Psychisch Kranke brauchen langen Atem

Bis zu acht Monate müssen Patienten auf eine ambulante Therapie warten. Viel zu lang, sagt die Psychotherapeutenkammer und fordert mehr Zulassungen. Doch laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es eher ein Überangebot.

Psychisch Kranke brauchen langen Atem
Psychisch Kranke brauchen langen Atem

Von Uta Pasler

Josefine Heimburger, die vor rund fünf Jahren ihre Praxis am Ring in Zwickau eröffnet hat, spürt die Enttäuschung bei den Patienten, wenn sie von der Warteliste hören. "Das geht hin bis zur Verzweiflung", sagt die Psychologische Psychotherapeutin, bei der man auf die eigentliche Therapie oft acht Monate lang warten muss. Dabei ist sie kein Einzelfall, versichert die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer, die für Sachsen etwa 300 zusätzliche Planstellen für Psychotherapeuten fordert - vor allem in den ländlichen Regionen wie dem Landkreis Zwickau.

Laut Nadine Mahnecke-Windhövel, Fachreferentin der Kammer, ist der Zugang zu einem Psychotherapeuten mit der Einführung einer Sprechstunde zwar vereinfacht worden und im Durchschnitt innerhalb von fünf Wochen zu bekommen. Die Wartezeit auf den eigentlichen Therapiebeginn liege mit durchschnittlich 19,1 Wochen in Sachsen aber immer noch viel zu hoch, so Mahnecke-Windhövel.

65 Psychotherapeuten gab es nach Verbandsangaben im Mai im Landkreis Zwickau mit seinen 321.000 Einwohnern. Zum Vergleich: In Chemnitz mit 232.000 Einwohnern sind 92 Psychotherapeuten zugelassen. "Auch wenn Zwickau eine gewisse Nähe zu Chemnitz hat, ist nicht davon auszugehen, dass die Versorgung von Chemnitz aus abgedeckt werden kann. Gerade für die wöchentliche Therapie spielen die Fahrtwege eine wichtige Rolle", so die Fachreferentin.

Laut Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, klaffen durchaus Lücken zwischen Angebot und Nachfrage. Allerdings sieht sie eher ein Überangebot: Nach ihren Zahlen gab es etwa im Territorium des Altlandkreises Zwickau 52 Psychotherapeuten, aber schon das seien mehr als theoretisch benötigt. Für Zwickau ergebe sich ein Versorgungsgrad von 165,4 Prozent - Zwickau gilt als überversorgt. Für nichtärztliche Psychotherapeuten sind daher Zulassungsbeschränkungen angeordnet. Bei Ärztlichen Psychotherapeuten könnten allerdings noch fünf Stellen für Niederlassungen oder Anstellungen besetzt werden, so die Sprecherin.

Patientenfürsprecherin Martina Rosenkranz bekommt die Wartezeiten nur am Rande mit, da sie für Patienten in Krankenhäusern und sozialtherapeutischen Wohnstätten zuständig ist. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren glaubt sie jedoch, dass sich das Problem etwas entschärft habe, dank neu niedergelassener Therapeuten. Wartezeiten, so Rosenkranz, mögen aber auch in der Natur der Sache liegen. "Manche Patienten brauchen Zusatztherapien, da kommt es zu Verzögerungen."

Andreas Pflug ist Leiter des Sozialpsychiatrischen Zentrums des Solidar-Sozialrings, zu dem die einzige Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit psychischen Störungen in Zwickau und ein ambulant betreutes Wohnen für derzeit 75Frauen und Männer gehören. Dort gab es in den vergangenen sechs Monaten drei Fälle, von denen zwei noch immer ungeklärt sind. "Das Erstgespräch bei zwei Betroffenen war im April. Beide Personen stehen noch immer auf der Warteliste", sagt Pflug. Nach Aussagen seiner Mitarbeiter sind Wartezeiten von sechs Monaten aber nicht unüblich.

Pflug und sein 19-Mann-Team in der Amalienstraße sind Ersthelfer für Menschen in psychischen Nöten. Sie hören zu, sondieren, bringen durch Angebote in ihrem offenen Treff Struktur in das Leben jener, denen diese Tagesstruktur durch einen Schicksalsschlag oder durch den Renteneintritt abhanden gekommen ist. Nicht jeder, der kommt, sei wirklich psychisch krank. "Machmal sind auch Menschen darunter, die Beziehungsprobleme haben. Denen empfehlen wir eine Ehe- und Familienberatung", sagt Teamleiterin Simone Dehne.

