Steigende Park-Kosten: Lohnt sich Umstieg auf Bus und Bahn?

Chemnitz diskutiert: Das Auto am Stadtrand stehen zu lassen und mit dem Nahverkehr in die Stadt zu fahren, bringt Pendlern bislang kaum Vorteile. Doch das könnte sich bald ändern, meinen Experten.

ERZ, STL, ASZ: Bei der Kür des Chemnitzer Parkplatzes mit den meisten Autos aus dem Erzgebirge läge der Platz nahe der Straßenbahnendhaltestelle Hutholz schon jetzt ganz weit vorn. Die Anlage unweit des Ortseingangs Stollberger Straße erfreut sich bei Pendlern von außerhalb wachsender Beliebtheit. "Früher standen hier vielleicht zehn Autos. In letzter Zeit sind das deutlich mehr geworden", sagt ein Autofahrer, der den kostenfreien Parkplatz regelmäßig nutzt. Als Inhaber einer Monatskarte für Bus und Bahn lasse er sein Auto öfter in Hutholz stehen und fahre von dort mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum, erzählt er. "So spare ich mir die Parkgebühren in der Innenstadt."

Ein Beispiel, das künftig vermehrt Schule machen könnte. Denn wegen der geplanten Neubauprojekte neben dem Tietz und an der Johanniskirche fallen in der Innenstadt in absehbarer Zeit Hunderte öffentliche und zumeist vergleichsweise preiswerte Stellplätze weg. Zwar sind auf den Arealen neue Tiefgaragen und ein Parkhaus geplant. Welchen Nutzern und zu welchen Konditionen diese einmal zur Verfügung stehen werden, ist jedoch offen. Schon jetzt zahlen Dauermieter für einen Stellplatz zum Teil mehr als 100 Euro monatlich. Das ist etwa doppelt so viel, wie eine Abo-Monatskarte des Nahverkehrs kostet.


Vor allem für Berufspendler, die rund um die Innenstadt ihr Auto tagsüber derzeit noch relativ gut und preiswert abstellen können, dürfte sich der Druck verstärken. Zumal auch die Stadt auf einer Reihe von Straßen rund um das Zentrum, auf denen das Parken bislang noch kostenlos ist, künftig Geld verlangen will. Sogenannte Park-and-Ride-Parkplätze wie in Hutholz könnten daher mittelfristig an Bedeutung gewinnen, meinen Verkehrsplaner.

"Das Thema als Baustein für die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel wird im Verkehrsentwicklungsplan weiterhin aufgegriffen", heißt es aus dem Rathaus. Baulich organisierte Übergänge zwischen den Verkehrsmitteln Auto und Öffentlicher Nahverkehr stellen nach Ansicht der Stadtverwaltung "eine wichtige Säule der künftigen Verkehrsentwicklung" dar.

Bislang sind solche Anlagen in Chemnitz noch die Ausnahme. Vier offiziell ausgewiesene Park-and-Ride-Plätze und ein Parkhaus mit insgesamt rund 450Stellplätzen gibt es - fast alle befinden sich im Süden der Stadt. Am Bahnhof Einsiedel - künftig Station der Chemnitzbahn von und nach Aue - sind laut Verkehrsverbund VMS weitere 35 Stellplätze geplant.

Dass sich die Nutzung und Auslastung der Anlagen zum Teil noch immer sehr in Grenzen hält, dürfte auch an der generellen Autofreundlichkeit des Chemnitzer Stadtverkehrs liegen. Während in vielen anderen Städten vergleichbarer Größe oft zeitraubende Staus an der Tagesordnung sind, rollt in Chemnitz der Verkehr in der Regel recht flüssig. Der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel bringt Nutzern damit oft kaum Zeitgewinn. Von Hutholz bis Zentralhaltestelle etwa sind es mit der Straßenbahnlinie 4 laut Fahrplan knapp 20 Minuten.

