Pioniertheater Karl-Marx-Stadt: Zwiebelchen im Klassenkampf

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Ein Beitrag zur Gründung des Karl-Marx-Städter Pioniertheaters vor 60 Jahren hat bei vielen Lesern der "Freien Presse" Erinnerungen geweckt. Selbst aus Südamerika gab es eine Reaktion.

Der Beitrag traf offenbar einen Nerv. Anders ist die Resonanz kaum zu erklären, auf die ein vor einigen Wochen veröffentlichter Artikel der "Freien Presse" zur Gründung des Pioniertheaters Karl-Marx-Stadt vor 60 Jahren noch immer stößt. Nachdem der Beitrag Ende Januar im Chemnitzer Lokalteil der Zeitung und im Netz auf freiepresse.de erschienen ist, haben sich zahlreiche frühere Mitglieder des Schüler-Laienspielensembles gemeldet - sowohl bei der "Freien Presse" als auch bei den Organisatoren eines für Ende Juni geplanten Treffens für ehemalige Mitstreiter. Mittlerweile lägen mehr als 70 Anmeldungen und Interessensbekundungen vor, heißt es von den Organisatoren.

Nicht nur aus Chemnitz und Umgebung gab es Reaktionen, schildert Thomas Ebersbach, der Initiator der Aktion. Auch aus anderen Bundesländern und sogar vom anderen Ende der Welt seien Mails bei ihm eingegangen. Letztere von einem ehemaligen Ensemblemitglied aus den 1980er-Jahren, das mittlerweile in Uruguay in Südamerika zu Hause ist.

Das Pioniertheater Karl-Marx-Stadt - eines von mehreren in der DDR - war Anfang 1961 mit zunächst gut 30 Mitstreitern gegründet worden. Im Laufe der Jahre wuchs es zu einer zeitweise mehr als 100 Mitglieder zählenden Laienspieltruppe heran. Als Prominentester aus ihren Reihen gilt der Film- und Fernseh-Schauspieler Jörg Schüttauf, der unter anderem als "Tatort"-Kommissar einem breiten Publikum bekannt wurde. Die Aufführungen der einstudierten Stücke sahen zum Teil mehr als 10.000 Besucher. Mitte der 1960er-Jahre wurde das vom späteren Volksbühnenchef Hans Lange geleitete Ensemble als bestes Pioniertheater des Landes ausgezeichnet. Als "Kleines Theater ,Das Nest'" war es nach 1990 noch einige Jahre weitergeführt worden, zuletzt von Jens-Peter Wagler.

Zu denen, die sich auf einem der dem "Freie Presse"-Beitrag beigestellten Fotos wiedererkannten, zählt Ingrid Strunz aus Chemnitz. "Was für ein Erstaunen - man sieht unerwartet sein Kindergesicht in der Zeitung", schildert sie. "Ich hätte nicht gedacht, dass das nach so langer Zeit noch einmal Erwähnung findet."

Christina Irmscher aus Neuruppin im Norden Brandenburgs hatte den Beitrag mit den Erinnerungen ans Pioniertheater per Whatsapp von ihrer in Chemnitz lebenden Schwester zugesandt bekommen. Sie gehörte von 1968 bis 1977 zum Ensemble. "Mich hat diese Zeit unglaublich geprägt und ich denke noch sehr oft daran zurück", schreibt sie in einer E-Mail. "Das Größte für mich war die Premiere des Stücks ,Die feuerrote Blume' im Oktober 1974, im Kleinen Saal in der damals neu erbauten Stadthalle." Gern erinnere sie sich auch an die Sommerferien in Hammerunterwiesenthal und eine Reise in die Partnerstadt Usti nad Labem 1971, wo das Stück "Die Abenteuer des Cipollino" aufgeführt wurde.

Das Märchen des italienischen Schriftstellers Gianni Rodari gehörte in den Anfangsjahren zu den am meisten gespielten Stücken des Theaters. Nicht ohne Erstaunen lesen die einstigen Kinderschauspieler heute in zeitgenössischen Zeitungsberichten, wie politisch aufgeladen das Stück um die Bewohner eines Früchtedorfes - neben Zwiebelchen zählen auch Erdbeerchen, Radieschen und ein Kürbis zu den Freunden - seinerzeit verkauft wurde. "Niemand von uns hat Graf Zitrone als Klassenfeind betrachtet", kommentiert einer, der damals mit auf der Bühne stand. Obwohl der nach sowjetischem Vorbild geschaffene Jugendverband "Pionierorganisation ,Ernst Thälmann'" Träger des Theaters war, hätten die Verantwortlichen versucht, den politischen Einfluss auf ihre Truppe möglichst gering zu halten.

"Als das zuvor eigenständige Pioniertheater dem Pionierhaus- leiter unterstellt wurde, wollte sich das Hans Lange, der Leiter, nicht antun", erinnert sich MDR-Redakteurin Marion Tetzner, die bis Mitte der 1970er-Jahre dem Ensemble angehörte. Deshalb, so ihre Erinnerung, sei er als Regisseur ans Figurentheater gewechselt und habe mit den älteren Mitgliedern des Pioniertheaters ein neues Theater gegründet, die "Junge Bühne". Proben- und Spielstätte sei das Klubhaus "Klement Gottwald" gewesen, das einstige Ballhaus "Wiesenburg" an der Limbacher Straße in Altendorf.

Kontakt für Ehemalige Mitglieder E-Mail an pioniertheater-60@exeb.de

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    1
    Interessierte
    17.02.2021

    Mit dem Pioniertheater oder dem Pionierhaus hat man sich um die jüngsten Kinder gekümmert , und die größeren waren dann in den Jugendclubs ...
    Das gibt es heute alles nicht mehr .............

    Aber hier wird sich ´heute` um die Jüngsten gekümmert , damit die beschäftigt sind , also in der Kirche , die anderen bleiben außen vor ...
    Die Kirchgemeinden fahren auch in christliche Ferienlager mit den Kindern ...

    Hier der aktuelle Beitrag mit Bausteinen ....
    https://www.mdr.de/glaubwuerdig/index.html