Radfahrer sieht sich zu unrecht verurteilt

Ein Mann soll volltrunken einen Unfall verursacht haben. Er sagt, der Alkohol sei ihm danach von Unbekannten eingeflößt worden, als er schwer verletzt am Boden lag. Doch Zeugen gibt es nicht.

Bernsdorf.

Es war eine scharfe Kurve, auf einem Weg, der Wartburgstraße und Augsburger Straße verbindet. Dort sind am 16. Oktober 2016, wahrscheinlich kurz nach 17.30 Uhr, zwei Radfahrer zusammengestoßen - ein junger Mann und eine junge Frau. Sie erlitt eine Gehirnerschütterung und eine Kopfplatzwunde, er ein Schädel-Hirn-Trauma und einen Schädelbasisbruch. Außerdem verlor der 1985 Geborene 80 Prozent des Hörvermögens seines rechten Ohres. Die Polizei stellte bei ihm einen Alkoholwert von 1,98 Promille fest. Er gilt als der Verursacher des Unfalls und wurde in erster Instanz am Amtsgericht wegen der fahrlässigen Gefährdung des Straßenverkehrs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 900 Euro verurteilt.

Dagegen ging er in Berufung. Denn sobald er als schuldig gilt, kommen weitere hohe Forderungen auf ihn zu, unter anderem von seiner und der Krankenkasse der jungen Frau. Außerdem müsste er die Gerichtskosten tragen und er fürchtet Nachteile bei der Jobsuche. "Bitte geben Sie mir mein Leben zurück", bat er den Richter, der die Berufung am Landgericht verhandelte. Doch nach mehreren Sitzungstagen entschied der Richter, die Berufung als unbegründet zurückzuweisen. Der Angeklagte möchte sich damit nicht zufriedengeben, sein Verteidiger legte bereits Revision ein.

Am Nachmittag vor dem Unfall habe er einem Fußballspiel beigewohnt und zwei Bier getrunken, schilderte der Angeklagte. Den hohen Promillewert erklären sie nicht. Der Student beschrieb, vor der Kurve habe zu seiner Rechten ein hoher Zaun die Sicht versperrt. Ebenfalls auf seiner rechten Seite sei die Radfahrerin gekommen, mit der er zusammenstieß. Sie sei auf der falschen Seite gefahren, beschuldigte er sie. Die Frau gab vor Gericht allerdings an, rechts gefahren zu sein. Nach dem Zusammenstoß sei er zu sich gekommen und habe "vier bis sechs Beine" gesehen. Aufgrund seiner Schmerzen sei er nicht in der Lage gewesen, den Kopf zu heben, um ihre Gesichter zu erkennen. Sie hätten ihm eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit gegeben und gesagt, er solle das trinken, es helfe gegen die Schmerzen. Er habe sich in einem Zustand befunden, in dem er wahrscheinlich alles getrunken hätte. Erst später sei ihm klar geworden, dass es sich um Schnaps gehandelt haben müsse.

Ein Freund, der zuletzt mit ihm auf dem Sportplatz gesprochen hatte und sah, wie er sein Rad bestieg, wurde als Zeuge gehört. Er sagte aus, der Angeklagte habe nicht alkoholisiert gewirkt. Die Fahrt bis zum Unfallort hatte laut dem Angeklagten rund acht Minuten gedauert. Ein Sachverständiger schilderte vor Gericht, dass der junge Mann eine Menge von 300 bis 400 Milliliter Schnaps hätte trinken müssen, um auf den gemessenen Alkoholwert zu kommen. Im Prozess ungeklärt blieb, was in der Zeit zwischen dem Unfall kurz nach 17.30 Uhr und dem Notruf gegen 18.15 Uhr passiert war. Den Notruf tätigte die junge Frau. Sie gab vor Gericht an, angerufen zu haben, sobald sie dazu in der Lage gewesen sei. Doch auf dem Mitschnitt ihres Anrufes ist offenbar auch die Stimme eines Mannes zu hören. Auch hatte jemand die Fahrräder an den Rand des Weges geräumt. Die Polizei habe versäumt, Zeugen zu notieren; es gebe keine Akte, führte der Verteidiger in seinem Plädoyer aus. Weiterhin wurde am Unfallort ein Wasserfleck dokumentiert. "Keiner kann erklären, woher er kommt", so der Verteidiger, der Freispruch forderte. Es gebe keine Beweise dafür, dass sein Mandant den Unfall verursachte.

Doch Staatsanwaltschaft und Richter sahen das anders. Die Staatsanwältin argumentierte, dass 400Milliliter Flüssigkeit einer halben Flasche Klarem entsprechen. "Das kann man nicht einfach so hintereinander wegschlucken", äußerte sie. Der Richter sagte, das Gericht gehe davon aus, dass der Angeklagte den Unfall in stark betrunkenem Zustand mitverursacht habe. Bei einer anderen Erklärung komme er "nicht mit". "Dass zwei bis drei Personen mit Schnapsflaschen durch die Gegend laufen und damit Unfallopfer versorgen, glauben wir einfach nicht", sagte er.

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3Kommentare
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  • 1
    1
    Deluxe
    22.01.2019

    @DerKuckuck:
    Und genau deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, daß der Mann den Alkohol erst nach dem Unfall getrunken hat und nicht vorher.
    Denn mit 1,98 Promille wäre er möglicherweise nicht per Fahrrad bis zum Unfallort gekommen.

    Zumal Studenten im Allgemeinen zwar vielleicht trinkfest sind, aber in dem Alter kaum bereits eine derartige Alkoholikerkarriere hinter sich haben, um mit 2 Promille noch sicher Fahrrad zu fahren.
    Und wenn jemand in dem Alter schon soweit ist, dann ist er im Regelfall kein Student, weil Studieren (wenn man es ernst nimmt) eine gewisse geistige Leistungskraft voraussetzt.

    Ich würde mir an des Richters Stelle nochmal alles sehr genau anschauen, bevor ich hier ein endgültiges Urteil fälle. Es kann nämlich sein, daß es den falschen trifft. Mir persönlich ist die ganze Geschichte jedenfalls nicht so klar, daß ich ihn pauschal als Lügner beschimpfen würde.

  • 3
    1
    DerKuckuck
    21.01.2019

    So eine dämliche Ausrede. Und wenn man mit 1,98 pro Mille moch gradaus laufen kann, geschweige denn ein Fahrrad besteigen, hat man ein tüchtiges Alkoholproblem.

  • 13
    4
    CPärchen
    19.01.2019

    Da möchte ich auch kein Richter sein, um zu entscheiden, was hier stimmt und was nicht.



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