Sie sitzen im Glashaus und werfen mit Worten

Es ist eine spannende Intervention auf dem sonst so oft leeren Theaterplatz: Das Berliner Kollektiv Eins spielt, liest und improvisiert Texte und Szenen einer nicht nur feministischen Revolte.

Wer im Glashaus sitzt, soll zwar nicht mit Steinen werfen - es sei denn, das Glashaus wäre ein unverdientes Gefängnis. Mit Worten aber kann man sehr wohl werfen. Das ist sogar erwünscht bei der "Performativen Besetzung" des so oft tristen und leeren Theaterplatzes durch die Berliner Theatergruppe Kollektiv Eins. Die sechs jungen Schauspielerinnen und Schauspieler führen seit Mittwochabend und noch vier weitere Abende lang rund um ein buntes Glashaus auf dem Theaterplatz Texte, improvisierte Szenen, Videos und Musik auf und laden zu interaktiven Gesprächsrunden ein.

Motto des in Kooperation des Kosmos-Theaters Wien mit dem Schauspiel Chemnitz entstandenen Projekts ist der Titel von Virginia Woolfs berühmtem Essay aus dem Jahr 1929 "Ein Zimmer für sich allein". Dies ist einer der Schlüsseltexte der feministischen Bewegung, in der Woolf unter anderem fordert, das Mindeste, das Frauen haben müssten, um "große Literatur" zu produzieren, respektive gleichberechtigt zu leben, seien 500 Pfund im Jahr und eben ein eigenes Zimmer.


Die Lesung des gesamten Essays an fünf Abenden bis zum Sonntag ist das Gerüst der gesamten Intervention. Jeder Abend hat ein Motto: Am Mittwoch ging es um "Liebe", am heutigen Donnerstag um "Staat, Nation, Kapitalismus", am Freitag wird der "Friday for no future" Umweltthemen in den Mittelpunkt rücken. Am Samstag geht es um "Reproduktion und Mutterschaft", am Sonntag um "Revolution".

Das Theaterkollektiv, dem unter anderen Paula Thielecke, Carolin Wiedenbröker, Lisanne Hirzel, Patrick Wudtke, Stefan Hornbach und Sören Hornung angehören, ist schon von weitem nicht zu übersehen. In silbern glänzenden Plateauschuhen und grellbunten Klamotten stürmen sie über den Theaterplatz, nehmen das Publikum mit - etwa 20 Gäste wollten am Mittwochnachmittag die Eröffnung des Spektakels erleben -, sprechen es direkt an, ohne aufdringlich zu sein, laden zu persönlichen Gesprächen, zum Wahrsagen, Wünscheäußern oder einfach zum Beobachten und Zuhören ein. Mancher Passant bleibt da zumindest kurz skeptisch stehen, und ein älterer Herr beantwortet die Frage seiner Begleiterin mit einem kaum hörbaren Fragezeichen am Ende: "Das ist wohl auch Kunst."

Obwohl das Wort "Revolution" schon im Eingangsstatement der Gruppe so oft vorkommt, dass es sich zur Revolte abnutzt, sprechen die Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich für ihre Performance Katzennamen gegeben haben, wichtige Themen an, wollen die "Stimme der Stummen, der stumm Gemachten" sein, wollen das Schweigen über die Unterdrückung, nicht nur der Frauen, das von "Generation zu Generation gelehrt" worden sei, durchbrechen, wollen einen "Raum schaffen, um sich wirklich zu ereignen". Und tatsächlich: Es herrscht Leben auf dem Theaterplatz. Hingehen lohnt sich.

Die Performance "Ein Zimmer für sich allein" findet bis Sonntag täglich von 16 bis 22Uhr auf dem Theaterplatz statt. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei. Das genaue Tagesprogramm lesen Sie im Internet unter: www.theater-chemnitz.de

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