Premiere voller Leidenschaft

Die drei Kompositionen, die der Dirigent Jesko Sirvend mit der Schumann-Philharmonie interpretierte, konnten verschiedener kaum sein. Und doch einte sie eine geheime Verbindung.

Von seiner Heimatzeitung in Dillenburg nach Vorbildern gefragt, nannte der junge Dirigent Jesko Sirvend keine Namen, sondern erklärte, Vorbilder seinen für ihn "alle, die ihr Leben komplett der Kunst widmen, die eine Vorstellung haben von dem, wie Musik sein soll, was sie auch gesellschaftlich tun und bringen soll. Nur zu sagen, wir sind ein Museum, in dem alte Stücke gespielt werden, weil sie so schön sind, wäre ein bisschen wenig. Kunst muss die Menschen bewegen und die Gedanken öffnen. Jeden, der sein Leben diesem Ziel komplett unterordnet, sehe ich als Vorbild."

Diesen Anspruch lebt der bereits mehrfach ausgezeichnete Sirvend, gerade mal Anfang 30, auch in seinem ersten Konzert am Mittwochabend mit der Robert-Schumann-Philharmonie. Für das 2. Sinfoniekonzert der neuen Saison hatte er drei sehr verschiedene Kompositionen ausgewählt, die dennoch durch ein geheimes Band miteinander verbunden schienen. Hector Berlioz' Oper "Benvenuto Cellini" über den skandalumwitterten, unter anderem wegen Mordes und diverser sexueller Praktiken angeklagten italienischen Renaissance-Bildhauer war ein Flop, die Ouvertüre der Oper, "Le carnaval romain", "Karneval in Rom", jedoch ein Welterfolg. Voller Leidenschaft, sich dramatisch steigernd, von den morgendlich noch leeren Straßen bis zum dichten Gedränge, in dem sich Cellini nach der angebeteten Teresa sehnt, bevor dieses Sehnen im Trubel der Masse untergeht. Das Orchester spielt virtuos, kostet die Brüche in dem Stück aus, dessen karnevalistische Lebensfreude dennoch nicht ungezwungen wirkt, sondern einem Drang, fast Zwang zur Verkleidung nachzugeben scheint, der das Gegenteil von Freiheit ist, nach der Cellini ein Leben lang strebte.

Ähnlich dramatisch und noch komplexer sind die Konflikte in Igor Strawinskys "Burleske in vier Szenen", "Petruschka". Das 1911 uraufgeführte Werk entstand ursprünglich für die berühmten Ballets Russes in Paris. Auch hier geht es ums Fastnachtstreiben im Petersburg des Jahres 1830. Petruschka ist der hässliche Clown, der Possenreißer, den alle belachen, aber auch brauchen, um an ihm ihr Mütchen zu kühlen. Er hat sich in die hübsche Ballerina verliebt, die aber möchte eher die Aufmerksamkeit des eitlen "Mohren" erringen, der hier weniger für das Fremde als vielmehr gerade für das Durchschnittliche, Gewöhnliche steht. Es kommt zum dramatischen Finale, in dem der Mohr Petruschka tötet - auch dies ein Anschlag auf die Freiheit. Strawinsky hat in das kaum 30-minütige Stück unzählige Ideen investiert. Es gibt zahllose Brüche, Tempowechsel, Themen tauchen auf, verschwinden wieder, um sich unerwartet noch einmal zu Wort zu melden. Es gibt Anklänge an russische Folklore, Tänze, Lieder - und Jesko Sirvend gibt dem Orchester Gelegenheit, jede einzelne Facette des Stückes auszukosten, von den Momenten der Stille über wunderbare Solopassagen - unter anderem für Klavier, gespielt von Emanuel Ratju, aber auch für Flöte; selbst die Triangel bekommt einen etwas längeren Auftritt - bis zum vollen Orchesterklang.

Den kann die Philharmonie auch beim Finale des Abends, der 2. Sinfonie D-Dur op. 43 von Jean Sibelius, auskosten. Die war der finnischen Regierung 1930 so viel wert, dass sie einer englischen Plattenfirma damals beträchtliche 15.000 Dollar zahlte, um die ersten beiden Sinfonien von Sibelius einzuspielen, den Komponisten und den Freiheitskampf Finnlands bekannt zu machen. Sirvend entlockt ihr alles Nachdenklich-Hintergründige, setzt Pausen, um den hymnischen Schluss, den man als eine Art Befreiung erleben kann, eindrucksvoll, aber nicht zu pathetisch zur Geltung zu bringen. Es gab sehr viel Applaus im Großen Saal der Stadthalle.

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1Kommentare
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  • 4
    0
    HHCL
    25.10.2019

    "Es gab sehr viel Applaus im Großen Saal der Stadthalle." - Im leider sehr spärlich gefüllten Saal der Stadthalle.
    Da gehen einem die Argumente aus, wenn jemand fragt, warum so etwas subventioniert wird. Warum nutzen Chemnitzer ihre Stadt so konsequent nicht?



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