Niners auf Höhenflug mit Tante Anna

Sportlich derzeit ganz oben, grüßten die Chemnitzer Zweitliga-Basketballer am Mittwoch aus dem Luftraum über Chemnitz: aus einem Flugzeug, das bei manch einem Spieler Nervosität hervorrief.

Es riecht, als stehe man neben dem Auspuff eines Trabants. Dichter, weißer Qualm verdeckt die Sicht und ein tiefes Grollen übertönt jegliches Gespräch. Virgil Matthews ist dennoch gut gelaunt. "Here we go" - "Auf geht's", ruft der US-Amerikaner. Und Landsmann Evan Elliot stößt ein "Uiiiihh" aus. Ein kurzes Anrucken, das Dröhnen wird lauter und zehn Sekunden später hebt der Doppeldecker von der Startbahn des Verkehrslandeplatzes Chemnitz /Jahnsdorf ab. An Bord: Spieler und Trainer des Basketball-Zweitligisten Niners Chemnitz.

Die sind derzeit in ihrer Liga das Maß aller Dinge. Sechs Siege aus sechs Partien bedeuten Rang eins, die Hoffnung auf den Aufstieg in die Bundesliga wird wöchentlich neu genährt. Ein Erfolgsgeheimnis: Die Chemie im Team stimme, betont Trainer Rodrigo Pastore. Die Spieler arbeiteten hart, hätten aber auch Spaß - auf und neben dem Spielfeld.

Beides kam am Mittwoch zusammen. Am Vormittag stand ein zweistündiges Training auf dem Programm. Am Nachmittag traf sich die Mannschaft am Jahnsdorfer Flugplatz - auf Einladung des Chemnitzer Zahnarztes Matthias Halm. Er ist nicht nur Niners-Fan, sondern betreut die Chemnitzer Korbjäger bei Zahnproblemen, fertigt ihnen beispielsweise Zahnschutz-Schienen an. Und der Mediziner ist Hobby- Pilot. Vor sechs Jahren hat er das Fliegen gelernt, hebt regelmäßig mit einer Cessna ab und steht in gutem Kontakt mit dem Anbieter von Rundflügen in einem Doppeldecker. "Da kam mir die Idee, wir müssten den Basketballern doch mal die Hartmannhalle von oben zeigen. Und zeitlich passt es perfekt: Die Mannschaft hebt ja im Moment sportlich ab." Der Verein sagte zu und machte eine Teambuilding-Maßnahme draus. "Mal was anderes als Bowling", hieß es.

Für die Aktion hatte Halm aber nicht eine moderne Maschine ins Auge gefasst, sondern eine Antonow AN-2. Das auch "Tante Anna" genannte Flugzeug ist der größte einmotorige Doppeldecker der Welt. Und nicht mehr ganz neu. 1973 hob die Maschine zum ersten Mal vom Boden ab, vor etwa zehn Jahren wurde sie restauriert. Innen fühlt man sich dennoch in der Zeit zurückversetzt: Grau und olivfarben lackiertes Metall dominiert die unverkleideten Wände, statt moderner Unterhaltungselektronik hängen Ohrenschützer in dem Oldtimer. Im Cockpit fehlen digitale Anzeigen, stattdessen blicken die Piloten auf kreisrunde Instrumente mit Zeigern. "Hier ist alles noch manuell, geflogen wird mit Arschgefühl", erklärt Pilot Marco Schneider, der sonst für ein Transportunternehmen am Steuer einer Boeing 777 sitzt.

Das alles sorgt bei einigen Niners-Spielern offenbar für leichtes Unbehagen. Als Co-Pilot Halm fragt, wer mitfliegen will, blicken sich einige Akteure zögernd um, ehe sie langsam die Hände heben. Er sei schon oft geflogen, sagt Evan Elliot. "Aber noch nie mit so einer kleinen und alten Maschine. Da ist man schon nervös", gesteht der 31-Jährige. Schließlich machen aber alle mit.

Gestärkt mit Lieferpizza müssen die Sportler das Flugzeug aus dem Hangar schieben, bevor sie sich in den Innenraum zwängen. Während sie zumindest in leicht gebückter Haltung stehen können, fehlt es an Beinfreiheit. Die Knie der zumeist um die zwei Meter großen Athleten bohren sich in die Sitze des Vordermannes. Eine allerdings nur kurze Belastung. Die Antonov ist schnell in der Luft, hebt nach nur 200 Metern Anfahrt ab, um wenig später die Reisehöhe von 500 Metern zu erreichen. Der Motor dröhnt laut, die Spieler rufen sich Wortfetzen zu. Gemächlich, mit etwa 170 Kilometern pro Stunde tuckert die Maschine über Chemnitz, nur manchmal fühlt es sich an, als durchfahre man mit dem Auto ein Schlagloch. Die Spieler verlassen ihre Plätze, schießen hier ein Selfie, dort ein Foto aus einem der bullaugenförmigen Fenstern, vom Stadion, dem Schloßteich und natürlich der Hartmannhalle. "Ich glaube, ich sehe auch mein Wohnhaus", sagt Elliot. Zwei Kurven später macht sich Tanta Anna auf den Rückweg. Beim Landeanflug neigt sich das Flugzeug kurz weit nach rechts. Seitenwind - unangenehm für einen Doppeldecker. Dann setzt er sanft auf. Die Niners applaudieren. "Tolle Erfahrung", meint Elliot. "Riesenspaß", sagt Landsmann Matt Scott, als er wieder Boden unter den Füßen hat. Dort, auf dem Boden der Tatsachen, geht es für die Überflieger am Samstag weiter: mit einem Heimspiel gegen Tübingen.

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