Wer es mit dem Auto einmal bis an die Stadtgrenze geschafft habe, bleibe im Regelfall auch für die letzten zehn Minuten Weg im Wagen sitzen, meint Stefan Tschök vom Nahverkehrsbetrieb CVAG. "Unsere Stadt scheint für wirkungsvollen Park-and-Ride-Verkehr zu klein zu sein", findet er. Trotzdem geht auch die CVAG davon aus, dass unter steigendem Parkdruck in der Innenstadt Umsteige-Parkplätze am Rande der Stadt künftig eine stärkere Rolle spielen werden. "Da Pendler aus allen Himmelsrichtungen kommen, bietet es sich an, alle vorhandenen und gegebenenfalls neu hinzukommenden Endstellen der Stadtbahn diesbezüglich zu untersuchen", so Tschök. Denkbar sei aus Sicht der CVAG auch, mit Betreibern vorhandener Großparkplätze - etwa an Einkaufszentren - sich darauf zu verständigen, dort entsprechende Park-and-Ride-Zonen abzugrenzen.

Der Einzelhandel in der Innenstadt sieht in Umsteige-Parkplätzen insbesondere entlang der Strecken des Chemnitzer Modells ein wichtiges Mittel, um noch mehr Besucher und Kunden von außerhalb zu gewinnen. Dass man mit der Bahn ohne umzusteigen aus dem Umland bis in die Innenstadt fahren könne, sei schon jetzt ein echter Standortvorteil, sagt Jörg Knöfel, Manager der Galerie Roter Turm. "Wir müssen sicherstellen, dass Kunden mit ihrem Auto an diese Verbindungen andocken können", so der Chef eines der wichtigsten Chemnitzer Einzelhandelskomplexe. Gut genutzte Anlagen dieser Art gibt es unter anderem bereits an der Chemnitzbahn-Linie von und nach Stollberg in Pfaffenhain und am Stollberger Bahnhof.

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 7 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    Zeitungss
    18.04.2019

    Ist nicht für die Chemnitzer Gegend der mit jeder Art von Fachkräften zuständige VMS in der Verantwortung? Ich würde sagen, genau diese Leute müssen den ÖPNV nicht nutzen, man hat bekanntlich Dienstwagen. ÖPNV kostet Geld, Parkgebühren bringen Geld, was man auch beim VMS verstanden hat und das Rathaus auch keine andere Meinung dazu hat. Man ergänzt sich gegenseitig. Chemnitz ist damit allerdings nicht allein, falls es zur Beruhigung beiträgt.

  • 9
    0
    Einspruch
    18.04.2019

    Da müsste es erstmal einen funktionierenden pünktlichen Nahverkehr geben. Den sehe ich in Chemnitz nicht. Habe gar nicht mehr mitgezählt, wie oft die Kinder zu spät zur Schule oder zur Lehre gekommen sind oder ich sie schnell noch gefahren habe.

  • 15
    3
    HHCL
    18.04.2019

    Kosten hin, Kosten her. Um in Chemnitz den Bus und die Bahn nutzen zu können muss man Rentner, Hartz IV-Empfänger oder bei verständnisvollen Chefs angestellt sein, die ständige Verspätungen entschuldigen. Man muss außerdem selbst bereit sein unverhältnismäßig viel seiner Lebenszeit, die man mit seiner Familie oder anders sinnvoll verbringen könnte an verdreckten Bushaltestellen zuzubringen. Man sollte im Besitz eines Handys sein um sich über die tatsächlichen Fahrzeiten zu informieren; die tollen Echtzeitanzeigen leisten das ja leider nicht und die Fahrpläne sind nicht sonderlich verlässlich. (Fahrt x entfällt aus betriebsbedingten Gründen!)

    In anderen Städten wird der Stadtrat (oder ein ähnliches Gremium) unruhig, wenn 10% der Busse und Bahnen Verspätung haben. In Chemnitz juckt es keinen der Damen und Herren Politiker, wenn zahlreiche Fahrten ersatzlos ausfallen und Notfahrpläne das größte Übel mindern müssen. Das ist eben so, das muss man hinnehmen. Entschädigungen für Abo-Karten-Besitzer wird noch nicht einmal diskutiert. Man wundert sich immer nur, dass keiner den ÖPNV nutzt. Man sollt den ÖPNV zur Pflicht machen für die Mitarbeiter des Rathauses und der Stadtverwaltung!

