Radverkehr: Chemnitz als Modellregion

Fahrradfahrer und Autofahrer stehen sich oft unversöhnlich gegenüber, daher passiert beim Ausbau umweltfreundlicher Verkehrswege zu wenig. Ein Chemnitzer will das ändern - mit Lösungen, die Lust darauf machen, in die Pedale zu treten.

Chemnitz.

In der DDR war Reiner Amme ein Rebell. Im Frühjahr 1989 organisierte er eine Fahrrad-Demonstration in Karl-Marx-Stadt, 200 Menschen kamen auf den Brühl. Es war eine Protestfahrt geplant gegen die miserablen Bedingungen für den Radverkehr, die Staatsmacht schickte vier Lkw voller schwer bewaffneter Uniformierter. Heute, 30 Jahre später kämpft Reiner Amme immer noch für bessere Radwege in seiner Stadt. Als Sprecher für Stadtentwicklung, Verkehr und Energie des BUND Chemnitz hat er die große Revolte jedoch abgeblasen.

Fahrradfahrer gegen Autofahrer - dieser oft ideologisch geführte Kampf um Verkehrsraum habe nur die Entwicklung gebremst, meint der 52-Jährige. Er sagt: Auf den Straßen ist genug Platz für alle, man muss den Verkehr nur richtig aufteilen. Seine Idee ist ein von den Hauptstraßen unabhängiges Radschnellnetz für den Großraum Chemnitz, das im Osten bis nach Oederan, im Westen bis nach Limbach-Oberfrohna und Hohenstein-Ernstthal, im Norden bis Mittweida und im Süden bis Stollberg und Thalheim reicht.


In der Chemnitzer Innenstadt folgt dieses Netz den Hauptverkehrsachsen, allerdings versetzt in die Nebenstraßen, mit sicheren Querungsmöglichkeiten an den Hauptstraßen. Aus der Stadt heraus geht es entlang an Bach- und Flussläufen oder über alte Bahnstrecken, Teilstücke existieren bereits. Im Ballungsraum Chemnitz, so das Fazit des BUND-Experten, könne ein Modell für Sachsen entstehen.

Die Idee der Verlagerung des Radverkehrs in die Nebenstraßen stammt aus Holland. Dort wurden bereits in den 1980er-Jahren Maßnahmen ergriffen, als sich zeigte, wie viele Autoabgase Radfahrer an Hauptverkehrsstraßen einatmen. Zudem halten die meisten Fahrradfahrer die Radstreifen auf Straßen mit viel Autoverkehr für gefährlich. Die Nutzung ist entsprechend gering. Das zeigte auch der jüngste Fahrradklimatest des ADFC wieder.

Reiner Amme war in den Neunzigerjahren Mitglied des Chemnitzer Stadtrats und Fahrradbeauftragter der Stadt. Schon damals merkte er: Ein fahrradgerechter Umbau von Hauptverkehrsmagistralen ist teuer, führt zu Konflikten mit den Autofahrern und bietet bestenfalls unbefriedigende Lösungen. Er entwickelte alternative Ideen für den Radverkehr in Chemnitz, von denen Ansätze in den ersten Regionalplan einflossen. Heute nun, da das Fahrrad als gesundes und klimafreundliches Verkehrsmittel so beliebt ist wie nie zuvor und E-Bikes einen weiteren Mobilitätsradius eröffnen, sieht er die Chance, die Visionen vollkommen umzusetzen. "Über den Chemnitztalradweg", so schwärmt Amme, "fährt man dann auch schon mal mit dem Pedelec von Chemnitz nach Mittweida zur Arbeit."

Für Chemnitz als Modellregion spricht aus seiner Sicht das große Gebiet des Ballungsraums mit einer geringen Verdichtung. "Es gibt hier noch genug Raum, um separate Fahrradtrassen auszuweisen", sagt Amme. Weil in Chemnitz der öffentliche Nahverkehr, anders als in Leipzig oder Dresden, in einer dichten Taktfolge nicht wirtschaftlich sei, erlange das Fahrrad bzw. das Pedelec für Strecken zwischen vier und 25 Kilometern eine größere Bedeutung. Dazu allerdings müssten Routen entstehen, die die topografischen Vorteile ebener Teile des Stadtgebietes und der Bachtäler nutzten, statt über Berge und steile Anstiegs zu führen. Das verringere die Attraktivität und schrecke von der Nutzung des Fahrrads als Verkehrsmittel ab. Bislang hat Sachsen beim Bundesverkehrsministerium vier Routen für Fahrradschnellwege mit jeweils zwischen 30 und 50 Kilometern Länge für eine mögliche Förderung angemeldet - zwischen Halle und Markkleeberg, Radeberg und Dippoldiswalde, Pirna und Meißen, sowie von Markkleeberg zur Weißen Elster. Darüber hinaus wird im Verkehrsministerium in Dresden gerade eine Radverkehrskonzeption erarbeitet, die weitere potenzielle Schnellwege vorsieht.

Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen, kennt die Pläne von Reiner Amme. "Seinen Ansatz, der auf topografische Optimierung der Strecken setzt, finde ich grundsätzlich richtig", sagt er. Gerade bei den vom Bund geförderten Radschnellwegen seien die Anforderungen an die Projekte jedoch hoch. Dazu gehörten etwa 2000 Nutzer pro Tag als absolutes Minimum. Zudem gebe es für die vier Meter breiten Trassen bei der Umsetzung oft Hürden beim Naturschutz.

Der Stadtrat Chemnitz beschloss Anfang April eine Aktualisierung der städtischen Radverkehrskonzeption. Dabei sollen Reiner Ammes Ideen einfließen. Und auch bei der Politik in Dresden ist das Anliegen angekommen. "Ich setze Hoffnungen darauf, dass das Berücksichtigung findet", sagt die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, Katja Meier. Das Land müsse hier mit in die Finanzierung einsteigen. Auch dem sächsischen CDU-Generalsekretär Alexander Dierks wurde das Modell bereits vorgestellt. "Der fand es gut", sagt Reiner Amme.

Am Dienstagabend wird er an einem Leserforum der "Freien Presse" teilnehmen. Bürger und Experten diskutieren die Verkehrsentwicklung in Chemnitz unter der Fragestellung "Wie soll die Stadt mobil bleiben?"


"Mit dem Rad zur Arbeit" 

Eine bundesweite Mitmach-Aktion der AOK und des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) unter der Überschrift "Mit dem Rad zur Arbeit" soll möglichst viele Berufstätige und Studenten motivieren, sich auf dem Weg zur Arbeit bzw. an die Uni in den Sattel zu schwingen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gibt am Dienstag in Dresden den offiziellen Startschuss für die Aktion, die bis zum 31. August dauert. Alle Infos zur Teilnahme: www.mdrza.de

Nach Untersuchungen in deutschen Großstädten führen 40 bis 50 Prozent der Autofahrten über eine Strecke von weniger als fünf Kilometer Länge. In diesem Entfernungsbereich ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel. Neben der Zeitersparnis spielt vor allem der gesundheitliche Aspekt eine Rolle.

Im vergangenen Jahr haben bundesweit 250.000 Frauen und Männer an der Aktion "Mit dem Rad zur Arbeit" teilgenommen. Sie legten insgesamt 49,5 Millionen Kilometer zurück. Die gleiche Distanz mit dem Auto hätte einen Kohlendioxidausstoß von 9,7 Millionen Kilogramm verursacht. Zugleich leistet der Umstieg vom Auto auf das Fahrrad einen Beitrag zur Reduzierung des Verkehrslärms.

Der 6. Nationale Radverkehrs- kongress findet dieses Jahr vom 13. bis 14. Mai in Dresden statt. Bereits am heutigen Dienstag wird Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig erstmals den sächsischen Fahrradpreis verleihen. (oha)

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    5
    Interessierte
    02.05.2019

    In der DDR war Reiner Amme ein Rebell …
    ( das sieht man heute noch ...

    Radschnellnetz für den Großraum Chemnitz …
    ( das betrifft dann aber nur die jungen Leute …
    ( die vielen Chemnitzer Berge können die Alten nicht mehr fahren ….

  • 5
    4
    CPärchen
    30.04.2019

    Bin ein reiner Autofahrer, aber diesen Gedanken kann ich viel Gutes abgewinnen. Die Argumente sind logisch und sachlich, statt ideologisch und unrealistisch.

    Und wenn es Alexander Dierks gefällt, ist das viel wert - er ist immerhin der CDU Generalsekretär, kommt aus Chemnitz und hat auch dementsprechend super Kontakte zum Ministerpräsidenten.

  • 6
    8
    fschindl
    30.04.2019

    "Reiner Amme war in den Neunzigerjahren Mitglied des Chemnitzer Stadtrats und Fahrradbeauftragter der Stadt."

    fing nicht damals dieser grobe Unfug mit den extra Fahrradstreifen in Chemnitz an? (incl. roter Farbe im Kreuzungsbereich, besonders bei Nässe sehr empfehlenswert)

  • 11
    1
    langi001
    30.04.2019

    Hoffen wir, dass die Idee auf offene Ohre stößt bei den politischen Entscheidern. Es wäre mehr als wünschenswert.

    Böhmerlangi



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