"Spätere Generationen können sich das nicht mehr vorstellen"

In ihrer Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" hatte die "Freie Presse" ins einstige Gefängnis auf dem Kaßberg eingeladen. Die Resonanz war überwältigend.

Der erste Besucher stand schon zwei Stunden vor Einlassbeginn am Tor - erster Vorbote eines enormen Interesses, auf das das Kaßberg-Gefängnis offenkundig nach wie vor stößt. Am Ende waren es rund 2400 Besucher, die am Samstag im Rahmen der "Freie Presse"-Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" die vorerst letzte Möglichkeit nutzten, den Komplex zu besichtigen - vor dessen Umgestaltung zu einem neuen Wohnstandort und der Einrichtung einer Gedenkstätte. "Diese Resonanz übertrifft alles, was wir bisher erlebt haben", zeigte sich auch Jürgen Renz vom Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis beeindruckt.

Bis zu zwei Stunden Wartezeit in einer langen Schlange nahmen die Interessierten auf sich, um einen Gefängnisbau in Augenschein zu nehmen, der spätestens seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 immer wieder auch ein Ort der Verfolgung und politischer Unterdrückung gewesen war. Diesem Aspekt, so erfuhren die Besucher im Inneren der Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Anstalt, soll die künftige Gedenkstätte Rechnung tragen. Nazi-Herrschaft, Zeit der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg und der größtenteils über das Kaßberg-Gefängnis abgewickelte Freikauf mehrerer zehntausend politischer Häftlinge aus der DDR durch die Bundesrepublik ab den 1960er-Jahren - für jeden dieser drei Zeitabschnitte sei eine Ausstellungsetage vorgesehen, erläuterte Dr. Steffi Lehmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins.


"Auffällig ist, das heute recht viele ehemalige Häftlinge, die zu DDR-Zeiten hier inhaftiert waren, unter den Besuchern sind", sagte Chris Bürger, einer der Zeitzeugen, die über Stunden hinweg Rede und Antwort standen. Manche hätten sich nach Jahrzehnten erstmals ein Herz gefasst, an diesen Ort zurückzukehren, so Bürger. "Andere haben offenbar Sorge, dass das Gefängnis nun komplett abgerissen werden soll."

Rudolf Sehm aus Geyer im Erzgebirge gehört zu den ältesten noch lebenden Zeitzeugen mit eigener Kaßberg-Erfahrung. Als Jugendlicher war er 1947 von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden - als angebliches Mitglied einer Untergrundorganisation. Auslöser: Ein Schulfreund hatte im Wald eine Pistole gefunden und bei sich daheim versteckt. Daraufhin, so berichtete Sehm, sei der gesamte Freundeskreis abgeholt und zu langen Haftstrafen verurteilt worden. "Ich weiß bis heute genau, wo hier meine Zelle war", sagte er.

Viele Besucher zeigten sich tief beeindruckt von dem, was sie an Berichten über Schicksale zu hören bekamen. "Ich bin jetzt richtig gespannt auf die künftige Gedenkstätte", sagte Besucherin Sabine Greif nach ihrem Rundgang. "Die späteren Generationen können sich das alles ja gar nicht mehr vorstellen."


Wohnanlage Neuer vorderer Kaßberg: So soll das Gefängnis-Areal künftig aussehen

Wohnen in einem alten Gefängnis - geht das? Ja, sagt das Chemnitzer Immobilienunternehmen Cegewo. Sein Konzept "Neuer Vorderer Kaßberg" sieht barrierefreie Miet- und Eigentumswohnungen auf dem Gelände vor. "Der Verkauf hat bereits begonnen", sagt Anja Ramirez Cutiño, zuständig für den Vertrieb. Interessenten solle damit ermöglicht werden, frühzeitig Denkmalschutzabschreibungen in Anspruch zu nehmen. Neben der Sanierung des Altbaubestandes sind mehrere neue Stadtvillen, Stellplätze und Tiefgaragen geplant. "Bei der Umsetzung wird dem Architekturstil des Kaßbergs Rechnung getragen", so Ramirez Cutiño. Umlaufende Grünflächen sollen teils parkähnlich gestaltet werden.Grafik: Cegewo

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    6
    Interessierte
    12.08.2019

    Wo waren denn die Ausreisewilligen aus dem Westen , welche dann in Barby angekommen sind , konnten die einfach an die Grenze gehen und ´rüber laufen ?

    http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/wunschik20130802/?p=all
    https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/schoenebeck/1322770_Weisser-Fleck-Das-Aufnahmeheim-Barby.html

  • 9
    5
    BlackSheep
    12.08.2019

    War sehr interessant und aufschlussreich, gute gelungene Aktion FP.



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