Sänger und Tänzer haben bald neue Bretter unter den Füßen

In der Spielzeitpause wird der Bühnenboden ausgetauscht. Theaterleute haben eine besondere Beziehung zu ihm. Deshalb werden auch nicht alle alten Dielen weggeworfen.

Wer zur langen Nacht des Theaters eine der unterhaltsamen Führungen durch das Opernhaus gemacht hat, konnte sie schon sehen: Pakete mit Dielen, die hinter der Bühne bereit- standen. Seit ein paar Tagen ist nun die Zimmerei Jürgen Nitzsche aus Chemnitz dabei, die alten gegen neue Dielen auszutauschen. Diese Firma habe bereits zu DDR-Zeiten den Bühnenboden erneuert, und die Dielen, die seit 1992 im Einsatz waren und jetzt ersetzt werden, verlegt, hieß es aus dem Theater.

Einen neuen Boden herbeigesehnt hat Raj Ullrich, technischer Direktor der Theater Chemnitz. Der seit der Neueröffnung des Opernhauses vor 25 Jahren genutzte Boden sei gealtert und verschlissen. Er verfüge nicht mehr über die nötige Belastbarkeit. Grund dafür seien die zum Teil schweren Kulissenteile, die ständig hin und her bewegt und im Boden verschraubt werden. Dadurch seien regelrechte Schlaglöcher entstanden, sagt Ullrich. Bisher habe es immer in der Sommerpause eine Kur für den Boden gegeben. Doch nun sei er nicht mehr zu retten gewesen. "Die Verwandlung der Bühne soll ja leise, unhörbar vonstatten gehen, wie von Zauberhand und nicht rumpeldipumpel", so Ullrich. Doch die Unebenheiten hätten das kaum noch zugelassen.


Die jetzt zu erneuernde Fläche umfasse rund 1000 Quadratmeter. Sie schließe Bereiche der Vorder- und Hinterbühne und natürlich auch der Hauptbühne mit eingebauter Drehbühne und Hubpodien ein. Weitere 400 Quadratmeter, darunter die Fläche der Vormontagebereiche, könnten jetzt nicht erneuert werden und müssten noch etwas länger durchhalten, so Ullrich. Die Kosten für das Vorhaben belaufen sich auf insgesamt rund 160.000 Euro. Es umzusetzen sei nur dank der Förderung durch den Kulturraum Chemnitz möglich. Diese Maßnahme werde mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes.

Der bisherige Bühnenboden war aus Oregon Pine, das ist eine kanadische Kiefernart. Die 45 Millimeter starke Dielung daraus wurde mit stehenden Jahresringen verbaut, das garantiere durch die Harzigkeit des Holzes ein schnelles Schließen der Schraublöcher nach dem Entfernen der täglich wechselnden Dekorationen, erklärt Ullrich. Mit der Zeit hätten sich die Löcher tatsächlich von selbst geschlossen. Allerdings sei dieser Effekt nun ausgereizt. Ein neuer Boden aus kanadischer Fichte sei allerdings nicht bezahlbar gewesen, so Ullrich. Stattdessen habe man einen Kompromiss gefunden. Der Boden ist künftig aus märkischer Fichte. Davon erhoffe man sich höhere Traglasten, um mit Gabelstapler und Co. besser arbeiten zu können. Andererseits werde der Boden aus drei kombinierten Schichten in einer Gesamtstärke von 90 Millimetern bestehen. Damit könne die obere Deckschicht in besonders belasteten Bereichen einfacher ausgewechselt werden, so Ullrich.

Kompliziert sei die Erneuerung auch wegen der vielen technischen Einbauten im Opernhaus. So gebe es die große Drehbühnenfläche mit 15,80 Metern Durchmesser, die darin integrierten drei Hubpodien sowie eine Vielzahl von Versenkungsklappen und elektrischen, von unten am Boden befestigten Schaltkästen für Bühnen-, Licht- und Tontechnik. Das alles müsse demontiert, dokumentiert und zwischengelagert werden, erklärt Ullrich. Dann werde der alte Boden ausgebaut, neue Auflager geschaffen und der neue Boden eingebaut. Danach müssten alle Schnitte und Klappen hergestellt werden, um anschließend alle technischen Steuerungen und Schaltkästen wieder an genau den selben Stellen zu befestigen und zu verkabeln, an denen sie sich vorher befunden haben. Das klingt zwar alles sehr aufwendig, trotzdem sollen die Tischlerarbeiten bis 12. August abgeschlossen sein. Momentan sieht man genau, wo sich neues, nämlich helles, Holz befindet und wo noch die alten Dielen liegen. Doch so schön neu wird der Anblick nicht bleiben: Damit der Zuschauer nicht sieht, was im Hintergrund auf der Bühne passiert, muss dort alles schwarz gestrichen werden.

Man sagt, die Schauspieler stehen im Theater auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Das geflügelte Wort stammt von Friedrich Schiller, aus seinem Gedicht "An die Freunde". Die Bretter nun einfach so zu entsorgen, fällt Theaterleuten deshalb schwer. Darum werde ein Teil des Holzes zum Andenken aufbewahrt, verrät Ullrich. Was genau damit geschehen soll, sei noch nicht entschieden.

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