Staffbase sucht weltweit nach Fachkräften

Der Chemnitzer App-Entwickler gehört zu den Erfolgsgeschichten der hiesigen Wirtschaft in jüngerer Zeit. Sein Wachstum verdankt das Unternehmen nicht zuletzt Mitarbeitern aus aller Welt.

Als der Kaufmann Carl August Schubert und der Maschinenbauer Franz Bruno Salzer sich am 25. Mai 1883 als Besitzer einer für den Bau von Strumpfwirkmaschinen eingerichteten Werkstatt in das Chemnitzer Handelsregister eintragen ließen, war der Begriff Start-up noch nicht erfunden. Ihre Werkstatt wuchs sich rasch zu einer großen Fabrik aus, die in den mehr als 100 Jahren ihres Bestehens tausenden ein Einkommen sicherte.

Heute, 136 Jahre später, ist das am Rande des Stadtzentrums gelegene einstige Schubert-&-Salzer-Areal ein Gewerbepark, in dem sich junge Firmen erneut aufmachen, Chemnitzer Erfolgsgeschichten zu schreiben. Eine von ihnen ist Staffbase. Vor knapp fünf Jahren gegründet, hat sie eine Mitarbeiter-App entwickelt, die größere Unternehmen in der täglichen Kommunikation mit ihren Mitarbeitern unterstützt. Die App ist bereits bei mehr als 250 Kunden im Einsatz, darunter sind mehrere namhafte Konzerne.

Der rasante Erfolg des Unternehmens weckte zuletzt nicht nur das Interesse eines führenden amerikanischen Finanzinvestors, sondern schlägt sich auch in einem beachtlichen Personalbedarf nieder. Beschäftigte Staffbase Anfang des Jahres noch 130 Menschen, so sind es jetzt mehr als 200, davon 120 am Standort Chemnitz. Etwa jeder vierte Mitarbeiter hat einen internationalen Hintergrund. Viele von ihnen wurden über soziale Netzwerke kontaktiert. Sprachbarrieren gibt es nicht wirklich - im Unternehmen wird grundsätzlich Englisch gesprochen.

"Alles in allem sind mittlerweile Mitarbeiter aus mehr als 20 Ländern bei uns tätig", sagt Cornelia Franke aus der Personalabteilung, die bei Staffbase "People Experience Management" heißt. Sie unterstützt Bewerber aus dem Ausland beim Wechsel nach Deutschland - bis hin zur Suche nach einer Wohnung. Bis alle Formulare, Stempel und Papiere beisammen sind, vergingen nicht selten viele Monate, schildert Franke. Vor allem in den Konsulaten mahlten die Mühlen oft langsam.

Auch bei Sara Jo aus Marrakesch in Marokko brauchte es zwei Anläufe, ehe sie ihr Arbeitsvisum für Deutschland in der Tasche hatte. Die 26-Jährige studierte in ihrem Heimatland Biologie und hat später als Grafikdesignerin gearbeitet. Bei Staffbase kümmert sie sich seit dem Frühjahr als Produktdesignerin mit um die nutzerfreundliche Gestaltung des Produkts. Als sie ihrem in Deutschland lebenden Bruder davon erzählte, dass sie bald bei einem Unternehmen in Chemnitz arbeiten werde, habe der sie eindringlich davor gewarnt, erzählt sie. In der Stadt passierten komische Sachen, meinte er; es solle da viele "Nazis" geben. Derlei Sorgen hätten sich in ihrem Fall bislang als unbegründet erwiesen, so Sara Jo. "Ich habe mich hier noch nicht als Außenseiter gefühlt."

Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die "Staffbranos", wie sich die Staffbase-Mitarbeiter selbst nennen, oft auch ihre Freizeit miteinander verbringen. "Einige von uns haben sich kürzlich gemeinsam Berlin angeschaut", schildert Faradzh Musaev aus dem zentralasiatischen Kirgisistan. Er fand den Weg zu Staffbase über ein ukrainisches Jobportal, arbeitete zuletzt in Estland und kam im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Freundin nach Sachsen. Gleich mehrere "Kulturschocks" habe er hier erlebt, erzählt er. So könne man in Chemnitz nur mit vergleichsweise wenigen Menschen auf Englisch kommunizieren. Und dass sonntags fast alle Läden geschlossen sind, hätte er ebenso wenig erwartet wie den Umstand, dass es in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland - anders als im vergleichsweise armen Kirgisistan - kaum klimatisierte öffentliche Gebäude gibt. "Aber das Nahverkehrssystem ist hier wirklich gut ausgebaut", so der 24-Jährige.

