Rückzugsorte zwischen Neubauten und Gewerbeflächen

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Kappel

Manch einen, der in den Jugendclub UK kommt, kennt Jörg Schneider schon mehr als zwei Jahrzehnte. Einst hätten sie als Kinder und Jugendliche selbst zum Freizeitvergnügen die Einrichtung aufgesucht, die heute an der Straße Usti nad Labem liegt. Jahre später wohnen sie noch immer in Kappel und brächten ihre Kinder zum UK. "Über 50 Prozent meiner einstigen Kunden sind noch heute da", schätzt Schneider.

Der 53-Jährige, der den Jugendclub leitet, arbeitet seit 25 Jahren in Kappel. Als Ort, den man entgegen der landläufigen Meinung nur ungern verlässt, beschreibt er den Stadtteil. Zwar zögen immer mal wieder Einwohner weg. Andere kämen dagegen nach Jahren in anderen Stadtteilen auch wieder zurück. "Für viele Menschen haben die Neubauten einen hohen Identifikationswert", sagt Schneider. Sie fänden zudem günstigen und mittlerweile auch sanierten Wohnraum vor. Die Zahlen sprechen für Schneiders These: Knapp 10.000 Einwohner zählt der Stadtteil heute - in etwa so viele wie vor zehn Jahren.


Stadtteilmanager Thomas Rosner sieht die gute Infrastruktur als Vorteil des Gebietes. Es gebe viele Einkaufsmöglichkeiten, Kitas, Schulen und zahlreiche Ärzte. "Und alles ist fußläufig erreichbar", sagt der 35-Jährige. Das und die lange Fußgängerzone zwischen den Neubauten schätzten gerade viele ältere Bewohner, berichtet er. Dazu komme, dass nach dem Abriss einiger Neubauten neue Grünzüge entstanden seien, die die Aufenthaltsqualität verbessert hätten. Kappel ist vielgesichtig. In einem Band von Südwest nach Nordost erstrecken sich Gewerbeflächen samt einiger Industrieruinen. Den Osten dominieren Alt- und Altneubauten, mit zum Teil geschlossenen Wohnkarrees. Im Süden ragen Elfgeschosser in die Höhe. Dazwischen: viel Grün, großflächige Gartenanlagen und versteckte Rückzugsorte wie der Park oberhalb der Carl-Hamel-Straße.

Über Kappel gibt es viele Vorurteile: viele Sozialhilfeempfänger, viele Migranten, Probleme mit Anhängern der rechten Szene - so lauten sie. Tatsächlich ist der Anteil derjenigen an der Bevölkerung des Stadtteils, die existenzsichernde Leistungen beziehen, mit 16 Prozent höher als im Gesamtdurchschnitt der Stadt (11 Prozent) - aber auch niedriger als beispielsweise auf dem Sonnenberg (28 Prozent). Ein Szeneladen ist nach wie vor als Anlaufpunkt für Anhänger der rechten Szene bekannt. Und lange Zeit zählte der Stadtteil viele Migranten, die in einer Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung zu Hause waren, die mittlerweile geschlossen ist. Zuweilen habe er deswegen täglich bis zu 70 Migranten in seinem Club begrüßt, berichtet der Leiter. Das sei kaum zu händeln gewesen. Mittlerweile habe sich die Lage aber beruhigt, sagt Schneider. Es lebten deutlich weniger Migranten in Kappel als vor drei Jahren. Und der rechte Szeneladen spielt aus seiner Sicht keine allzu große Rolle für das Leben in Kappel. Geblieben sei die bunte Mischung der Einwohnerschaft - kein neuer Effekt. "Russen, Ungarn, Thailänder - wir sind hier schon immer interkulturell", so Schneider.

Er sieht in Kappel viel Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft sei. So könne man beispielsweise den Skaterpark neben dem Jugendclub aufwerten und den benachbarten Park mit Bänken ausstatten. Verärgert ist er darüber, dass Spielgeräte auf einem Spielplatz nahe seiner Einrichtung noch nicht repariert wurden, das Areal deswegen teilweise gesperrt wurde. Und mit Sorgenfalten blickt er auf die Situation am Tunnel unter der Stollberger Straße. Die Unterführung habe sich zum Treffpunkt vorrangig junger Leute entwickelt, die dort unter anderem Alkohol konsumierten und in die Ecken urinierten.


Das ist Kappel

Mit etwa 9700 Einwohnern ist Kappel einer der bevölkerungsreicheren Stadtteile. Die Anzahl der dort lebenden Personen hat sich in den vergangenen zehn Jahren nur leicht (0,9Prozent) verringert. Der Ausländeranteil liegt mit 6,5 Prozent unter dem Gesamtdurchschnitt der Stadt (etwa 7,5Prozent). Die meisten Menschen leben im Süden und Osten des Stadtteils, während sich im Norden und Westen Gewerbegebiete sowie große Gartenanlagen erstrecken. (lumm)

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