Obstbäume am Weg: Pflücken erwünscht

Brachen hat Chemnitz ausreichend zu bieten. Jetzt gibt es eine ungewöhnliche Idee: Die trostlosen Flächen könnten begrünt werden. Nicht mit Rasen, sondern mit Kohlrabi- und Radieschenpflanzen. Das Ziel: Eine essbare Stadt.

Schafe und Ziegen neben dem Roten Turm im Stadthallenpark? Das war im Jahr 2009 ein - nicht ganz ernst gemeinter, etwas provozierender - Vorschlag des damaligen Grünen-Stadtrates Volkmar Zschocke. Diskutiert wurde seinerzeit, wie durch den Stadtumbau entstehende Brachflächen sinnvoll und nachhaltig genutzt werden könnten. Sechs Jahre später, Zschocke ist inzwischen Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, steht immer noch zur Debatte, ob es für Brachen eine grüne Zukunft geben könnte. Dabei ist nicht unbedingt das Anlegen von Wiesen gemeint, sondern auch der Anbau von Obst und Gemüse in dann öffentlichen Anlagen. Chemnitz- die essbare Stadt? Dieser Frage gingen unter Zschockes Moderation in dieser Woche Vertreter der Stadt, Kleingärtner und verschiedener Initiativen nach, darunter des Interkulturellen Gartens Bunte Erde und des Saatgut-Gartens Nachhall.

Chemnitz verfügt über 617 Hektar Brachflächen, die zum Beispiel nach Abriss von Bebauung entstanden sind. Das entspricht etwa 870Fußballfeldern. Davon könnten etwa zehn Prozent als Park- und Gartenfläche genutzt werden, sagte Viola Brachmann vom Stadtplanungsamt. Der Rest sei nicht für Grünflächen geeignet, weil zum Beispiel der Boden verunreinigt ist - wenn etwa vorher ein Parkplatz dort war - oder weil eine Neubebauung geplant ist.

Abgesehen vom stadtplanerischen Aspekt sei auch der soziale Faktor von Gemeinschafts-Grünflächen in Zukunft nicht zu unterschätzen, sagt Zschocke. Menschen aus anderen Kulturen sollen integriert werden; immer mehr ältere Menschen in der Stadt würden durch die Änderung sozialer Strukturen vereinsamen. Ein Garten sei eine perfekte Begegnungsstätte. Nicht zuletzt wurde in der Runde darauf verwiesen, dass durch den Klimawandel und die Zunahme der Weltbevölkerung landwirtschaftlich nutzbare Flächen knapp werden. Deshalb seien alternative Konzepte notwendig, mögen die Ideen des Urban Gardening, des städtischen Gärtnerns, auf den ersten Blick auch idealistisch wirken. Die Idee: Grünflächen in Städten sollen sinnvoll genutzt werden, indem dort Essbares angebaut wird. Das ist an sich keine revolutionäre Idee: Schrebergärten sind im Prinzip nichts anderes als Vorläufer des urbanen Gärtnerns.

Die Idee der "essbaren Stadt" stammt aus England und ist auch in deutschen Orten angekommen. 2014 hat die Stadt Andernach für die Umsetzung des Prinzips "Pflücken erlaubt statt Betreten verboten" eine Auszeichnung im bundesweiten Innovationswettbewerb bekommen. Statt Rosen und Stiefmütterchen werden Radieschen und Kohlrabi gepflanzt, auf Grünanlagen wachsen Apfelbäume statt Birken. Jeder kann sich bedienen. Das klingt schön, sei aber teuer in der Umsetzung, sagte Peter Börner, Leiter des Grünflächenamtes. Derzeit habe die Stadt 30 Cent pro Jahr für einen Quadratmeter Grünfläche zur Verfügung - ihr Spielraum sei begrenzt. Die billigste Lösung sei die Begrünung mit Rasen, wobei billig nicht gleich sinnvoll sei, wie Börner einschränkt. Deshalb begrüße die Stadt Initiativen wie die bisher sechs Gemeinschaftsgärten. Der Verein Bunte Erde zum Beispiel hat seit 2010 Brachland von der Stadt gepachtet, wo sich die Nachbarschaft zum Säen und Jäten treffen kann. Im Stadtteilgarten "Zietenaugust" auf dem Sonnenberg gärtnert eine Gruppe junger Leute seit vergangenem Sommer im Hinterhof eines leerstehenden Mehrfamilienhauses.

Ein bisschen essbar ist Chemnitz also schon. Das Problem: Es wissen zu wenige. So gibt es 60 Bäume und Sträucher, an denen man ganz legal Obst pflücken könnte - aufgelistet auf der Internetseite mundraub.org. Allerdings traue sich da keiner ran, so Börner. Also vergammeln die Äpfel an den Bäumen, oder Bürger beschweren sich über Fallobst.

Grasende Schafe wird es am Roten Turm wohl auch künftig nicht geben. "Aufwand und Nutzen stünden da in keiner Relation", räumt selbst Ideengeber Volkmar Zschocke ein. Aber andere Tiere sind in der Stadt angekommen: Im Interkulturellen Garten auf dem Kaßberg gibt es jetzt 21 Bienenvölker.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...