Schüler aus Wolgograd auf Entdeckungsreise in Chemnitz

Zwei Wochen lang lernen Jugendliche aus der südrussischen Partnerstadt den Alltag ihrer deutschen Altersgenossen aus erster Hand kennen. Für das Projekt gab es nun sogar einen Preis.

Reitbahnviertel.

Es muss ein schönes Land sein: Die Menschen sind alle freundlich - und so offen und aufmerksam. Es gibt auffällig viel Grün dort und eine beeindruckende Architektur. Nur die Hochhäuser, die fallen dann doch deutlich kleiner aus, als man das gemeinhin erwartet hat.

Das Land, von dem da die Rede ist, ist Deutschland im Spätsommer 2018, beschrieben nach den Eindrücken, die Zehntklässler aus der gut eine Million Einwohner zählenden südrussischen Partnerstadt Wolgograd in dieser Woche gesammelt haben. Nach einigen Tagen in Berlin sind sie noch bis Ende kommender Woche an der Annenschule in Chemnitz zu Gast. Dort leben sie bei Familien ihrer Mitschüler auf Zeit und lernen kennen, wie hierzulande der Alltag von Gleichaltrigen aussieht. Auf dem Programm stehen zudem gemeinsame Ausflüge nach Dresden zu den Staatlichen Kunstsammlungen und in den Leipziger Zoo.

Der Besuch ist Teil eines Partnerschaftsprogramms, das die Oberschule im Reitbahnviertel seit fünf Jahren mit der 93.Schule in Wolgograd pflegt. "In geraden Jahren besuchen Schüler aus Wolgograd uns, in den ungeraden sind wir bei ihnen zu Gast", erläutert Lehrerin Kristin Köhler, an der Annenschule eine der Betreuerinnen des Projekts.

In einigen Fällen sind daraus bereits individuelle Freundschaften entstanden, die weit über die Partnerschaft der Schulen hinausreichen. "Manche Schüler haben sich nach den Besuchen mehrfach wiedergetroffen, die Familien haben sogar eine Woche gemeinsam Urlaub gemacht", schildert Kristin Köhler. Und wenn zwischen Berlin und Moskau mal wieder Eiszeit herrscht? Die Politik, so die Lehrerin, bleibe weitgehend außen vor. "Die Kinder merken ja, dass ihre Besucher oder Gastfamilien alles ganz normale Menschen sind."

In der Tat ist beim Begrüßungsrundgang durch das Schulhaus nicht auf Anhieb auszumachen, wer von den Siebt- bis Zehntklässlern ums Eck wohnt und wer 2500 Kilometer weiter östlich zu Hause ist. Handy, Zahnspange, Klamotten - es gibt kaum Unterschiede. Beim Schulalltag sieht das schon anders aus. "Die Atmosphäre hier ist irgendwie freier und weniger streng als bei uns", sagt die 16-jährige Jekaterina Magnizkaja. Eine neue Erfahrung sei zudem der sogenannte Blockunterricht mit Unterrichtseinheiten von bis zu 70 Minuten Dauer. "Bei uns in Wolgograd dauert eine Unterrichtsstunde immer 40 Minuten", so Sachar Popow (15).

Was Lehrern auffällt: In naturwissenschaftlichen Fächern, vor allem in Mathematik, macht den russischen Schülern so schnell niemand etwas vor. Dafür spielt die Ausbildung in Fremdsprachen wie Englisch dort allem Anschein nach eine weniger große Rolle als in Deutschland. Mit der Verständigung klappt es trotzdem recht gut: Die russische Sprache wird an der Annenschule als Fremdsprache gelehrt, zur Not dolmetschen Schüler aus Chemnitzer Familien mit russischen Wurzeln.

Am Freitag wurde es dann aber doch noch ein wenig politisch. Zwar nicht an der Annenschule, aber im Auswärtigen Amt in Berlin. Dort wurde die Städtepartnerschaftsarbeit zwischen Chemnitz und Wolgograd mit einer Urkunde ausgezeichnet. Anlass ist das Deutsch-Russische Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften, das dieser Tage zu Ende geht. Die Stadt Chemnitz als Initiatorin des Schulprojekts war als einer von 30 Preisträgern für die Ehrung ausgewählt worden - aus insgesamt 250 Bewerbungen.

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