Tag der Sachsen: Gut im Strumpf

In Limbach-Oberfrohna beginnt am Freitag der "Tag der Sachsen". Die Heldenzeit der Strumpfindustrie ist Geschichte. Ein Besuch in der Stadt, die für das, was kommt, vor allem eines hat: Platz und Offenheit.

Limbach-Oberfrohna.

Es ist ja nicht so, dass jede Siedlung einen roten Teppich braucht, eine gute Stube in der Mitte, in der man ankommt und zu sich selber sagt: Hier bin ich. Man ist es nur halt so gewohnt. In Limbach-Oberfrohna gibt es diese Mitte nicht, und das irritiert. Man könnte den Johannisplatz im Escheviertel für das Zentrum halten. Technisch stimmt das sogar. Und doch beschleicht hier den Besucher das Gefühl, mehr in einem Zwischenraum zu stehen als mittendrin. Als ob die eigenen Füße den Großen Teich, der hier einmal lag, noch unter dem Straßenpflaster spürten.

Wo anfangen beim Eintritt in diesen Ort voller aus dem Gebrauch geratener Fabriken? Lesend, in einem Buch aus den Neunzigerjahren, das Limbach in die deutsche Literatur einführte. "Der Kinoerzähler" beginnt einfach so: "Mein Großvater Karl Hofmann (1873-1944) arbeitete lange im Apollo-Kino in der Helenenstraße in Limbach/Sachsen."

Es gibt dieses Kino in Limbach, heute noch. Es begann im Café Dittrich, seit Ende der 1920er-Jahre spielt es im eigenen Haus. Und es gab diesen Großvater, dessen Enkel Gert Hofmann ein Schriftsteller wurde und die Geschichte erzählte. Nur stand und steht das "Apollo" nicht in der Helenenstraße. Die Freiheit des Romanciers, der einem zuzwinkert: Nicht alles wörtlich nehmen. Wahrheit ist zuweilen mehr als geografische Genauigkeit.

Die Helenenstraße in Limbach-Oberfrohna, eine alte Strumpfwirkergasse, fängt am Johannisplatz an. Den könnte man, so wie die Leute flanieren und die Häuser sich in Schale werfen, für den Marktplatz halten. Zu DDR-Zeiten sollen Kauftouristen aus Karl-Marx-Stadt hergekommen sein. Dort hatten die Geschäfte der Helenenstraße einen guten Ruf. Der wirkliche Marktplatz versteckt sich unterhalb der Stadtkirche. Er ist mit Zäunen abgesperrt: Kanalbau. Man trifft hier zum Mittag keine Menschenseele. Von der alten Brauerei, dem Hotel Lay-Haus, schweift der Blick über Mykonos und Italia zum House of India: ein griechisches, ein italienisches, ein indisches Lokal. Ortshistoriker schließen nicht aus, dass dort, wo heute das Hotel Lay-Haus steht, der erste Siedler vor Jahrhunderten sein Dach gezimmert hat.

Von den heutigen Ortsteilen Limbach-Oberfrohnas wurde Kaufungen zuerst urkundlich erwähnt, 1226, kurz darauf Wolkenburg, dann Limbach. Im Westen des weiten Stadtgebiets liegt der Ullrichsberg. Vor Jahrhunderten wurden dort Silber und Gold, Blei und Kupfer herausgegraben. Nun macht ein Verein den einen oder anderen Schacht als Attraktion wieder flott.

1346 richteten die Limbacher eine hölzerne Kapelle auf, die als Vorläuferin der heutigen Stadtkirche gilt. Dort oben, zwischen Kirche und Stadthalle, Grundschule und Rittergut lässt sich ein weiteres Ortszentrum vermuten. Vor sieben Jahren hob einmal ein Auto von der Straße ab und segelte ins Kirchendach. Der Platz rückte ins Zentrum der Nachrichtenwelt. 15 Minuten Ruhm für den "Kirchenflieger", der den Unfall glücklich überstand. Nun gibt es eine Gedenktafel mit Gottesdank.

In Limbach kommt man immer irgendwo, am besten aber bei den Menschen an. Man braucht nur einen Augenblick vor der Stadthalle in die Mittagssonne zu blinzeln und zu staunen, dass Barclay James Harvest bald hier spielen werden- da prescht ein Mann mit Flyern aus der Tür und fragt freundlich, womit er helfen kann. Im barocken Rußdorfer Kirchlein bittet eine leise Frau zur Besichtigung: "Ich kann Ihnen auch etwas erzählen, wenn Sie wollen." Im Sommer sei die Kirche zur Einkehr geöffnet, Besucher kamen bis aus Österreich. Und der Chef des Limbacher Heimatvereins scheint an seinem Gartenzaun an der Sachsenstraße nur darauf zu warten, dass einer das Museum sucht, um heranzutreten und den Weg zu weisen: "Da sind Sie total falsch!" Hintergründiges Lächeln. "Nein, nein. Sehen Sie, da vorne ist es schon."

