So lief der letzte Tag vor der Schließzeit

Chemnitz auf dem Weg in eine Zeit voller Ungewissheiten: Die einen genießen den Frühling auf dem Spielplatz oder gehen noch einmal auf Schnäppchenjagd, andere plagen handfeste Existenzängste. Einige Geschäfte haben früher zu, auf den Baustellen herrscht noch Hochbetrieb.

8.45 Uhr, Rossmann, Weststraße: Es gibt Toilettenpapier! Das Geschäft hat seit 8 Uhr geöffnet, das Regal ist schon wieder ziemlich leer. Es soll für den ganzen Tag, an dem 16 Geschäfte angesteuert werden, das einzige Mal sein, dass Toilettenpapier gesichtet wird. Der Geschäftsführer der Drogeriekette dm, Sebastian Bayer, sagt, die Märkte würden "schnellstmöglich wieder mit Waren versorgt". Von Rossmann heißt es, man entwickle Prozesse, um die Versorgung sicherzustellen.

10 Uhr, New-Yorck-Center: Im Stadtteilzentrum des Yorckgebiets sind mehr und andere Leute unterwegs als sonst. Nicht nur Senioren erledigen ihre Einkäufe, auch viele Eltern mit Kindern. Bei Edeka kommen die Mitarbeiter mit dem Auffüllen der Regale kaum hinterher, der Blumenladen bietet fast alles zum halben Preis an. Im Getränkemarkt wird diskutiert, wann es die ersten Probleme wegen eines allzu schleppenden Rücklaufs von Pfandflaschen geben wird.

10.30 Uhr, Blumenladen, Weststraße: Sonderangebote bietet die Inhaberin von "Floral total", Constanze Heine-Fernschild, keine. Was am Abend übrig ist, werde sie mit nach Hause nehmen und an Freunde verschenken. "Ich verstehe nicht, dass große Gartencenter und Baumärkte weiter öffnen dürfen", sagt sie. Dort kämen am Tag hunderte Kunden, zu ihr nur vielleicht 20.

11 Uhr, Kastanien-Apotheke, Weststraße: Nur fünf Personen werden eingelassen. Draußen steht eine Schlange. Wer mit Karte zahlt, muss auf dem Bon unterschreiben und soll den Kuli behalten.

12 Uhr, Schloßteich: Der Spielplatz ist mäßig voll. Keine Verbotsschilder. Die Stilllegung des öffentlichen Lebens "übertrieben" findet Claudia Zinke, die mit ihren zwei Kindern da ist. Sie hätte es besser gefunden, nur ältere Menschen und Risikopersonen in Quarantäne zu setzen, "statt alle anderen mit zu bestrafen", sagt sie. "Wenn der Spielplatz morgen nicht abgesperrt ist, kommen wir trotzdem", so die Mutter. Ganz in der Nähe im Konkordiapark vergnügen sich Kinder und Jugendliche mit Skateboards und BMX-Rädern. Werner Wiber ist mit seinem Sohn da. Er glaube nicht, dass das als Spielplatz gelte, denn es gebe keine Geräte, die man anfassen und sich darüber anstecken könnte, sagt er. Die Stadtverwaltung bestätigt aber: Auch der Konkordiapark ist ab Donnerstag gesperrt. 13 Uhr Innenstadt: Es fühlt sich mehr wie ein Sonntag statt wie Mittwochmittag an. Bei McDonalds gibt es das Essen nur noch zum Mitnehmen. Tische und Stühle sind abgesperrt. Ungewöhnlich leer ist es in der Galerie Roter Turm. Die großen Bekleidungsketten sind bereits dicht. Bei Nordsee gibt es nur noch eine Handvoll Fischbrötchen. Ab 15 Uhr wird geschlossen. Bäcker und Fleischer haben dagegen auch am Donnerstag offen. Nebenan bei Kaufhof ist es wie ausgestorben. Verkäufer in der Lebensmittelabteilung gehen davon aus, dass ab Donnerstag zu ist.

