Sehr stille Nacht

Weihnachten in der Pandemie wird anders als sonst, das zeichnet sich seit langem ab. Die Chemnitzer Kirchgemeinden bereiten sich auf verschiedene Szenarien vor.

Ein Gottesdienst ist keine Veranstaltung wie jede andere. Zwar gelten auch hier die üblichen Hygiene- und Abstandsregeln. Als Versammlung ist er durch das Recht auf freie Religionsausübung besonders geschützt. "In der ersten Welle der Pandemie gab es gute Gründe, dieses Grundrecht einzuschränken", glaubt Stephan Tischendorf, der gerade zu Beginn der Krise im März das Amt des Sprechers im evangelisch-lutherischen Kirchenbezirk Chemnitz übernommen hatte. "Jetzt gibt es gute Gründe, das anders zu machen als im Frühjahr."

Reichlich zwei Dutzend Kirchgemeinden mit rund 30.000 Gläubigen gehören zum Kirchenbezirk, der die Stadt Chemnitz und Teile des Umlands umfasst. Für Heiligabend wird vorsichtig und in Alternativen geplant. Einige wollten das Angebot erhöhen und mehrere Christvespern nacheinander vorbereiten, um die Teilnahme vieler trotz Zugangsbeschränkungen zu ermöglichen, berichtet Tischendorf. Andere organisieren ein Ticketsystem mit Eintrittskarten. Die Mindestabstände können verkleinert und die Besucherzahl kann erhöht werden, wenn genau nachvollziehbar bleibt, wer in welcher Reihe, auf welchem Sitz gesessen hat.

Einige Gemeinden planen, sich zum Fest im Freien zu treffen. Auch das setzt Hygienemaßnahmen voraus, etwa eine gewisse Zahl an Ordnern. Ein viertes Konzept, die offene Kirche, wird zum Beispiel in der innerstädtischen Jakobikirche praktiziert. Kurze Andachten und Gebete treten an die Stelle eines längeren Gottesdienstes, die Türen der Kirche stehen jederzeit offen. Die traditionelle Krippenausstellung in der Jakobikirche soll es auch in diesem Jahr geben.

Welche offiziellen Abstands- und Verhaltensregeln in der Weihnachtszeit tatsächlich gelten werden, weiß im Augenblick noch niemand. Das hängt von der Entwicklung der Pandemie, den Einschätzungen der Experten und den Maßnahmen der Regierung ab. Für Stephan Tischendorf steht fest, dass Heiligabend in diesem Jahr "bei weitem nicht das sein wird, was den Tag und die Nacht sonst ausmacht". Proppenvolle Kirche, längerer Gottesdienst, Krippenspiel - keine Chance. "Beim Krippenspiel bremst uns schon aus, dass man jetzt im November nicht proben darf. Auch die Bewegung und Nähe in der Aufführung machen es kompliziert. Und Auftritte in Maske wären wohl wenig charmant." Denkbar seien Alternativen wie Lesungen.

Auch die Vorbereitungen auf größere Konzerte, etwa die beliebte Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Bach, hätten spätestens Ende September beginnen müssen. Sie fallen in diesem Jahr aus. Tischendorf sagt, das sei bereits im Frühjahr nach der ersten Welle absehbar gewesen. Geplant würden nun kleinere Musikaufführungen. Wegen all der Ungewissheiten wird es den gewohnten Flyer "Heiligabend in Chemnitzer Kirchen" in diesem Jahr nicht geben - auch der hätte bereits Ende November in den Druck gehen müssen.

In den Gottesdiensten gilt momentan die Abstandsregel von 1,50 Metern. In vielen Kirchen haben Gläubige eine ganze Bank für sich allein oder sitzen zu zweit an den Enden. "Es gibt auch Menschen, die aus Sorge um ihre Gesundheit nicht zum Gottesdienst gehen", sagt Tischendorf. Während des strikten Lockdowns in der ersten Welle hatte die Kirche binnen Tagen ein digitales Angebot aufgesetzt, das den Gläubigen half, einen "echten" Gottesdienst aber doch unzulänglich ersetzt. Tischendorf spricht von einer "anderen Art von Gemeinschaft". Der erste Lockdown habe zu einer innerkirchlichen Diskussion geführt, "was uns als Kirche eigentlich trägt". Der Pfarrer im Gottesdienst sei eine wichtige, aber kaum hinreichende Komponente. Unter dem Lockdown litt vor allem das Gemeindeleben. Soziale Kontaktmöglichkeiten wurden improvisiert, es gab telefonische Verabredungen, auch zum geistlichen Gespräch.

Tischendorf, der lange als Gemeindepfarrer tätig war, hat bisher eine gewisse Zurückhaltung wahrgenommen, was theologische Deutungsversuche angeht ("Was will Gott uns mit der Pandemie sagen?"). Gleichwohl verstehe sich die Kirche als Institution, die auch in einer Ausnahmesituation Halt und Orientierung gibt: "Wir glauben, dass die Welt und jeder Mensch ein Ziel hat, und dass die Menschen eine Zukunft haben."

11 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 15
    0
    MichaelSchneider
    20.11.2020

    Jesus selbst war es, der mit Blick auf das Gebet geraten hat, dies am ehesten doch für sich allein und im stillen Kämmerlein zu tun.
    Eine Pandemie hatte er dabei nicht im Sinn, es ging ihm in seiner Bergpredigt vielmehr um den Schutz vor religiöser Selbstdarstellung. Aber auch mit Blick auf äußerst ansteckende Krankheiten scheint das Gebet für sich allein nicht der schlechteste Rat zu sein.
    Interessant ist für mich auch der Gedanke der Zurückhaltung theologischer Deutungsversuche, was wohl (Gott durch) die Pandemie einen zu sagen haben könnte. Es könnte sein, dass die Kirche von all den Belastungen und Einschränkungen durch Corona selbst zu sehr betroffen ist, um hier schnelle Antworten zu finden. Leid lässt sich immer dann schneller deuten und nach Gottes Wille dabei fragen, wenn es um das Leid des anderen geht.