Prozess um Tötungsdelikt: Vor dem Jahrestag soll das Urteil fallen

Die Messerattacke von Chemnitz jährt sich erstmals. Die Tat wühlte die Stadt auf. Nun steht das Urteil im Prozess gegen einen Verdächtigen an.

Chemnitz/Dresden.

Drei Kieselsteine halten ein welkendes Blümchen auf der im Gehweg eingelassenen Gedenkplatte. Der Eindruck einer verblassenden Erinnerung an Daniel H., dem die orangefarbene Blüte und die silbergraue Metallplatte gewidmet sind, aber täuscht. Am 26. August jährt sich der gewaltsame Tod des 35-Jährigen durch Messerstiche in Chemnitz zum ersten Mal - doch bereits am Donnerstag rückt die Bluttat wieder in den Fokus. Der Strafsenat des Landgerichts Chemnitz soll über Schuld oder Unschuld eines der zwei Tatverdächtigen entscheiden. Der 24 Jahre alte Syrer Alaa S. soll mit dem Iraker Farhad Ramazan A., der sich auf der Flucht befindet und nach dem weltweit gesucht wird, den Deutschen Daniel H. erstochen und einen weiteren Mann schwer verletzt haben. Dafür muss er sich seit dem 18. März vor Gericht verantworten.

Nach 18 Verhandlungstagen ist Staatsanwalt Stephan Butzkies überzeugt, dass Alaa S. wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen ist. Im Plädoyer forderte er eine Haftstrafe von zehn Jahren. Der zeitige Richterspruch - immerhin waren Termine bis Ende Oktober festgelegt - wird mit Spannung erwartet, von einigen mit Sorge. Wie reagiert Chemnitz? Wird die Stadt erneut aufgewühlt?


Noch mehr als das Verbrechen selbst warfen damals die Folgen ein Schlaglicht auf Chemnitz. Rechte Gruppen verstanden es, den Angriff zur Mobilisierung für Demonstrationen zu nutzen. Dabei griffen sie aufs Narrativ des Angriffs auf eine bedrängte Frau zurück. Ihr habe das Opfer in der Nacht zu Hilfe kommen wollen. Die Geschichte wurde Tage nach der Messerattacke widerlegt - von eben jener angeblich bedrängten Frau, die der "Freien Presse" einen anderen Hergang übermittelte, was sie als Zeugin im Prozess bestätigte. Einen Streit um Zigaretten habe es gegeben. Dass es sich auch um Geschäfte mit Kokain gehandelt haben könne, schlossen die Ermittler laut Anklageschrift aus Indizien.

Chemnitz wehrte sich gegen das Image, das durch die teils ausschreitungsartig ausufernden Demonstrationen mit verbotenen Hitlergrüßen, Hetzparolen skandierenden Demonstranten und Übergriffen auf Ausländer entstand. Die Chemnitzer Band Kraftklub stellte binnen weniger Tage das #wirsindmehr-Konzert auf die Beine. 65.000 Menschen feierten am 3. September Auftritte unter anderem der Toten Hosen, von Kraftklub und Feine Sahne Fischfilet. Während Pro Chemnitz - vom Verfassungsschutz im Bericht für 2018 als rechtsextrem eingestuft - bis in den Herbst wöchentliche Demonstrationen mit abnehmender Beteiligung organisierte, lief die politische Aufarbeitung. In Berlin drohte an der Personalie Hans-Georg Maaßen die Große Koalition aus Union und SPD zu zerbrechen. Der damalige Präsident des Verfassungsschutzes widersprach Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Beurteilung von "Hetzjagden" in Chemnitz und löste eine Regierungskrise aus.

Zwölf Monate nach dem Tod von Daniel H. hat Chemnitz inzwischen weitgehend zur Normalität gefunden. An Stelle des Stadtfestes, das wegen des Negativ-Images abgesagt wurde, findet am Wochenende ein Bürgerfest statt - unter anderem mit Kleinkunst, Musik und Fahrgeschäften. Für Sonntag hat aber auch Pro Chemnitz wieder zur Kundgebung aufgerufen. (dpa mit eu)

Zum Spezial: Chemnitz nach der Gewalttat

Bewertung des Artikels: Ø 2 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...