14 Uhr Innenstadt: Im Bekleidungsgeschäft "Kurvenreich" läuft "This could be the last time" von den Rolling Stones. Es könnte das letzte Mal sein, hat sich wohl auch Stammkundin Gabriele Schulze gesagt. Sie kauft noch ein paar Teile, "weil es doch jetzt in der Zeit die schönsten Klamotten gibt", sagt sie. Herzlich verabschiedet sie sich von Inhaberin Karla Christoph-Jakob. Diese blickt sorgenvoll in die Zukunft. Sie müsse jetzt Ware annehmen, die sie vor Wochen bestellt hat, wisse aber nicht, wie lange zu sein wird. Normalerweise sei der März Saisoneröffnung, am Wochenende hätte sie eine Modenschau organisiert. "Das fällt mir alles sehr schwer." Ähnlich sieht es bei "Blob" aus. Jana Morgenstern sagt, die Kunden würden sich schon seit Wochen zurückhalten. Sie habe Angst, dass die Ware, die sie jetzt hat, nach der Schließzeit nicht mehr zur Saison passt. Sonderangebote habe sie nicht. "Verschenken hilft uns auch nicht", sagt sie. Was sie freue, sei der herzliche Umgang mit den Kunden, die Zuspruch bieten und alles Gute wünschen. Ganz in der Nähe im Steko-Spielhaus ist Cornelia Seidel sichtlich angefasst. Sie sei schockiert, dass die Schließzeit so lange dauern soll. Ostern biete normalerweise einen nicht ganz unbedeutenden Umsatz. Ab dem heutigen Donnerstag biete sie unter der Telefonnummer des Ladens eine Servicehotline mit Auslieferung an.

14 Uhr, Bahnhofstraße: Die Arbeiten an den großen Baustellen der Stadt - wie der Kreuzung Bahnhof-/ Augustusburger Straße und am neuen Eins-Stammsitz - gehen ungehindert weiter. Für die rund 40 Großprojekte der Stadt sind aktuell keine Einschränkungen vorgesehen, teilt das Rathaus mit. Auch das Bauunternehmen Hüttner hält bis auf eine - ein Vorhaben am VW-Werk - alle etwa 30 Baustellen in Chemnitz aufrecht. "So lange wir Material haben, wird gebaut", sagt Geschäftsführer Daniel Hüttner. Um Ansammlungen von Bauarbeitern zu vermeiden, werden Besprechungen per Video oder Telefon abgehalten. Sorgen bereite der Nachschub mit Kies und die Frage, ob die Verkehrsbehörde noch rechtzeitig Sperrgenehmigungen erteilt, ergänzt er.

14.30 Uhr, Chemnitz-Center: Der Parkplatz des größten Einkaufszentrums der Region ist leer wie selten. Zwar locken einige Geschäfte mit Rabattaktionen ("50 Prozent auf alles"), doch die Ladenzeilen wirken seltsam trostlos wie sonst erst nach Ladenschluss. Die großen Modeketten haben ihre Filialen längst geschlossen, ebenso die Parfümerie Douglas und Vodafone. "Ich bin schon etwas verwundert, dass hier derart wenig los ist", sagt eine junge Frau aus Limbach-Oberfrohna.

15 Uhr, Rewe am Wall: Mitarbeiter messen mit dem Zollstock an den Kassen, um notwendige Abstände zu markieren: Rote Klebestreifen auf dem Fußboden zeigen an, wo der nächste Kunde zu warten hat.

15.30 Uhr, Sachsen-Allee: Auch hier haben die größten Ketten ihre Läden längst dichtgemacht, in den kleineren ist wenig los. Ein Monitor an der Decke wirbt für "ausreichend Abstand zu anderen Kunden", das Modegeschäft ein paar Schaufenster weiter für "Das beste Outfit zur Jugendweihe".

