Stadtgeflüster: Diese Menschen gehen beruflich fremd

Einfach mal was anderes machen: Warum Chemnitzer trotz ihres Traumjobs eine neue Herausforderung wagen.

Kai Busacker, Rechtsanwalt, hat schon immer davon geträumt, einmal ein eigenes Café zu betreiben. Diesen Wunsch hat er sich erfüllt. Seit knapp drei Jahren ist er der Inhaber des "Kohlebunker". Derber Industriename, schmucke Aufmachung: Die Eisdiele direkt am Radweg an der Kappler Drehe ist ein gläserner Pavillon mit Potenzial zum Kultstatus. Denn groß die Fanfaren geblasen hat der Anwalt für sein neues Café bisher nicht. Trotzdem hört er nun immer öfter quietschende Bremsen, gedrückt von Fahrradfahrern, die mit dem Was-ist-denn-hier-entstanden-Blick vor seinem Café halt machen und dann genüsslich Eis tanken. Die kalte Spezialität - mehr als 20 Sorten sind ständig im Verkauf - bereitet der Strafverteidiger auch schon mal selbst zu. "Ich muss die Aufgaben beherrschen, die ich meinen Mitarbeitern stelle", sagt der aus Hamburg stammende Anwalt, der hauptberuflich weiter seine Kanzlei auf dem Kaßberg führt. In der Hansestadt war es auch, wo er seine ersten Gastronomie-Erfahrungen sammelte. "Ich hatte zu Bundeswehrzeiten dort ein Armee-Casino betrieben", erinnert er sich. Schon damals sei er fasziniert von Geschichten gewesen, die er am Tresen erfuhr. Wenn er jetzt am Wochenende im "Kohlebunker" selbst mitarbeitet, damit niemand lange Schlange stehen muss, dann hört er wieder kuriose Geschichten. "Letztens", so Kai Busacker, "erzählte mir jemand, dass er ein schnelles Eis bräuchte und dann mit dem Fahrrad mal eben nach Thüringen strampeln wolle."

Benita Martin, Allgemeinmedizinerin in Harthau, führt ihren Alltagsjob mit Liebe aus. Wenn da nur die Leidenschaft zur Kunst nicht wäre. Und so greift sie auch regelmäßig zum Pinsel, malt Aquarelle oder knallbunte Acrylfarben-Bilder, die durch die 3-D-Brille scheinbar zum Leben erwachen. Nun verkündet sie: "Ich habe meine zweite Vernissage auf Malle." Nächste Woche schickt sie ihre Bilder auf Initiative des Eurovision-Künstlerbundes nach Mallorca. Im Deutschen Konsulat der Ferieninsel werden diese mit Arbeiten anderer Künstler präsentiert.

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Nelson Lopez-Lopez, Barkeeper in der Maroon-Bar, nimmt derweil Rücksicht auf seine Familie. Der Chemnitzer mit Wurzeln in der Dominikanischen Republik ist vor zwei Jahren noch einmal Vater geworden. Der kleine Aryen hatte wenig von seinem Papa, vor allem wenn es abends ins Nest ging. Dann saß Nelson Lopez nämlich nicht an der Bettkante und sang Einschlaflieder, sondern machte sich in die Bar zum Cocktailmixen auf. Das wollte er nun ändern. Deshalb machte er den Lkw-Führerschein, arbeitete zwischenzeitlich als Möbelfahrer und ist nun bei der Entsorgung. "Ich bin der bestgelaunte Plastikmüllfahrer der Stadt", sagt er von sich selbst. In der Kaßberg-Bar seines Chefs Nico Kunz mixt er trotzdem noch mit. Immer am Wochenende. Am heutigen Samstag steht er zum Beispiel wieder hinter dem Tresen.

Timo Schuster, Betreiber des Kita- und Schulessenanbieters "Küchengeister", steckt all seine Energie in die gesunde Ernährung von Kindern. All seine Energie? Nicht ganz. Wenn die etwa 1000 Mädchen und Jungen, die er wochentäglich versorgt, satt sind, setzt er sich daheim ans Mischpult. Und dort mixt er unter dem Pseudonym T-Jah wilden Reggae-Dub. Der Musikstil huldigt jamaikanischen Rhythmen mit tiefen Bässen. Die Szene der Chemnitzer Fans ist mit etwa 80 Anhängern klein. Deshalb fährt Schuster nach Berlin, Stuttgart, Leipzig oder Dresden, um mit seiner Musik die Tänzer in Ekstase zu bringen. Seine Songs nimmt er auch auf, lässt sie allerdings ausschließlich auf Schallplatte pressen. "Es gibt keinen Tonträger, der die Qualität der Musik besser abgibt", so Schuster. Manchmal sitzt er nächtelang mit Kopfhörern und einer Art Rucksack, der Bässe auf den Körper überträgt, in seinem Heimstudio. Wer zuhören will: Der Chemnitzer ist auch alle 14 Tage samstags über Radio T zu hören.

René Brettschneider, Geschäftsführer des Wohn- und Gewerberaumvermittlers "Wohnen In Chemnitz" (WIC), erlebt Tag für Tag das harte Immobiliengeschäft. Nach Feierabend greift er dann zum Stift. Nicht, um Mietverträge zu unterzeichnen. Dann schreibt er Kinderbücher, Kolumnen und Romane. Sein drittes Werk erscheint noch dieses Jahr. "Das Territorialverhalten pubertierender 50-Jähriger" wird eine Sammlung an Glossen, die Brettschneider anhand des Verhaltens von Herren schrieb, die ihren zweiten Frühling erleben. Brettschneider selbst ist zehn Jahre jünger als seine Protagonisten, beobachtet aber fürs Buch deren Auftreten. Bisher verlegte er seine Bücher selbst. Das sei nebenbei fast nicht mehr machbar. Seinen Hauptberuf aber, den will er nicht aufgeben.

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