Premiere für fast vergessene Oper

"Hamlet" ist als deutsche Erstaufführung in Chemnitz zu sehen. Das Stück wurde 140 Jahre lang nicht gespielt, weil der Komponist die Noten nach einer desaströsen Vorstellung verbrannt hatte.

Es war ein Angebot, das ihn reizte und verwirrte. Die heutige Intendantin der Bregenzer Festspiele, Elisabeth Sobotka, fragte den Regisseur Olivier Tambosi, ob er nicht die Oper "Hamlet" inszenieren wolle. Den Komponisten Franco Faccio würde er sicherlich nicht kennen. Doch das stimmte nicht ganz. Tambosi hatte zwar nie von einem Komponisten Faccio gehört, kannte ihn aber als den Mann, der Verdis Werke wie "Aida" und "Otello" dirigiert hatte. Tambosi - geboren 1963 in Paris arbeitete er bereits für die großen Häuser dieser Welt wie die Metropolitan Opera in New York - hörte sich die Oper "Hamlet" an und fand Gefallen. "Ich inszeniere grundsätzlich nur, was ich mag", sagt er.

Tambosis Inszenierung wurde 2016 bei den Bregenzer Festspielen gezeigt. Jetzt bringt der Regisseur sie mit seinem Ausstatterteam auf die Chemnitzer Bühne. Am Samstag den 3. November wird deutsche Erstaufführung sein. Mittlerweile weiß Tambosi so gut wie alles über die tragische Geschichte der Hamlet-Oper. Faccio schrieb sie zusammen mit seinem Freund Arrigo Boito. Auch dieser ist dem Opernkenner kein Unbekannter. Boito arbeitete mit Verdi zusammen, schrieb das Libretto zu dessen Oper "Falstaff". Faccio und Boito gehörten der Gruppe der "Scapigliatura" (die Zerzausten) an, die die Kunst erneuern wollten. Verdi galt als der große Meister der Oper. Nun kamen Faccio und Boito und wollten es anders und vor allem besser machen als er - und traten damit auch selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf. "Mit 'Hamlet' wollten sie beweisen, wie Oper wirklich geht", sagt Tambosi. Die beiden erlangten große Aufmerksamkeit. Die Uraufführung von "Hamlet" 1865 in Genua ging mit viel Erfolg über die Bühne. 1871 wurde Faccio Direktor der Mailänder Scala und wollte dem Publikum seinen Hamlet vorstellen. "Doch die zweite Aufführung der Oper ging ins Auge", formuliert Tambosi.

Der Startenor Mario Tiberini war krank. Doch nach mehrmaligem Verschieben drängte die kaufmännische Leitung der Scala auf eine Premiere, erklärt Tambosi. Tiberini sang, hatte aber Fieber, war kaum zu hören und stand wohl unter dem Einfluss starker Medikamente. "Es war ein Fiasko sondergleichen", sagt der Regisseur. Ein Orkan aus Hass und Buh-Rufen prasselte auf das Ensemble nieder. Dass sich Faccio vorher so wichtig gemacht hatte, habe laut Tambosi zur Verstärkung der Wut bei den Zuschauern und Kritikern beigetragen. Franco Faccio verbrannte nach der Premiere alle Noten bis auf das Autograf und komponierte nie wieder einen Ton. "Danach wurde er aber ein europaweit bekannter Dirigent", so Tambosi.

Erst in den 2010er-Jahren wurde Faccios Oper wiederentdeckt. Der Amerikaner Anthony Barrese widmete dem Werk sieben Jahre seines Lebens und stellte aus dem Autograf eine Notenausgabe her. Er leitete 2014 die erste neue Inszenierung an der Opera Southwest in Albuquerque, New Mexico. Olivier Tambosi hofft nun, dass die Oper nach Österreich und Deutschland noch eine weitere Verbreitung findet. Er schwärmt von fantastischen Arien, die Seele und Herz der Zuhörer berühren. In der Musik tobe das Blech wie bei Wagner, es gebe Parallelen zu Verdi aber gleichsam vieles, das originell und genuin neu sei. Auffallend sei außerdem, dass es Boito gelungen sei, viel von der literarischen Brisanz des shakespeareschen Originals zu bewahren.

Und wie inszeniert er ihn nun, diesen Hamlet? Er lese ihn als Stück über Schauspiel, sagt Tambosi. Er glaube auch, dass dieser Aspekt zentral gewesen sei für Faccio und Boito. Denn der Dänenprinz spielt selbst verrückt, inszeniert ein Theaterstück, bei dem ein Brudermord gezeigt wird, um an der Reaktion seines Onkels zu sehen, ob dieser tatsächlich seinen Vater, den König, umgebracht hat. Außerdem hält Hamlet einen Vortrag über die Schauspielkunst. Tambosi geht es in seiner Inszenierung auch um die Frage, ob nicht jeder Mensch sogar vor sich selbst eine Rolle spielt.

"Hamlet" hat am 3. November um 19 Uhr im Opernhaus Premiere. Karten kosten zwischen 18 und 43 Euro. Die nächste Vorstellung ist am 18. November um 15 Uhr.

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