Odyssee: Wie ein Rentner nach einem Augenarzt sucht

Ein 89-jähriger Mann bekam in der Stadt keinen Termin beim Fachmediziner und sollte nach Dresden fahren. Trotz des Engpasses dürfen sich in Chemnitz keine neuen Augenärzte niederlassen.

Fünf Operationen an seinem linken Auge hat Siegfried Hartwig nach einer Netzhautablösung hinter sich, sein Augeninnendruck muss regelmäßig kontrolliert werden. Steigt der Druck, muss er wieder unters Messer. Doch die Augenärztin des 89-Jährigen hat ihre Arbeit in Chemnitz beendet, nachdem das Medizinische Versorgungszentrum, in dem sie angestellt war, schloss. Händeringend suchte die Ehefrau von Siegfried Hartwig nach einem neuen Augenarzt für ihren Mann. Zehn Mediziner im Stadtgebiet rief Ingeborg Hartwig an - vergebens.

Sie sei verzweifelt gewesen, sagt die 74-Jährige. Kein Augenarzt wollte ihren Mann in seine Patientenkartei aufnehmen. Schließlich habe sie ihre Krankenkasse angerufen. Dort erhielt sie die Telefonnummer einer Vermittlungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Sie ist für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung zuständig. Durch die Vermittlung sollen Patienten, die keinen Facharzt finden, Termine vermittelt werden. Doch auch hier erhielt das Paar keine wirkliche Hilfe. In Chemnitz sei es nicht möglich, einen Termin bei einem Augenarzt zu bekommen, wurde Ingeborg Hartwig mitgeteilt. Ihr Mann sollte stattdessen nach Dresden fahren, dort gebe es freie Termine, hieß es an der Hotline. Doch mit dem Auto könne der 89-Jährige gar nicht fahren, da er so schlecht sehe, sagt seine Frau. Sie wäre stattdessen mit ihrem Mann im Zug in die Landeshauptstadt gefahren.

Die Chemnitzerin wandte sich auch ans Bundesgesundheitsministerium. "Bis ins Büro des Ministers bin ich durchgekommen, dort habe ich meine Nummer hinterlassen." Man rufe sie zurück, hieß es. Darauf wartet die Frau immer noch.

Ihre Odyssee, so nennt die Rentnerin ihre Suche nach einem Augenarzt, ging weiter. Die Situation spitzte sich zu, als ihr Mann zu einer Nachkontrolle in die Klinik musste. Dafür benötigte er die Einweisung eines Facharztes - und den hatte er nicht. Also habe ihr Mann mit seinen Behandlungsunterlagen eine Augenärztin aufgesucht, bei der er noch nie gewesen war, um sich das Formular ausstellen zu lassen. Das hat er bekommen, ohne dass ihn die Ärztin untersucht hatte, sagt Ingeborg Hartwig. Sie habe ihm stattdessen durch eine Schwester ausrichten lassen, dass sie nach dem Klinikaufenthalt seine Befunde nicht sehen und auch nichts mit dem Fall zu tun haben wolle. Der Ärztin kann die Rentnerin das Verhalten nicht übel nehmen. "Das war keine Böswilligkeit von ihr, sie hat meinem Mann aus Gutwilligkeit die Einweisung unterschrieben." Die Fachmedizinerin sei, wie viele andere auch, einfach überlastet.

Die Suche nach einem Augenarzt ging weiter. In einer Praxis sei ihr angeboten worden, die Privatsprechstunde zu besuchen. Eine Behandlung sollte 70 bis 100 Euro kosten. Das hätten sie auch gemacht, sagt die Ehefrau, schließlich währte die Suche schon mehrere Monate. Ein glücklicher Zufall sei es schließlich gewesen, dass Siegfried Hartwig jetzt doch einen festen Augenarzt in Chemnitz hat - durch Vermittlung einer anderen Ärztin.

Ihrem Mann, der am Grauen Star leidet, sei die lange Suche nach einem Augenarzt auch auf die Psyche geschlagen, berichtet Ingeborg Hartwig. Er habe gewusst, dass er dringend einen Arzt benötige, aber keinen finde. Das habe ihn verzweifeln und wütend werden lassen. Ihr sei es ähnlich ergangen, sagt sie. Der 74-Jährigen steht eine weitere Suche nach einem Augenarzt bevor. Denn auch sie benötige Hilfe eines solchen Facharztes.

Doch auch wenn die Kassenärztliche Vereinigung ihrem Mann in Chemnitz keinen Termin anbieten konnte - die Stadt sei mit Augenärzten nicht unterversorgt, teilt die KVS mit. Derzeit sind nach ihren Angaben in Chemnitz 27 Augenärzte tätig. Damit sei der Planungsbereich Chemnitz für Augenärzte, die sich neu hier niederlassen wollen, gesperrt, sagt eine Sprecherin. Eine Unterversorgung liege bei Fachärzten erst ab einem Versorgungsgrad von unter 50 Prozent vor. Derzeit beträgt er 112,5 Prozent, so die KVS. Dass es in der Stadt dennoch zu Versorgungsproblemen kommt, ist möglicherweise eine Folge unbesetzter Augenarztstellen in angrenzenden Regionen, so die KVS. So gibt es derzeit im Erzgebirge, in Mittweida und in Hohenstein-Ernstthal zu wenige Augenärzte, sodass Bewohner dieser Bereiche ärztliche Versorgung in Chemnitz suchen.

Dennoch benötigt die Stadt in den kommenden Jahren neue Fachärzte für Augenheilkunde. Denn drei der 27 Mediziner sind 60 Jahre oder älter, so die KVS. Deshalb werden in den nächsten Jahren "dringend Praxisnachfolger für diese Ärzte gesucht", sagt die KVS-Sprecherin. Jetzt aber eben noch nicht.

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