. "Austausch und Kommunikation scheinen momentan in der Gesellschaft verloren zu gehen", sagt Watzlaw. Das Projekt solle helfen, wieder mehr den Fokus auf das zu legen, was die Menschen verbindet und weniger darauf, was sie trennt.

Am 5., 6. und 7. Oktober wird es öffentliche Stadtspaziergänge geben. Sie werden an sieben Orte im Stadtgebiet führen. Dort sind Aktionen geplant mit Texten, Klängen und Musik. Die Teilnehmer werden diese Ort mit verbundenen Augen erleben können und so von den Recherche-Ergebnisse der Projekt-Gruppe lernen, erklärt Watzlaw. Zum Ende eines jeden Spaziergangs ist eine größere, bisher noch nicht genau definierte Aktion auf dem Markt geplant. Dafür wurde ein Projektchor gegründet, für den noch Mitstreiter gesucht sind. Später werden die Projektteilnehmer an den von ihnen erkundeten Orten Skulpturen installieren. Ziel sei es, eine Karte mit den Orten zu erstellen, ergänzt von einem digitalen Audio-Rundgang. Vielleicht, hofft Leibner, kann man den Audio-Rundgang dann sogar in der Touristinformation ausleihen.

Mitmachen: Für den Projektchor werden noch Sänger gesucht. Anmeldungen unter 0371 4957501 oder chem-buerger@web.de. Weitere Infos: www.echolot-chemnitz.de

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