Schönau: Stadtteil mit vielen Gesichtern

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Schönau

Wenn Dietlind Voigt vor die Tür tritt, dann kennt sie ihre Nachbarn. Sie lebt in einem zweigeschossigen Reihenhaus, wie sie sich in ihrem Viertel in Schönau, vor allem an der Pettenkofer- und der Stelzendorfer Straße, eines ans andere schmiegen. Viele Hauseingänge sind dekoriert, manche trennt eine Hecke vom Nebenhaus, auf den kleinen Flächen neben den Eingängen haben sich die Bewohner gärtnerisch ausgetobt. An einem Haus - die Gebäude wurden Ende der 1920er-Jahre gebaut - wächst sogar Wein. Zwischen den parallel verlaufenden Häuserreihen sind Kleingärten angelegt. "Es ist schön hier. Mit ganz viel Grün und sehr vielen älteren Leuten", beschreibt Voigt ihr Viertel, in dem sie seit 1976 lebt.

Wer aber die Pettenkofer- oder die Bahnstraße nach Süden geht, staunt nicht schlecht. Dort endet die Idylle abrupt. Eine Lärmschutzwand schneidet den Weg ab. Dahinter rauscht der Verkehr auf der Neefestraße. Die Siedlung liegt genau am Knotenpunkt Neefestraße/Südring und jenseits der Neefestraße ein weiterer Teil von Schönau. Laut Voigt hat ihr Viertel ein Problem mit der Infrastruktur. Einen Spielplatz gibt es nicht mehr. Nur einen Bolzplatz an der Stelzendorfer Straße. Der nächste Spielplatz befindet sich unterhalb der Oberschule Schönau/ Siegmar an der Guerickestraße. Zu Fuß sind das mindestens 20 Minuten. Ende Dezember 2018 musste Voigt auch den Schönau-Treff schließen. Elf Jahre lang hat sie dort gearbeitet, den Treff hatte die Wohnungsbaugenossenschaft Chemnitz West betrieben. Geburtstage, Weihnachten, Frauentage wurden dort gefeiert, Gruppen, die malten oder Sport trieben, trafen sich. Es habe sich nicht mehr getragen, sagt Voigt und fügt hinzu: "Ich könnte heulen."


Früher gab es ein Milchgeschäft, einen Fleischer, einen Obstladen und bis 2004 einen Lidl-Supermarkt an der Stelzendorfer Straße, berichtet Voigt. Heute gibt es nur noch eine Bäckerei an der Stelzendorfer/Ecke Graefestraße. "Wenigstens kann man dort auch mal Milch, Butter und Eier kaufen", sagt Voigt. Auf dem Grundstück, wo sich einst der Lidl befand, stehen heute fünf Eigenheime. Menschen wie Dietlind Voigt - sie ist 71 Jahre alt - sind auf den Nahverkehr angewiesen. Der Aldi an der Zwickauer Straße liegt immer noch in Schönau. Aber dorthin sind es zu Fuß 15 Minuten. Mit schweren Einkaufstüten zurück? Für ältere Menschen eher nicht machbar. Mit dem Bus 26 könnte man von der Graefestraße aus zum Aldi fahren. "Aber er fährt nur einmal in der Stunde", verdeutlicht Voigt das Problem.

Eine weitere Sorge treibt sie und weitere ihrer Nachbarn um: Seit Baubeginn des Überfliegers im Jahr 2004 gibt es an dem Knotenpunkt Neefestraße/Südring keine Bushaltestelle in stadtwärtiger Richtung mehr. Die Anwohner können zwar nach wie vor direkt unter dem Überflieger in die Linien 23 in Richtung Rabenstein und 43 zum Neefepark einsteigen. Wenn sie jedoch von dort, mit Einkäufen, zurückkommen, müssen sie entweder von der Haltestelle Pasteurstraße aus Richtung Autobahn oder vom Neubauernweg aus Richtung Messe bis in die Siedlung laufen. Beide Haltestellen liegen rund einen Kilometer weit auseinander. Seit Jahren setzt sich Voigt im Seniorenbeirat für die Haltestelle ein. Bisher vergebens. Auch an der Haltestelle in landwärtiger Richtung gebe es Verbesserungsbedarf. So ist sie von der Siedlung aus über einen Umweg von 200 Metern oder über einen Trampelpfad, der über eine Böschung führt, zu erreichen. "Es fehlen eine Treppe und ein Wartehäuschen. Es zieht dort sehr", sagt sie.

Neben der dörflichen Siedlung am Südring und dem beinahe schon menschenfeindlichen Gebiet am Knotenpunkt Neefestraße/Südring gehören auch so unterschiedlich geprägte Bezirke wie das Villenviertel zwischen Dieselstraße/Harthweg und Kappelbach, die Messe und die Zwickauer Straße zwischen A 72 und Am Feldschlößchen zu Schönau.


Ersterwähnung im Jahr 1300

Mit rund 4100 Bewohnern auf 3,16 Quadratkilometern liegt Schönau bevölkerungsmäßig im Mittelfeld der 39Chemnitzer Stadtteile. Damit hat es etwas zugelegt. Tiefststand der vergangenen zehn Jahre war 2012 mit genau 3937 Einwohnern. Die Industrie ist stark ausgeprägt. Die Siemens-Niederlassung und der Union-Werkzeugmaschinenbau sind in Schönau angesiedelt. Die Gutssiedlung Schönau wurde erstmals 1300 urkundlich erwähnt und 1950 eingemeindet. (jpe)

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