Schloßbergmuseum rückt die Vorwendejahre in den Fokus

Der Fall der Mauer jährt sich im November zum 30. Mal. Das Museum auf dem Schloßberg nutzt das Jubiläum für eine Sonderausstellung, die einen anderen Schwerpunkt und auf die Mithilfe der Chemnitzer setzt.

Schloßchemnitz.

Zeitungsausrisse, die Kriegsgeschehen zeigen, zum Beispiel eine Atombombenexplosion; dazu in großen Buchstaben die Frage: "Sind wir zum Frieden fähig?" Darunter in kleineren Lettern Ort und Zeit für ein Treffen. So sieht ein Friedensplakat aus, das irgendwann in den 1980er-Jahren entstanden ist. Geschaffen hat es Hans-Jochen Vogel, der in Chemnitz beziehungsweise Karl-Marx-Stadt als Studentenpfarrer gearbeitet hat. Plakate wie dieses hat er zumeist in Kirchen aufgehängt - ein damals gefährliches Unterfangen. Schließlich richtete sich die Forderung nach Frieden und Abrüstung nicht nur an den Westen, sondern ausdrücklich auch an sein Heimatland DDR. Das weckte nicht selten den Argwohn des Geheimdienstes Stasi.

Wiederentdeckt hat diese und weitere Plakate Museumsleiter Uwe Fiedler bei der Vorbereitung einer neuen Sonderausstellung im Schloßbergmuseum. "Wendezeit" lautet die Schau, die ab 15. September in dem Haus auf dem Schloßberg gezeigt werden soll. Und die einen neuen Ansatz verfolgt. Denn das Wendejahr 1989 mit Ausreisewellen, Demonstrationen und dem Mauerfall sei schon häufig thematisiert worden, allein neun Ausstellung dazu habe es Chemnitz gegeben, sagt Fiedler. "Und wir wollten nichts wieder aufwärmen, was schonmal da war." Bei vielen bisherigen Ausstellungen seien ihm zudem die Schwerpunkte missfallen: "Aus meiner Sicht richtet sich der Fokus zu sehr auf dieses eine Jahr 1989. Dabei gibt es eine längere Vorgeschichte."


Die beginnt dem Museumschef zufolge etwa zehn Jahre zuvor. 1978 wurde in der DDR Wehrunterricht als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt, ein Jahr später erfolgte der Nato-Doppelbeschluss: Die Nato kündigte die Aufstellung neuer, mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen als Ausgleich für die Stationierung der sowjetischen SS 20 an; zugleich verlangte das nordatlantische Bündnis Verhandlungen der Supermächte. Zwei Anlässe, die friedensbewegte Menschen auch in der DDR zu verstärktem Engagement bewegte. Sie trafen sich, diskutierten, entwarfen und druckten Plakate. Das alles sei meist unter dem Dach der Kirche geschehen, sagt der Museumschef. Die bot etwas Schutz, wurde aber auch von der Stasi beobachtet und in Einzelfällen unterwandert. Die Treffen der Friedensaktivisten seien deswegen mitunter heimlich organisiert worden, beispielsweise mithilfe kleiner Nachrichten auf Zigarettenschachteln (siehe Info-Kasten), berichtet Fiedler.

Im Laufe der Jahre seien neben Frieden und Abrüstung auch andere Themen auf die Agenda der Gruppen gekommen, sagt Fiedler. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Umweltschutz, Mitbestimmung und Demokratie seien verstärkt diskutiert worden. Themen, die auch heute noch eine Rolle spielen. "Da wollen wir mit der Ausstellung anknüpfen."

Die Schau konzentriere sich auf das Jahrzehnt vor 1989. "Wir wollen nicht der Masse, sondern einzelnen Akteuren eine Stimme geben", erklärt der Museumsleiter. Gezeigt werden sollen unter anderem Plakate, Sticker und Faltblätter von Aktivisten. Zu sehen sein werden aber auch einzelne Geräte, beispielsweise ein spezielles Gebläse, das die Stasi bei der Öffnung von Briefen genutzt hat. Der Museumschef möchte aber vor allem die Chemnitzer ins Boot holen. Sie sollen Erinnerungsstücke aus diese Zeit einschicken. Vorstellbar seien beispielsweise Briefe oder Plakate, die zwischen 1979 und 1989 entstanden sind.

Im Rahmen der Sonderschau sind zwei Symposien geplant: eines mit Zeitzeugen, ein weiteres mit dem Schwerpunkt "Die Rolle der Frauen in den Umbruchjahren". Die Kunstsammlungen wollen zudem in einer eigenen Reihe die Kunst in den Wendejahren in den Fokus rücken.

Wer Exponate für die Schau zur Verfügung stellen möchte, kann diese an das Schloßbergmuseum, Schloßberg 12, 09113 Chemnitz, schicken oder telefonisch einen Termin vereinbaren: 0371 4884501.


Versteckte Hinweise

Die Treffen der Aktivisten wurden nicht selten vom Geheimdienst beobachtet und waren deswegen für die Teilnehmer ein Risiko. Um das zu minimieren, erfolgten die Einladungen mitunter geheim - beispielsweise mit versteckten Botschaften auf Streichholzschachteln. Mit der gezeigten Schachtel wurde in den 1980er-Jahren zu einem Treffen im Michaeliskeller eingeladen, der sich in der Michaeliskirche am Südring befand. (lumm)


Umweltschutz-Botschaften

Auf die Agenda der Aktivisten kamen in den 1980er-Jahren zunehmend Umweltthemen. Der Plakatentwurf des Chemnitzers Steffen Jacob zeigt Öl, das aus einem Abfluss in ein Gewässer fließt. "Wir machen unseren Einfluss geltend", steht darunter. Anlass waren vermutlich Schäden an der Natur im Süden der Stadt. Die VEB Mineralölwerke hatten über Jahre Rückstände der Öl-Produktion im Gelände abgeladen. (lumm)


Gefährliche Sticker

Aufkleber mit "Schwerter zu Pflugscharen" - einem Zitat aus der Bibel - waren bei Friedensaktivisten und Wehrdienstverweigerern in der DDR sehr beliebt. Wer den Sticker (links) trug, habe sich verdächtig gemacht und mitunter Ärger mit der Stasi bekommen, sagt Museumsleiter Fiedler. Faltblätter (rechts) beinhalteten meistens Bibelsprüche, zum Teil waren sie mit Einladungen für Treffen versehen. (lumm)

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