So reagieren Künstler auf Chemnitz

Wölfe aus Bronze am Marx-Monument, eine vorgezogene Ausstellung am Theaterplatz: Was in den vergangenen Wochen in der Stadt passiert ist, treibt auch die bildenden Künste um. Dabei geht es vor allem um ein Anliegen.

Nach Dresden, Berlin, Potsdam und München nun auch in Chemnitz: "Die Wölfe sind zurück?" heißt eine Figuren-Installation des in Brandenburg lebenden Künstlers Rainer Opolka, die am Donnerstag für einen Tag am Marx-Monument zu sehen sein soll.
Szene aus dem Video "Again", in dem es um einen Flüchtling geht, der nach einem Streit in einem Supermarkt an einen Baum gefesselt wurde. Das Video wird ab Oktober in den Kunstsammlungen gezeigt.Again / Noch einmal - Courtesy Mario Pfeifer; KOW, Berlin, © VG-Bild-Kunst, Bonn

Von Benjamin Lummer und Michael Müller

Eigentlich war diese Schau erst für Frühjahr 2019 geplant, nun geht alles ganz schnell: Kommende Woche reist der Künstler Mario Pfeifer nach Chemnitz, um hier zwei seiner Arbeiten aufzubauen. Die Videos mit dem Titel "Again" und "Über Angst und Bildung" sollen ab Oktober in den Städtischen Kunstsammlungen am Theaterplatz gezeigt werden. Ein genaues Datum steht noch nicht fest - zu kurzfristig ist alles angelaufen.

Dass das Museum seine Pläne über den Haufen geworfen hat, hat mit den Ereignissen der vergangenen beiden Wochen zu tun. Nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers hatte es Demonstrationen mit rechtem Hintergrund, Gegendemonstrationen und Solidaritätskonzerte gegeben. Momentan herrsche in Chemnitz Unsicherheit und es gebe einen großen Gesprächsbedarf, sagt Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen. Dort wolle man ansetzen. "Wir wollen über die Kunst Dialog stiften."

Den Anstoß geben soll Mario Pfeifer. Der 1981 in Dresden geborene Künstler lebt heute in Berlin und New York, seine Arbeiten werden auf vielen großen Ausstellungen und Festivals gezeigt, zuletzt auf der Berlin-Biennale. Berufsbedingt kehrt Pfeifer immer wieder nach Sachsen zurück, so auch für die Arbeit an "Again". In dem Film widmet er sich einem Vorfall im sächsischen Arnsdorf im Mai vor zwei Jahren. Damals hatten vier Männer einen Flüchtling nach einem Streit aus einem Supermarkt des Ortes gezerrt und an einen Baum gebunden. Der Flüchtling ist mittlerweile gestorben. Gegen die vier Männer wurde wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt. Der zuständige Richter hatte den Prozess aber gleich zu Beginn eingestellt und das mit der Geringfügigkeit der Strafen im Falle eines Urteils begründet. Pfeifer lässt die Szene im Supermarkt nachspielen. Dazu treten die Schauspielerin Dennenesch Zoudé und der Schauspieler Mark Waschke auf, die Fragen nach Selbstjustiz und Zivilcourage aufwerfen. Das Ergebnis ist eine Art prozessuale Aufarbeitung des Arnsdorf-Falles.

Im zweiten Video - vollständiger Titel: "Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen" - kommen neun Personen zu Wort, darunter ein Pegida-Mitbegründer, eine Bürgermeisterin und eine Islamkritikerin. Alle bekommen die gleichen Fragen gestellt und erhalten die gleiche Zeit zum Antworten. Entstanden ist eine neunstündige Gesprächs-Dokumentation. "Betrachten heißt Mitdenken" - so die Aufforderung im Begleittext.

Die Ausstellung soll durch Podiumsdiskussionen und Vorträge begleitet werden, kündigt Generaldirektor Bußmann an. "Wir wollen niemanden bevormunden, sondern über Ängste sprechen, die verschiedenen Positionen verstehen und so vielleicht Ängste abbauen." Dass das nicht ganz einfach wird, dessen ist Bußmann sich bewusst. Zur Unterstützung werde man sich wohl Mediatoren ins Boot holen, sagt er.

Bereits am Donnerstag dieser Woche soll am Marx-Monument mit dem Einverständnis der Stadt ganztägig eine Installation "Die Wölfe sind zurück" aus zehn überlebensgroßen Bronze-Wölfen zu sehen sein. "Ich will mit der Aktion gegen den zunehmenden Hass und gegen Gewalt protestieren", sagt der Künstler Rainer Opolka aus Brandenburg. Mit der Installation war er schon in Dresden an der Frauenkirche zu Gast, in Berlin am Hauptbahnhof, aber auch in München beim NSU-Prozess. Durch die Ereignisse der vergangenen Wochen in Chemnitz, aber auch in Köthen, habe sein Thema neue Aktualität erfahren, so Opolka. "Fünf Wölfe zeigen den Hitlergruß, einige greifen an, wieder andere haben Augenbinden und sind - noch - an der Leine, am Rand stehen Mitläufer", erläutert er die Komposition. "Kommt es nicht zum Dialog aller, droht in der Gesellschaft eine Spirale des eskalierenden Streits", befürchtet Opolka. "Wir brauchen Mittel gegen die Angst und das hitzige Fieber, welches unser Land ergriffen hat, und Lösungen gegen Hass und Gewalt."

