So erlebt die Jüdische Gemeinde die Stadt

Die 600 Mitglieder zählende Gemeinschaft hofft auf die Rückkehr des Friedens in Chemnitz, wo sie sich immer willkommen fühlte, wie ihre Vorsitzende sagt. Indes wurde das Restaurant "Schalom" angegriffen.

Die Situation in Chemnitz war für die Jüdische Gemeinde Anlass, ein Gebet für die Stadt zu sprechen. Die Mitglieder wissen, die Mehrheit der Chemnitzer seien "vernünftige Leute", sagt die Vorsitzende Ruth Röcher.

Von Matthias Zwarg

Ein ansonsten eher selten gesprochenes Gebet hat die Jüdische Gemeinde in ihren jüngsten Schabbat-Gottesdienst aufgenommen. Aus aktuellem Anlass. Es bindet Chemnitz ein und endet mit den Worten "Lasse die Stimme des Streites verstummen in unserer Stadt und unseren Landen". Wie für alle Menschen in der Stadt, ist es auch für die etwa 600 Mitglieder zählende Jüdische Gemeinde Chemnitz nicht einfach, damit umzugehen, dass auf den Straßen der Hitlergruß zu sehen ist, sagt Vorsitzende Ruth Röcher.

Hinzu komme, dass auch "Flüchtlinge aus arabischen Ländern, sag ich mal vorsichtig, den Juden nicht immer wohlgesonnen sind". Die Juden in Deutschland stünden "zwischen den Rechten, die uns nicht lieben, und den Flüchtlingen, die uns in der Regel auch nicht lieben, und wir stehen mitten in der Gesellschaft". Röcher bekräftigt: "Doch was Chemnitz betrifft, fühlen wir uns seit Jahren sehr willkommen. Wir leben in einer guten Stadt." Bei Problemen wisse sie, sie könne die Oberbürgermeisterin erreichen, den Polizeipräsidenten - auch vor dem Schabbat-Gottesdienst fährt ein Polizeiauto langsam an der Synagoge vorbei. "Wir haben hier keinen Antisemitismus, wir leben hier wirklich gut." Die Mehrheit der Chemnitzer seien "vernünftige Leute", sagt Röcher mit Bezug auf Kundgebungen und Ausschreitungen rechter Kräfte nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Mannes. Drei Asylbewerber gelten als tatverdächtig.

Uwe Dziuballa, Inhaber des jüdischen Restaurants "Schalom", sieht die Lage in der Stadt differenziert: "Es brodelt schon länger, seit 2015." Weshalb es ihn wundert, dass Politiker in Sachsen ihrerseits jetzt "verwundert" sind über die eskalierende Gewalt und dass der Tod eines Mannes von Rechten ausgenutzt werde. Am Montag voriger Woche, "um 21.44 Uhr" - er erinnert sich noch genau an die Uhrzeit -, habe er das erste Mal nach langer Zeit wieder "richtig Schiss gehabt". Nach einem Vortrag über die Arisierung jüdischer Unternehmen, das Restaurant war schon fast leer, seien draußen etwa ein Dutzend schwarz vermummte Gestalten mit Steinen und Eisenstange auf ihn zugekommen und hätten mit Vokabular der Rechten gerufen, "Judenschwein, verschwinde aus Deutschland". Dziuballa wurde leicht an der Schulter verletzt. Immerhin: "Eine Sekunde später war die Polizei da. Sie war schnell, kompetent und sachlich." Und inzwischen fahre häufiger ein Polizeiauto am "Schalom" vorbei. Doch Dziuballa sagt auch: "Es ist traurig, dass das notwendig ist. Aber es ist nicht repräsentativ für Chemnitz, es ist nicht Alltag."

Man sei in Chemnitz willkommen wie in jeder anderen Stadt; er erfahre zwar Antisemitismus, wenn er mit Kippa durch die Straßen gehe, auch von muslimischen Flüchtlingen, "aber es gibt auch Leute, die uns mögen". Und er wünscht sich, dass die Politik endlich "Probleme nicht aussitzt, sondern selbst Gesicht zeigt". Man müsse Asylansprüche schnell prüfen und Flüchtlingen, die bleiben dürfen, in kürzester Zeit eine Perspektive bieten, andere aber schnell zurückführen.

Ruth Röcher hofft, dass Chemnitz wieder eine ruhige Stadt wird. Es gibt zaghafte Kontakte der Jüdischen Gemeinde mit zum Christentum konvertierten Muslimen. Und am Samstag standen bei der Gegen-demonstration an der Johanniskirche Menschen mit Israel-Fahne und mit einem muslimischen Friedenstransparent dicht beieinander. Auch die Zivilgesellschaft müsse aufstehen, sagt Ruth Röcher.

9Kommentare
👍3👎0 alibaba75 12.09.2018 Adolf Hitler hat uns Deutschen und den angrenzenden Völkern so viel Leid und Schaden zugefügt, dass ich mich frage, ob die Menschen noch ganz dicht sind, die diese Riesen Scheiße noch mit dem Hitlergruß bedenken.
👍4👎5 Hinterfragt 10.09.2018 @Blackadder;"...durch einen rechten Mob...."

Sie kennen die Täter, diese sind einwandfrei ermittelt???
Ich behaupte dann mal auch einfach, es waren Linke Terroristen, die für "richtige" Stimmung im Land sorgen wollen...

Stichwort: https://de.wikipedia.org/wiki/Falsche_Flagge
👍7👎9 Blackadder 08.09.2018 Der Angriff auf das Schalom, der hier nur in einem allgemeinen! Artikel über die jüdische Gemeinde erwähnt wird, der auf Seite 2 oder 3 der Chemnitzer Regionalausgabe der FP stand, macht gerade deutschlandweit die Runde. Große Artikel in Welt, Spiegel....etc. Große Bestürzung überall. Zu Recht.

Es sollte uns doch zu denken geben, dass so etwas hier so "normal" geworden ist, so alltäglich, dass es hier in Chemnitz schon keinen Leitartikel mehr wert ist. Sind wir wirklich so abgestumpft? Das zeigt doch erst das Ausmass des Problems, welches wir in Sachsen haben.
👍5👎9 Blackadder 06.09.2018 @ blacksheep : Wir reden hier über den Angriff auf das Schalom durch einen rechten Mob. Auf whataboutisms gege ich nicht ein.
👍9👎9 BlackSheep 05.09.2018 @Blackadder, was beschweren Sie sich, sie äußern sich doch zu dem was Hinterfragt fragt auch nicht!
👍9👎11 Blackadder 05.09.2018 @ hinterfragt: Fragen SIE doch den Herrn Dziuballa mal, von wem das Schalom schon zig mal angegriffen wurde? Möchten Sie sich zu diesem aktuellen Fall nicht äußern?
👍8👎11 Hinterfragt 05.09.2018 @Blackadder;

Fragen Sie doch mal hier an!

http://www.spiegel.de/sport/fussball/makkabi-vereine-beklagen-antisemitismus-von-arabischen-migranten-a-1226658.html
👍11👎5 AmZeisigwald 05.09.2018 Und was der MP sagt stimmt....Jetzt hat er jede Glaubwürdigkeit verloren!
👍13👎14 Blackadder 05.09.2018 Weiß nicht, was der Herr Dziuballa am 27.8. gesehen haben will und wer ihn verletzt hat, da der Herr Ministerpräsident doch gerade in der Regierungserklärung gesagt hat, es habe keinen rechten Mob in Chemnitz gegeben und auch keine Hetzjagden. Wer Sarkasmus findet, darf ihn gerne behalten.
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