Riesen-Konzert, Massen in der Stadt - Das hat Chemnitz noch nie erlebt

Binnen weniger Tage ist ein Konzert in Festival-Größe organisiert worden. 65.000 Leute sind am Montag aus der gesamten Bundesrepublik nach Chemnitz geströmt. Sie haben sich nicht nur an der Hauptbühne getroffen. Am Gedenkort musste die Polizei eingreifen.

Am Wall/Neumarkt: Immer mehr junge Leute strömen seit dem frühen Nachmittag aus Richtung Hartmannstraße in die Innenstadt. Viele von ihnen decken sich in einem Supermarkt Am Wall mit Proviant ein und lassen sich direkt davor entspannt zum gemeinsamen Picknick nieder, auch wenn sie sich eigentlich nicht kennen. Die großen Einkaufszentren haben indes zusätzliches Sicherheitspersonal vor ihren Eingängen postiert. Die Stände des Wochenmarktes werden schon gegen 15 Uhr abgebaut, auch einige Geschäfte schließen um diese Zeit. Die Imbissstände in der Stadt hingegen haben Hochkonjunktur. Dort, wo es Essen und Getränke gibt, bilden sich Schlangen.

Stadthalle: Reggae-Musik unterhält die Besucher. Auf der Fläche vor dem Haupteingang sind Imbissstände aufgebaut. Es gibt Gratis-Eis. Das Partyvolk wird versorgt. Es wartet auf die Künstler, die sich vor ihrem Konzert in einer Pressekonferenz vor etwa 200 Journalisten erklärt haben. Felix Brummer von Kraftklub sagt, er habe das Gefühl, dass Chemnitz nicht allein gelassen werde. Innerhalb eines Tages hätten die Bands ihre Zusage zum Konzert gegeben. Später, als auf der Bühne Kraftklub und anschließend Nura, Marteria und Casper auftreten, füllt sich der Vorplatz der Stadthalle wieder. Viele Besucher kommen, um ihren Hunger und Durst zu stillen, und bleiben anschließend auf Treppenstufen und Mauern sitzen. "Es ist gut, dass so viele Leute gekommen sind, aber hier ist es einfach entspannter als auf dem Konzertplatz", sagt eine 24-jährige Chemnitzerin. "Uns war es dort ein bisschen zu eng", erklären auch zwei 20-jährige Hallenserinnen. Drei junge Männer kommen vom Sammeln von Spendengeld zurück, das für die Hinterbliebenen des getöteten Daniel H. und für Demokratieprojekte bestimmt ist. "Die meisten Leute sind sehr nett und bereitwillig", sagt einer von ihnen. Es habe aber auch Diskussionen mit Rechten gegeben.

Karl-Marx-Monument: Vor dem Monument legen den ganzen Abend DJs auf, vorrangig wird Elektromusik gespielt. Mehrere Tausend junge Leute tanzen entspannt - selbst dann, als Kraftklub und später die Toten Hosen am Johanniskirchplatz auftreten.

Busbahnhof: Gegen 16 Uhr kommt ein Fernbus aus Nürnberg an, der bei der Weiterfahrt nahezu leer ist. In dem Fahrzeug saßen Anika Müller, Angie Schmidt und Vivien Vollmer. Die drei Schülerinnen im Alter von 17 und 18 Jahren - in Baden-Württemberg sind noch Ferien - stammen aus dem Raum Stuttgart und sind seit dem frühen Morgen mit dem Bus unterwegs. "Obwohl wir noch so jung sind, können wir ein politisches Statement geben", sagt Müller. Vollmer ergänzt: "Je mehr wir sind, desto besser." Nach den Bildern aus Chemnitz, die sie in den Medien gesehen habe, fühle sie sich "etwas unwohl" in der Stadt, hoffe aber, dass alles gut geht, sagt indes Schmidt. Die drei wollen noch in der Nacht zurückreisen.

Hauptbahnhof: Gleich drei Züge aus Leipzig, Zwickau und Dresden treffen 16.30 Uhr ein. Am vollsten ist die Bahn aus Leipzig, aus der etwa 1000 überwiegend junge Leute aussteigen. Zu ihnen gehört Lukas Gundling aus Erfurt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Erfurt sagt: "Mir geht es vorrangig um das politische Statement, darum zu zeigen, dass wir mehr sind." Dass so namhafte Musiker wie die Toten Hosen und Kraftklub auftreten, sei "ein guter Nebeneffekt", sagt Gundling. Nach den Konzert wird der Bahnhof kurzzeitig von der Polizei abgesperrt, weil er überfüllt ist. Mehrere Hundert Leute kommen nicht rein. Sie müssen warten, bis die ersten Züge abgefahren sind.

Stefan-Heym-Platz: Vor dem Archäologiemuseum wollte eigentlich Thügida (Thüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes) demonstrieren. Die Stadtverwaltung hatte jedoch eine entsprechende Anmeldung am Vormittag abgelehnt. Lediglich Polizisten und später Konzertbesucher bevölkern den Platz.

Brückenstraße: Am Gedenkort an der Brückenstraße, wo am 26. August der 35-jährige Daniel H. mit Messerstichen tödlich verletzt worden ist, werden zur Mittagszeit übergroße Pflanzkübel aufgestellt. Gitter sperren die Fläche zusätzlich ab. Den gesamten Tag über kommen Menschen, die ihre Trauer ausdrücken wollen. Kurz vor halb sieben wird es dort erstmals hektisch. Rund 100Personen haben sich versammelt, ein Teil gehört augenscheinlich dem linken, ein Teil dem rechten Lager an. Es wird heftig diskutiert. Ein Mann stört sich an einem Plakat der Linken mit der Aufschrift "Nazis nerven mehr als Wespen". Er sei kein Nazi und die, die mit ihm trauern, auch nicht, schreit der Mann. Die Polizei zieht zusätzliche Kräfte vor Ort zusammen, die sich zwischen die beiden Lager stellen, aber nicht eingreifen müssen. Später bilden die Polizisten einen Ring, um Trauernde und Konzertbesucher auf Abstand zu halten. Kurz darauf kommt es zu einem Vorfall. Mehrere Personen hätten sich vermummt, informiert die Polizei. Als den Platzverweisen nicht Folge geleistet wurde, habe man diese durchgesetzt, sagt eine Sprecherin. Nach dem Konzert finden sich erneut mehrere Hundert Leute an der Trauerstelle ein. Sprechchöre sind zu hören, unter anderem "Nie wieder Deutschland", "Nazis raus", "Wir sind mehr". Der Aufforderung der Polizei, den Gedenkort zu verlassen, sind sie nicht nachgekommen. Immer mehr Einsatzkräfte werden zusammengezogen und Platzverweise ausgesprochen. Zu Redaktionsschluss dauert der Einsatz noch an.

 

Das Konzert noch einmal sehen

 

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