    Dazu kommen die oft wenig gepflegten Busse und Bahnen und ein zu großer Anteil an Fahrpersonal, der mit den simpelsten Umgangsformen nicht klar kommt. (Es gibt auch nette und sehr freundliche Fahrerinnen und Fahrer! Es sind aber zu viele, die ein Benehmen an den Tag legen, das jeder Beschreibung spottet. Ich hatte erst gestern wieder einen Fahrer, der beinah ausgerastet ist, weil eine Dame die Frechheit besaß vorschriftsgemäß vorne einsteigen und ihre Fahrkarte zeigen zu wollen. Die Türe wurde nur widerwillig geöffnet und dann demonstrativ weg geguckt. Die Rollstuhlfahrerin an der nächsten Haltestelle ging den Herrn auch nichts an; die Rampe klappten dann Fahrgäste auf.)

    Wer soll unter diesen Bedingungen sein Auto am Stadtrand abstellen um dann per ÖPNV in die Stadt zu fahren?

    "Von Hutholz bis Zentralhaltestelle etwa sind es mit der Straßenbahnlinie 4 laut Fahrplan knapp 20 Minuten."
    Ja, wenn die Bahn in dem Moment losfährt, in dem man aus dem Auto gestiegen und in der Bahn Platz genommen hat. Sonst sind es schon mal bis zu 29 Minuten, aber nur in der Woche und auch nur bis ca. 18.30 Uhr. Dann können es bis zu 44 Minuten werden. Ebenso in den Ferien und am Samstag; vom Sonntag und nach 21 Uhr ganz zu schweigen. Wer hat so viel Zeit? (Und das sind ja nur die Hauptlinien mit 10-minütiger Taktfrequenz. Ein Großteil verkehrt alle 20 oder 30 Minuten.)

    Laut Google braucht man mit dem PKW für die Strecke auch ca. 20 Minuten; ohne mögliche Wartezeiten, ohne Umsteigen. Man muss außerdem auch wieder zurück. Wenn man Pech hat steht man dann wieder und wartet. Wo ist jetzt der Vorteil?

    Wenn man will, dass die Leute Bus und Bahn fahren, muss man das attraktiv machen. Zuverlässige Abfahrtszeiten, kleine Taktfrequenzen, saubere Haltestellen und Busse, freundliches Personal. Die CVAG erfüllt davon fast nichts.

  • 7
    13
    Goschi
    18.04.2019

    Für mich, d. h. für Familie lohnt sich der Umstieg nicht, zu unsicher für meine Enkel. Für den "Privatmann gibt es eine Vielzahl von Sicherheitsvorschriften nach Größe und Gewicht für Kleinkinder. Sicher ist ein Kindersitz, spezielle Gurte usw. eine gute Sache für die Sicherheit der Kinder. Für den öffentlichen Nahverkehr werden diese Regeln mit fadenscheinigen Infos wie das durch den Klick auf die Gurte die Fahrzeiten verlängern würden, außer Kraft gesetzt. Ich jedenfalls lehne es ab meinen derzeit 3jährigen Enkel auf einen Erwachsenensitz unangeschnallt dort transportieren zu lassen, da ist mein Auto mit entspr. Sitzen und Gurten wesentlich sicherer. Die Sitze im Nahverkehr dürfen mit Genehmigung des Gesetzgebers gegen diese Regeln verstoßen.

  • 22
    0
    Haecker
    18.04.2019

    "Unsere Stadt scheint für wirkungsvollen Park-and-Ride-Verkehr zu klein zu sein". Nicht die Stadt ist zu klein, sondern das Straßenbahnnetz, das nur ein Rumpfnetz ist. Dass der P+R-Platz an der Endstelle Hutholz jetzt stärker genutzt wird, könnte an der häufigen Verstopfung der A 72 liegen, so dass mehr Autofahrer die B 169 nutzen. Welchen Pendlern soll aber der Parkplatz Südring/Stollberger Straße etwas bringen? Und wem kann der Parkplatz in Altchemnitz etwas bringen, wenn dort nur noch alle 30 min. eine Bahn fährt? Und welche Pendlern sollen einen Parkplatz am Bahnhof Einsiedel nutzen (Berbisdorfer werden wohl gleich über die B 95 nach Chemnitz fahren)?
    Ich weiß, dass die Probleme nicht allein (vielleicht nicht mal zuerst) in der Stadt Chemnitz und auch nicht in Sachsen zu lösen sind. Es geht auch um Geld und um Planungskapazitäten, aber längst nicht nur. Wer eine Verkehrswende anstrebt, muss über alle Hindernisse reden, vor allem auch, warum Planfeststellungsverfahren so kompliziert geworden sind.



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