Le Linh Nguyen hingegen war Chemnitz bereits bestens vertraut, als sie im Herbst 2017 zu Staffbase kam - als Rückkehrerin gewissermaßen. Die 36-Jährige wuchs im Heckertgebiet auf, besuchte dort ein Gymnasium und studierte an der TU, ehe es sie in andere Gegenden Deutschlands und bis nach Vietnam verschlug, dem Land ihrer Vorfahren. Von dort aus knüpfte sie den Kontakt zu ihrem heutigen Arbeitgeber, führte ein erstes Bewerbungsgespräch per Skype. "Ich hätte nie gedacht, dass es in Chemnitz ein Unternehmen dieser Art gibt", schildert die 36-jährige Kundenbetreuerin noch immer begeistert. "Ein Start-up aus der IT-Branche mit einem coolen Produkt, flachen Hierarchien, hoher Flexibilität und Englisch als Unternehmenssprache."

Doch obwohl sie sich alle wohlzufühlen scheinen in dieser Vorzeigefirma mit ihrer hierzulande eher ungewöhnlichen Unternehmenskultur - es gibt auch Dinge, die den "Staffbranos" Sorgen bereiten. Die Bahnanbindung nach Leipzig zum Beispiel und das Fehlen einer Internationalen Schule in Chemnitz waren kürzlich Themen bei einem Besuch von Ministerpräsident Michael Kretschmer und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig in der Firma. Auch die bevorstehende Landtagswahl sorgt für Gesprächsstoff. Im August vergangenen Jahres hätten sich einige Mitarbeiter durchaus zeitweise nicht sicher gefühlt in der Stadt, heißt es. Mancher ließ sich damals vorsichtshalber mit dem Taxi von der Arbeit nach Hause fahren.

Auch deshalb zählte Staffbase zu den ersten Wirtschaftsunternehmen, die sich der Initiative "Chemnitz ist weder grau noch braun" anschlossen. Denn trotz ihrer internationalen Expansion will die Firma am Standort Chemnitz festhalten und weiterwachsen. "Das alles wird aber nur funktionieren, wenn sich unsere Mitarbeiter hier wohlfühlen", betont Gründer und Geschäftsführer Martin Böhringer. In nächster Zeit, so heißt es aus dem "People Experience Management", der Personalabteilung, seien etwa 50Stellen zu besetzen - vor allem in der Softwareentwicklung und im Vertrieb.

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22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    gelöschter Nutzer
    06.08.2019

    Ich hoffe, Staffbase bleibt auch in Zukunft ein Chemnitzer Unternehmen.
    Vielleicht zieht es andere Firmen nach und wirkt als Multiplikator für eine modernen, diversen Wirtschaftsstandort.

  • 3
    2
    994374
    06.08.2019

    Weltweit auf der Suche nach Fachkräften:
    Zitat: „…Auch die bevorstehende Landtagswahl sorgt für Gesprächsstoff. Im August vergangenen Jahres hätten sich einige Mitarbeiter durchaus zeitweise nicht sicher gefühlt in der Stadt, heißt es. Mancher ließ sich damals vorsichtshalber mit dem Taxi von der Arbeit nach Hause fahren.“

    Ich bin „not amused“, wie tendenziös Chemnitz teilweise in diesem Artikel dargestellt wird!
    Mein Leipziger (Nachkomme schon länger hier Lebender) Sohn war kürzlich mit seinem Wiener Freund in einer Kneipe in der Brückenstr. gegenüber dem Nischel und hat die Polizei informiert, weil sich an der Treppe zum Terminal 3 Jugendliche (anscheinend orientalischer Herkunft) zu einer Auseinandersetzung untereinander aufschaukelten.
    Als die Polizei erschien, hat sie sich jedoch nur die deutschen jugendlichen Skateboarder auf der anderen Straßenseite (also neben dem Monument von Karl Marx) vorgenommen.
    Daraufhin rief mein Sohn nochmal bei der Polizei an um den Irrtum zu korrigieren…

    Jedenfalls hat er sich anschließend lieber ein Taxi für die ca. 1000 m bis zu seiner Unterkunft genommen! – So viel zum Thema „Sicherheitsgefühl“!

    Übrigens habe ich auf meinen mehreren Auslandsreisen (Österreich, Italien) seit September 2018 feststellen müssen, dass die Chemnitzer „Menschenjagden“ den „normalen“ Menschen nicht bekannt sind und auch keiner jemals von der Stadt Chemnitz gehört hatte. In einem Fall kannte man gerade mal Dresden.