Wolfgang Wetzel, Leiter der Caritas-Suchtberatungsstelle in Zwickau, deren Klienten oft psychisch angeknackst sind, sieht angesichts der Wartezeiten auf eine ambulante Therapie keinen Grund zur Hysterie. "Klar, jeder fühlt sich als Notfall, ist es aber nicht immer." Für Notfälle seien zum einen die Kliniken zuständig. Zum anderen, gibt der Suchtberater aus langjähriger Erfahrung zu bedenken, sei nicht für jeden eine ambulante Therapie wirklich hilfreich.

Die 62-jährige Solveig G.*, die heute die in der Amalienstraße angesiedelte Selbsthilfegruppe "Einfach leben" besucht, hat ihre Therapie nach fast einem halben Jahr abgebrochen. "Ich konnte nicht mehr. Meine Kindheit abzuarbeiten, war mir unangenehm", erklärt sie. Stattdessen fand sie den Weg zum Sozialtherapeutischen Zentrum und zur Selbsthilfegruppe. Zehn Jahre ist sie nun dabei, fand dort Menschen mit ähnlichen Problemen. "Hier kann ich gucken, wie die es machen ... und reden, viel reden. Ich darf meinen Ärger nicht in mich hineinfressen," sagt sie. "Warten geht gar nicht, wenn man ein Gespräch braucht. Ich halte das nicht aus, lange zu warten", bestätigt ein gleichaltriges Gruppenmitglied.

30 Therapeuten hatte ein 49-Jähriger angerufen, bis er sechs Wochen nach seinem Zusammenbruch einen Termin für eine Therapie bekam. "Nach zwei Sitzungen hat der mich ins Krankenhaus überwiesen", erinnert sich der Mann. Demnächst soll er einen Betreuer an die Seite gestellt bekommen. All die Schreiben, die der Alltag mit sich bringt, überfordern ihn.

Maria S.* hätte die 30 Anrufe nie und nimmer bewältigt. "Mit fremden Leuten zu reden, macht mir Angst", erklärt die 52-Jährige, die einst in einer Drogerie umgeben war von Fremden. Bis zu jenem Tag. "Da ging ein Gullydeckel in mir auf, und dann bin ich nach unten gefallen", berichtet sie. Sie hatte keinerlei Wahrnehmung für das Äußere, verspürte kein Zeitgefühl. Die 52-Jährige sagt, dass sie ihrem Hausarzt viel zu verdanken hat. Er erkannte ihre Depression rechtzeitig, versorgte ihr einen Termin bei einer Psychologin.

Der Tag des Aufnahmegesprächs vier Wochen später war zeitgleich Therapiebeginn. "Ich hatte Glück", sagt die Frau heute. Dank der Selbsthilfegruppe kehrt sie langsam wieder zurück ins Leben, beteiligt sich sogar an einer Ausfahrt nach Dresden. "Ich fahre da mit Leuten hin, die ich kenne, wo ich sicher sein kann." (mit nd)*Namen geändertFoto: J. Stratenschulte/dpa

Wegweiser für seelische Gesundheit gibt Auskunft über Anlaufstellen im Landkreis

Planstellen sind für den Bereich Zwickau laut Kassenärztlicher Vereinigung folgende vorgesehen: 35 Psychotherapeuten (davon wenigstens acht Ärztliche Psychotherapeuten und wenigstens sechs Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten). Im April waren es real jedoch 42 Psychologische Psychotherapeuten, sieben Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und drei Ärztliche Psychotherapeuten. Jede Berufsgruppe hat bei der Soll-Planung andere Berechnungsgrundlagen.

Der Landkreis Zwickau hat einen 92-seitigen Wegweiser für seelische Gesundheit herausgegeben. Darin aufgelistet sind psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen, die es in Glauchau, Hohenstein-Ernstthal, Lichtenstein, Limbach-Oberfrohna, Meerane, Waldenburg, Werdau und Zwickau gibt. In Akutsituationen sind die Fachkliniken aufzusuchen: Asklepios Wiesen, Heinrich-Braun-Klinikum Zwickau, Rudolf-Virchow-Klinikum Glauchau inklusive Außenstelle in Limbach-Oberfrohna. Die haben zudem Institutsambulanzen eingerichtet für chronisch psychisch kranke Menschen.www.landkreis-zwickau.de

In Zwickau befindet sich die Psychosoziale Beratungsstelle an der Amalienstraße 5 (Träger: Solidar-Sozialring). Dort trifft sich auch die Selbsthilfegruppe "Einfach leben". Weitere Selbsthilfegruppen findet man bei der KISS.

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