14Kommentare
👍0👎1 Hinterfragt 14.09.2018 @cn3boj00; "...was haben Musikkonzerte oder Kunstprojekte mit Gewalt zu tun?..."

Habe ich ja auch nicht geschrieben!
Das Wort Gewalt steht da als Synonym wie bei "Mit Gewalt einen guten Abschluss ..., mit Gewalt auf den hohen Baum klettern, ...".
Die meisten, denke/ sehe ich, haben das verstanden.
👍1👎0 Nixnuzz 13.09.2018 @499577: Klasse. @cn3boj00: Dito. "..alles richtig, aber in dieser Gesellschaft unvermeidlich. Und andere Modelle bis hin zu Karl Marx sind bislang alle gescheitert. Warum? Gibt es zu viel Dummheit? Ich weiß keine Antwort."

Vielleicht liegt es wirklich an der Thumpheit des Einzelnen, das er auf Dauer nicht bereit ist, seine Gedanken und damit Handlungen in ein Universalschema einzufügen oder auch nur dort zu halten. Solange ein Macht- und Anerkennungsspiel zwischen Menschen mit "Sein und Haben" im Dreieck so funktioniert: "Wenn du dem da den Schädel einschlägst, gibts eine Portion xyz , denn ich weiß das besser".. d.h. aus meiner subjektiven Sicht, das Wissen und Intelligenz - nicht immer Weisheit - menschliche Verbunde bilden oder zerbröseln kann - manchmal erst nach längerer Zeit. Solange ein Ausweichen aus dem räumlichen Zusammenhang(Enge) machbar ist, endet die freie Entscheidung erst an den Grenzen der persönlichen Ausstattung. 1989 war wohl auch eine Ansammlung von individuellen Wünschen und Hoffnungen, die ein erstarrtes System durch "Masse" kippte. Aber sind dann diese Ziele des Einzelnen erreicht worden? Oder bilden sich neue "Zielgruppen" für eben individuelle Verhaltensweisen etc...? ..mit neuer Massenbildung...? Gehört das zur Evolution?...
👍1👎3 BlackSheep 13.09.2018 @SimpleMan, haben Sie das Wort Krümelkakerei schon mal gehört? Sie wissen doch genau was ich meine also was soll das?
👍6👎1 cn3boj00 13.09.2018 Da meine Kommentare auch verschwunden sind nochmal zusammengefasst:
@Hinterfragt: was haben Musikkonzerte oder Kunstprojekte mit Gewalt zu tun? Ich glaube, Daniel hätte nichts dagegen!
@franzudo: wenn Protest gegen Gewalt von gewaltbereiten Hooligans (Kaotic) organisiert wird, damit das Image der übergroßen Mehrheit der Bürger dieser Stadt unsäglich beschädigt wird, dann ist das keinesfalls akzeptabel.
@499577: alles richtig, aber in dieser Gesellschaft unvermeidlich. Und andere Modelle bis hin zu Karl Marx sind bislang alle gescheitert. Warum? Gibt es zu viel Dummheit? Ich weiß keine Antwort.
👍4👎4 SimpleMan 12.09.2018 @BlackSheep Wann haben Sie das Wort Nazi von mir in einem Kommentar gelesen?
👍5👎5 BlackSheep 12.09.2018 @SimpleMan, wer sich provoziert fühlt hat vielleicht nur eine andere Sicht der Dinge als Sie. Kommen Sie damit klar wenn einer eine andere Meinung hat, oder sind das alle Nazis?
👍19👎4 franzudo2013 12.09.2018 Eskalierender Streit - so ein Unsinn. Daniel Hillig wollte wohl Geld abheben und der junge Mann in Köthen wollte wohl schlichten. Beide sind jetzt tot. Diese sinnlose Gewalt hat zwar nichts mit Hitlergruessen zu tun, aber Protest gegen Gewalt ist immer richtig.
👍17👎7 aussaugerges 11.09.2018 Es sind dieWölfe die das Land zerreißen.
Der Wolf der Imobilien
Der Wolf der arglistigen Versicherungen
Der Wolf der Spekulanten usw.
👍23👎22 SimpleMan 11.09.2018 Wer sich durch dieses Kunstwerk provoziert fühlt, erkennt sich wahrscheinlich wieder, alle Anderen werden vermutlich nachdenklich.
👍9👎13 DTRFC2005 11.09.2018 @499577: Super ausgeführt. Dem ist theoretisch nichts hinzuzufügen, allerdings sollte sich jeder genau überlegen, welchem Wolf er, wie ein zur Schlachtbank geführtes Schaf hinterherläuft. Der Wolf, ist ein Symptom dessen, was Sie so hervorragend ausgeführt haben. Ein Grund mehr, diesen nicht noch Futter anzubieten. Der Wolf im Tierreich verhält sich im Gesamtsatz zum Menschlichen Wolf, absolut sozial.
👍11👎12 Rabensteiner 11.09.2018 Wenn Opolka damit vor Antifa und Faschos, vor Links- und Rechtsradikalismus, vor Nationalen- und Internationalen Sozialismus, vor Stalinismus und Hitlerfismus warnen will, dann ist das sehr zu begrüßen. Begleitende Texte und Lieder sollten dies zum Ausdruck bringen. - Der hier unterlegte Liedertext tut es nicht!
👍27👎8 Hankman 11.09.2018 Hinterfragt: Ja, es spricht einiges für Ihre Meinung. Ich teile sie dennoch nicht. Denn ich finde, nach dem, was in Chemnitz vorgefallen ist, sollte es eine Debatte darüber geben, welche zum Teil sehr üblen Gruppierungen den berechtigten Protest besorgter Chemnitzer für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert und benutzt haben. Es gab auf der Straße einen so bisher nicht zu beobachtenden Schulterschluss zwischen Menschen, die sich Sorgen machen, und Kräften aus einem Spektrum von rechtskonservativ bis hart rechtsextremistisch. Das muss man ganz klar benennen. Und darüber muss man diskutieren. Die Wölfe sind eine Provokation, die diese Diskussion anstoßen könnte. Ich wünsche mir: Alle Chemnitzer, auch alle, die sich Sorgen machen, und all jene, die - egal wo im breiten politischen Spektrum - zu dieser Gesellschaft und zum Grundgesetz stehen, sollten sich klar von Hetze, Ausländerfeindlichkeit und Nazi-Ideologie distanzieren. Kann ja sein, dass einigen nicht klar war, mit wem zusammen sie da demonstriert haben. Aber jetzt hätte ich gern eine klare Ansage, wo sie stehen.
👍21👎16 499577 11.09.2018 Warum lassen wir uns immer weiter instrumentalisieren ?