16.30 Uhr, Spielplatz Forststraße: Ja, es sei heute weniger los als sonst an schönen Tagen, bestätigen die beiden Mütter auf einer Bank am Rande der Anlage am Zeisigwald. "Wir wollten das schöne Wetter noch mal nutzen", sagt eine von ihnen. Sie sorge sich wegen einer möglichen totalen Ausgangssperre. "Die Kinder brauchen ja ihre Bewegung."


Einkaufszentren: Teil der Geschäfte zu - Offene Läden mit eingeschränkten Öffnungszeiten

In den großen Einkaufszentren der Stadt hat jetzt ein Teil der Geschäfte geschlossen. Aber auch jene, die noch offen sind, schränken mitunter ihre Öffnungszeiten ein. Ein Überblick:

Galerie Roter Turm: Einige Läden, wie die C&A-Filiale, sind bereits seit Mittwoch zu. Auch das Kino in der zweiten Etage zeigt keine Filme mehr. Welche Geschäfte noch geöffnet sind, werde auf der Internetseite des Einkaufszentrums veröffentlicht, sagte Centermanager Jörg Knöfel. www.galerie-roter-turm.de

Sachsen-Allee: Kunden sollten sich ab heute auch in den noch geöffneten Geschäften auf geänderte Zeiten einstellen, sagt Centermanager Stefan Knorr. Jeder Laden werde individuell regeln, wann er öffne, da die Mitarbeiter nicht mehr die kompletten Öffnungszeiten abdecken könnten, so Knorr. www.sachsenallee.de

Neefepark: Auf der Internetseite des Einkaufszentrums finden Kunden eine Liste der noch geöffneten Geschäfte, sagt Centermanager Manfred Haendly. Jedoch könnten auch im Neefepark die Läden nicht mehr alle Öffnungszeiten einhalten. Sie würden an das Kundenverhalten angepasst, so Haendly. www.neefepark.de

Chemnitz-Center: Welche Läden ab Donnerstag offen sind, konnte Centermanager Thomas Stoyke am Mittwoch noch nicht sagen. Die Informationslage sei je nach Geschäft unterschiedlich. So verfüge die Filiale der international tätigen Bekleidungskette H&M aufgrund von Erfahrungen ihrer Läden in China und Italien wohl über mehr Informationen als ein privat geführtes Geschäft. Die Anzahl der Center-Kunden sei bereits zurückgegangen. www.chemnitz-center.de

Vita Center: Seit drei bis vier Wochen kämen weniger Kunden, sagt Centermanager Sascha Twesten. Davon nicht betroffen seien die Lebensmittelmärkte. Weil sie stärker frequentiert sind, würden diese nun rund um die Uhr beliefert. Mit den normalen Liefertouren sei die Nachfrage nicht mehr zu bewältigen, so Twesten. Welche Geschäfte noch geöffnet sind, darüber will das Vita-Center auf seiner Internetseite und bei Facebook informieren. (hfn)www.vita-center.de


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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    mops0106
    20.03.2020

    @DS91:
    Ich stimme Ihnen zu.
    Allerdings: Gefährdet sind auch Kinder/ junge Menschen, durch Vorerkrankungen/ chronische Krankheiten.

  • 30
    0
    DS91
    19.03.2020

    Bitte haltet euch an die Regelungen. Jetzt Menschengruppen bilden, auf Spielplätzen spielen und so tun als wäre nix, bringt uns in dieser Situation nicht weiter. ES GEHT NICHT UM UNS, es geht um unser Umfeld, unsere Eltern, Großeltern und unsere Mitmenschen.

    Vermeidet Kontakte - es klingt lächerlich ist aber extrem wichtig. Denn genau das ist unser Beitrag diese Kreise schnell zu überwinden. Nur so können wir den ganzen Helden des Alltags die uns mit Lebensmitteln, Medizin Strom und Wasser versorgen unterstützen. Es gibt genug Ignoranten die immer noch glauben es seien bessere Ferien, NEIN es ist eine Notsituation! Bitte zeigt Solidarität.

    Vielen Dank auch an die Pflegerinnen und Pfleger und an die Ärzte sowie an alle die das Krankenhaus am laufen halten.