Stadtgeflüster : Die Roben rauschen, die Kasse klingelt

Welche Kleider beim Ball im Chemnitzer Hof Hingucker waren und warum in der Lobby plötzlich ein alter Bekannter stand.

Christian Westerhausen (Foto), Rechtsanwalt und amtierender Präsident des Lionsclubs Schmidt-Rottluff, schüttelte am Samstag Hände ohne Ende. Er war Gastgeber des 23. Lionsballs und wer mittanzen wollte, musste Schlange stehen. Denn mehr als 300Chemnitzer Wirtschaftslenker hatten sich zur Tanzfete im Chemnitzer Hof angemeldet. Gleich zu Beginn schneite Gartenfachmarktinhaber Andreas Richter rein, wollte noch mal gucken, ob in Sachen Floristik auch alles sitzt. Meterhohe fliederfarbene Gestecke hatte sein Team auf die Tische "gepflanzt", am Eingang gab es kleine Kürbisse mit Blüte als Gastgeschenk obendrauf. Und wo Blumen sprechen, blühen die Damen auf. Kein Wunder also, dass Andreas Richter sofort von Ballmädchen umringt war. Nur eine stach heraus: Seine Gattin Simone. Denn sie trug eines der nobelsten Kleider des Abends. Eine rubinrote Robe mit Raffungen aus schimmerndem Samt. Überhaupt war bei diesem Ball Rot in allen Schattierungen die Farbe des Abends.

Heike Fischer, Unternehmerin, rauschte in einem himbeerfarbenen Taft-Traum herein. "Habe ich im Modehaus in Klaffenbach extra für diesen Abend gekauft", verkündete sie. Der Knaller: Mit ihrem Pompadour-Täschchen hätte sie die feinsten Rokoko-Damen neidisch gemacht. Da staunte sogar ihr Mann Hans-Jürgen Fischer, der selbst nicht scheu in Sachen Mode und für seine Liebe zur Fliege bekannt ist.

Michael Kynast (Foto), langjähriger Chef der Chemnitzer Messe, tauchte plötzlich auch im Foyer des Hotels auf. Doch zwischen den ganzen Lackschuhen, Pumps, Smokings und Abendkleidern sah seine Klamotte eher rustikal aus. Derbe Schuhe hatte er an, eine dicke Jacke über den Schultern und einen Haufen Gepäck in der Hand. War er etwa zu spät zur Party gekommen? "Ich will gar nicht zum Ball", rief er noch schnell im Vorbeischwirren. "Ich bin Hotelgast und besuche die parallel stattfindende Pferdeschau in meiner ehemaligen Messehalle", sprach er - und verschwand mit einem Teil seiner Familie schwuppdiwupp im Lift. Derweil tuschelten die Gäste unten weiter. "Wie viel wohl diesmal an Kohle zusammen kommt?", raunte es hier und dort. Denn bei keinem anderen Ball des Jahres kommt durch den Betrieb einer Tombola so viel Geld für den guten Zweck zusammen wie bei diesem. Etwa 438.000 Euro wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon an gemeinnützige Einrichtungen weitergegeben, unter anderem an das Haus Kinderland und den soziokulturellen Treff Domizil.

Joe Sachse (Foto), der vielleicht bekannteste Jazzmusiker der Stadt, feierte gleich um die Ecke des Ballgeschehens seine eigene Party. Zum 70. hatte er Freunde und Wegbegleiter in die Kunstsammlungen eingeladen. Auf der Gästeliste: Herrenausstatter Karl-Heinz Schilling. Und so kam es, dass der kurz vor sieben Uhr abends samt seiner Familie in seinem Laden im Ballhotel Chemnitzer Hof saß und sich dort alle mit einem Gläschen Schampus auf den Abend einstimmten. "Nein, wir warten hier nicht auf Ballbesucher, die noch einen Anzug brauchen", scherzte Schilling. "Wir gehen gleich rüber zu Joe Sachse, um mit ihm zu feiern."

Harry Hengst und René König, der eine Regenjackenproduzent, der andere Hemdendesigner, kennen sich seit Jahren. Jetzt mussten sie erst nach Leipzig fahren, um ein besonderes "Erstes Mal" zu erleben. Bei der Messe Designers-Open in Leipzig kam es zum Premieren-Klamottentausch. Da schlüpfte René König in die Regenmacher-Jacke und Harry Hengst ins Germens-Hemd. "Warum haben wir das noch nicht im Schrank?", fragten sie sich. Hengst und König waren nicht die einzigen Chemnitzer im 220 Aussteller starken Designertrubel: Auch die Modeschneiderin Doreen Thierfelder präsentierte ihre Chemnitzer Manufaktur in der Messestadt.

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