Sternstunde für Individualisten und Orchester

Moderner Bilderrausch, ein konfliktgeladenes Cello-Konzert und eine facettenreiche Brahms-Sinfonie eröffneten die neue Konzertsaison der Robert-Schumann-Philharmonie eindrucksvoll.

Mancher mag durchaus skeptisch gewesen sein ob der recht verschiedenen Stücke des ersten Sinfoniekonzerts der Robert-Schumann-Philharmonie im wiederum fast ausverkauften Großen Saal der Stadthalle. Das Programm versprach Abwechslung, erwies sich jedoch mehr noch als eine in sich stimmige Geschichte der Gegenwart von ihren einsam-dunklen Seiten bis hin zur beglückenden Vielfalt kollektiven Agierens, Musizierens.

Anna Clynes einsätzige Komposition "This Midnight Hour/Diese Mitternachtsstunde" bezieht sich auf zwei Gedichte, das kurze "Die Musik" des spanischen Literaturnobelpreisträgers Juan Raul Jiménez: "- eine nackte Frau, verrückt hetzend durch die tiefe Nacht! -" und "Abendklänge" aus Charles Baudelaires "Blumen des Bösen". Die 1980 geborene Absolventin renommierter Musikhochschulen zeichnet ein dramatisches Nachtbild, weich und drängend, hymnisch und dumpf, traurig und aufbegehrend, hektisch, rauschhaft, wendungsreich. Das Stück erinnert an Filmmusiken, an die mitfühlend-dunkle Tiefe der Lieder von Tom Waits, in denen der Mensch auf Erlösung hofft.

Die er vielleicht in der Möglichkeit individuellen Denkens und Handeln findet. Lutoslawskis 1970 uraufgeführtes Konzert für Violoncello und Orchester ist ein Hohelied auf das Individuelle eines jeden Menschen, verkörpert, in Töne gefasst vom hervorragenden Solocellisten der Robert-Schumann-Philharmonie, Jakub Tylman. Seine Virtuosität, seine Prägnanz, manchmal versteckt in und hinter einer Art Lässigkeit, die dem nach einem langen Solo zu Beginn ständig intervenierenden Orchester gleichsam die Zunge herausstreckt und auf dem Recht der persönlichen Freiheit beharrt, gleichwohl mitunter Angebote zur Gemeinsamkeit macht, die aber abgelehnt, ad absurdum geführt werden. Dies war auch ein Stich ins Herz des sozialistischen Polen, das Lutoslawski zuweilen eher duldete als förderte, und es bleibt ein Hohelied auf die Verteidigung des Einzelnen gegenüber der Masse. Das ist ganz große Konzertkunst, kongenial organisiert vom Dirigenten des Abends, dem Norweger Eivind Gullberg Jensen. Langer, begeisterter Applaus war der verdiente Lohn für Solisten und Orchester.

Das konnte seine Fähigkeit zu fein- und vielstimmiger Prägnanz und dem Glück kollektiven Musizierens, das sich dem Wohlklang nicht verweigert, ihn aber auch nicht in süßliches Schwelgen gießt, mit Brahms' 4. Sinfonie beweisen. "Das Herbe, Zurückhaltende, manchmal abweisend Schroffe seiner nordischen Natur hat sich unter dem Blütenhauch der österreichischen Landschaft und Umgebung, in der Sonnenwärme von Glück und Ruhm sehr gemildert, aber doch nicht ganz verzogen", schrieb Eduard Hanslick über seinen Freund. Gerade so interpretierte die Philharmonie das gedanken- und facettenreiche Werk als würdigen Schlusspunkt des Konzerts, das eine spannende Saison verspricht.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
1Kommentare
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  • 1
    2
    HHCL
    05.10.2018

    "... des ersten Sinfoniekonzerts der Robert-Schumann-Philharmonie im wiederum fast ausverkauften Großen Saal der Stadthalle."

    Ich weiß ja nicht, über welchen der beiden Abende hier geschrieben wurde, aber am 3.10. blieben zahlreiche Plätze unbesetzt (neben mir war die ganze Reihe leer und die davor auch) und ein Blick am 4.10. auf den Kartenvorverkauf deutete aus meiner Sicht auf eine noch geringere Auslastung. Es ist allerdings möglich, dass ca. 500 Leute am Abend noch spontan eine Karte gekauft und die Reihen gefüllt haben.

    Auch die Beschreibung der Publikumsreaktion auf Lutoslawskis Cello-Konzert decken sich nicht unbedingt mit meiner Beobachtung. Es gab am Ende Applaus; dieser galt aber aus meiner Sicht hauptsächlich dem Cellisten, der dann noch eine Zugabe spielte. Von hinten links flüsterte jemand: "Jetzt bitte was ordentliches!"
    Das Werk an sich mag hohe Kunst sein, wurde aber, zumindest an diesem Abend und aus meiner Sicht, vom Großteil des Publikums eher erduldet denn genossen. Natürlich sollen "schwierige" Stücke gespielt werden, Sinfoniekonzerte sollen ja auch den Kopf anregen und nicht nur Wohlfühlatmosphäre liefern. Es wäre aber schön, wenn von den Schwierigkeiten, die das Publikum hatte, in der Rezension noch etwas erhalten bliebe und nicht das Gefühl vermittelt würde, es hätte bedingungslos gefallen.



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