So ist die Ausstellung im Chemnitzer Spinnbau zur Medienkunstbiennale Pochen: Spaziergänge im Datendschungel

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Der zweijährliche Event widmet sich in diesem Jahr der "neuen Vermessung der Welt". An den Ergebnissen sind auch die Besucher der Ausstellung beteiligt.

Chemnitz.

Die Welt besteht aus Daten. Alles, was geschieht, hinterlässt einen Datenabdruck, ist messbar. Zum Beispiel: Alle 3,6 Sekunden verhungert ein Mensch auf der Erde; jeden Tag kommen weltweit im Schnitt 500 Menschen durch gewalttätige Konflikte ums Leben, weitere sterben an den Folgen dieser Konflikte (Krankheit, mangelnde medizinische Versorgung). Oder, wie in der Ausstellung der diesjährigen Pochen-Biennale im Chemnitzer Wirkbau zu finden: 5 Prozent der Befragten würden speziell wegen des Kulturhauptstadtjahres 2025 Chemnitz besuchen, 56 würden es nicht tun. 30 Prozent fühlen sich bislang gut über Chemnitzer Kulturhauptstadtaktivitäten informiert, 57 Prozent nicht. Was folgt daraus?

Diesen Fragen nimmt sich die Pochen-Biennale an. Eine Ausstellung im Wirkbau stimmt eindrucksvoll auf das neuntägige Programm des internationalen Kunstfestivals ein. Schon dort werden Besucherinnen und Besucher Teil des Festivals. Wenn sie sich etwa von Bernd Lintermanns und Peter Weibels interaktiver Installation "YOU:R CODE" scannen lassen. Darin wird das Spiegelbild eines Menschen in einen digitalen Datenkörper transformiert mit Angaben zu Geschlecht, Größe, Alter, Haarfarbe, Habitus - mit Ergebnissen, die der Realität zum Teil erstaunlich nahe kommen oder von ihr ebenso erstaunlich weit entfernt sind. Ebenso interaktiv die Installation "Lumen" von der IP Group und Ania Haudek, in der Besucher, mit einer Stirnlampe ausgerüstet, in einem dunklen Raum Wahrnehmungen generieren, die ganz überraschende Erfahrungen auslösen.

Weitere Ausstellungsobjekte beschäftigen sich mit dem alltäglichen Datenverkehr - so Joana Molls "Carbolytics", die auf großen Bildschirmen nach aufwendiger Recherche zeigt, wie intransparent und komplex weltweit mit Hilfe von Cookies Daten erfasst, Verhaltensmuster von Internetnutzern analysiert werden. Die Fortsetzung einer älteren Arbeit von Wolfgang Kahlen zeigt, dass derartige Praktiken keineswegs neu sind, früher nur anders realisiert wurden. In "Sieh mich nicht an III" beschäftigt er sich mit Videoüberwachung im Polen des Jahres 1976. Charlotte Eifler und Clarissa Thieme untersuchen in ihrer Installation "Archival Grid" unter anderem, wie Bewegungsmuster, bei deren Aufzeichnung auch das damals noch junge GPS-System eine Rolle spielte, bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien eingesetzt wurden.

Eine eigene Ausstellung in der Ausstellung, vom Berliner Museum der Werte organisiert, sammelte auf Erkundungstouren durch die Stadt insbesondere Daten über Chemnitzerinnen und Chemnitzer. Diese Data-Walks werden während des Festivals fortgesetzt, mit den Teilnehmern diskutiert und künstlerisch verarbeitet. Vorträge, Gesprächsrunden, Filme, Führungen (auch für Kinder) ergänzen das Pochen-Programm.

Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka aus Wrocław, Kuratorin der Biennale, sagte am Donnerstagabend zur Eröffnung, man wolle die "Black Box der Datenwelt" beleuchten, denn "wir brauchen Daten und Informationen, um unseren Platz in der Welt zu bestimmen und hinter optimierten Arbeitsflächen durchzublicken". Was über das ebenfalls in der Ausstellung zu sehende Motto moderner Sklaven der Digitalisierung "work hard, have fun, make history" hinaus geht. Denn Pochen macht vor allem deutlich: Die Flut an Daten, über die die Menschheit heute verfügt, nimmt dem einzelnen Menschen das Denken, Fühlen, Lieben und auch das Sterben nicht ab.

Die Ausstellung zur Medienkunst-Biennale Pochen findet bis zum 9. Oktober im Chemnitzer Wirkbau, Zugang Lothringer Straße 11, statt. Geöffnet ist Dienstag bis Freitag 15 bis 19, am Wochenende 11 bis 19 Uhr.

pochen.eu

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