Alles was derzeit geschieht, wurde von langer Hand geplant und dient der Spaltung der Bevölkerung.

Wir sollten nicht immer die Schuld bei anderen Gruppen suchen, sondern endlich anfangen darüber nachzudenken, wer wirklich ein Interesse hat, dass wir und immer weiter spalten lassen.

Wir kennen doch diejenigen, die von allen Kriegen profitieren und die an alle Kriegsparteien Kredite geben.

Sie verdienen auch an den daraus resultierenden Schulden, die man dann der Bevölkerung in Rechnung stellt, um so immer weiter zu privatisieren...

Wer verdient denn am meisten an der Rüstungsindustrie, es sind jene die als Marionetten die Interessen der Wirtschaft, der Banken und des Militärisch Industriellen Komplex umsetzen.

Es ging niemals darum die Bevölkerung unterschiedlicher Länder vor Diktatoren zu schützen und ihnen mehr Rechte zu geben.

Es ging und geht immer um Geostrategische Interessen, um Ressourcen.... wobei man auch die Bevölkerung als Ressource sieht, die man ausbeuten kann.

Wer hat den Gewinn aus der Ausbeutung vieler Afrikanischer Länder....es sind Großkonzerne wie Monsanto, Bayer uvm.

Wer liefert die Waffen in alle Kriegsgebiete, es sind auch Heckler & Koch..

Wer schürt die Unruhen weltweit, um Bürgerkriege auszulösen, Länder zu destabilisieren und gewählte Regierungen auszutauschen....

Vieles ist das Resultat verdeckter Operationen gewisser Dienste....und die Propaganda der etablierten Medien wurde schon immer genutzt, um die Bevölkerung auf Linie zu bringen....

Also sollten wir uns endlich die Frage stellen, wer wirklich unseren Untergang will.... und uns in einen Bürgerkrieg treiben wird, wenn wir uns weiter spalten lassen.

Wir sollten nicht über einander, sondern miteinander reden und gemeinsam versuchen, uns neue Wege zu überlegen, wie wir die NWO verhindern können und Frieden und Freiheit erlangen können.

Auch die Zerstörung, Verseuchung von Menschen, Tieren und Umwelt gehen zu Lasten der Gier nach Macht und Reichtum....

Warum haben nicht alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten der Bildung?

Weil Armut gewollt ist, denn so werden wir in Abhängigkeit gebracht um uns kontrollieren zu können.
Doch gemeinsam sind wir stark
👍39👎17 Hinterfragt 11.09.2018 Man kann die Stimmung auch mit Gewalt zum Überkochen bringen...

Manchmal kommt es mir so vor, als ob eine maximale Eskalation mit aller Macht gewünscht ist ...

Der Sinn dieses Kunstobjekts in allen Ehren, aber der Zeitpunkt in Chemnitz trägt meiner Meinung nicht zur Befriedung bei!
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