"Limbach-Oberfrohna ist eine tolle Stadt", sagt Sylke Koschmieder, Koschmieder und Thomas GmbH, Immobilien, Büro im linken Flügel des Esche-Museums. Sie ist eine von denen, die hinter dem Slogan "Wir lieben Limbach" stehen. Auf der zugehörigen Webseite heißt es: "Zu Hause ist, wo ich außerhalb von Schubladen denke." Es sei doch schön geworden in den vergangenen 25 Jahren, findet Sylke Koschmieder, trotz der Umbrüche, die im Stadtbild sichtbar sind, und auch wenn nie alles zum Besten steht. "Hier gibt es viel Platz und Möglichkeiten. Klar, nicht jeder, der hier lebt, sieht das so, es wird gemeckert und geschimpft. Das Glas ist aber halbvoll, nicht halbleer, finde ich."

Neu und modern ist die Industrie, die nach dem Ende des Textilzeitalters Einzug hielt: Dieseleinspritzsysteme, Sonnenschutztechnik, Spezialanlagen werden hier gebaut. Tausende Arbeitsplätze. Ein Kraftquell der Region. Und dann gibt es die ländliche Seite, die Erntemaschinen auf der Straße und das Warenhaus, das Schafnetze und Wurst im Glas verkauft.

Der erste von drei Lieblingsplätzen, die Frau Koschmieder Gästen empfiehlt, ist das Museum für Industriegeschichte. "Wir haben Eigentümerversammlungen, da kommen viele von außerhalb, und die nehmen wir ins Museum mit." Das Kleinod ist eine ehemalige Strumpffabrik von Traugott Reinhold Esche, erbaut anno 1854. Esches Vorfahr Johann hatte die Wirkerei nach Sachsen gebracht. Die Esches und viele Limbacher Heimwerker, die unter Dampf zu Fabrikanten wurden, schufen ein Textilrevier von Weltrang. Nebenbei betrieb Traugott Reinhold Esche noch eine Kalkgrube in Chemnitz-Rabenstein, die heutigen "Felsendome". Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Esche-Fabrik, das heutige Museum, als Lager für Vertriebene aus den Ostgebieten. Von den damaligen Limbachern wurde es "Tränenpalast" genannt.

Viele inspirierende Geschichten von Unternehmern und Erfindern aus Limbach-Oberfrohna lassen sich auf den Tafeln des Stadtlehrpfades lesen - der zweiten Empfehlung von Sylke Koschmieder für L-O-Entdecker. Seit einigen Jahren gibt es eine Broschüre dazu, die man in der Stadtinformation im Rittergut erhält. Die ganze Stadt wird bei einem solchen Rundgang zum Buch.

Frau Koschmieders dritter Tipp ist der Amerika-Tierpark, der gerade in aller Munde ist, weil hier eine Gruppe Pinguine ihr Quartier bezogen hat: kein Zaun, keine Wand zwischen Tier und Besucher. Der zutraulichste dieser Vögel trägt ein Armband, auf dem "Gunter" steht. Gunter? "So ein Armband sollen alle kriegen, zur besseren Unterscheidung", sagt Gabriele Wittig, die Tierparkvizechefin. "Dieses war eben das erste, sie hatten es übrig im Leipziger Zoo. Stand halt ,Gunter' drauf."

Das Pinguingehege, die jüngste Tierpark-Attraktion, ist mit einem anderen Limbacher Wahrzeichen buchstäblich verbunden, dem Wasserturm. Eine 90-jährige Augenweide, noch in Betrieb, erklärt ein Techniker vom örtlichen Meisterbereich des Zweckverbands. Oben hinter den Fenstern liegt eine 400-Kubikmeter-Kammer für Trinkwasser, unten eine von 430 Kubikmetern für Brauchwasser, die auch die Pinguinanlage versorgt. Im Trinkwassersystem würde der Turm eigentlich nicht mehr gebraucht. Der Hochbehälter Pleißa, mehr als dreimal so groß, reicht für das ganze Gebiet. Trotzdem hängt der Turm am Netz, weil es technisch leicht möglich ist, und weil doppelt besser hält.

"Jeden Abend gegen sechs - ,Bis auf Montag, da spielen wir Geschlossen' - ging der Großvater ins Apollo." In dem Kino würde der Limbacher Romanheld heute seinem eigenen Konterfei begegnen, oder besser dem von Armin Müller-Stahl, der in der Romanverfilmung Karl Hofmann war. "Der ,Kinoerzähler' ist nicht vergessen", sagt Olaf Müller aus Kaufungen, der heutige Besitzer. "Wir haben einige Ausstellungsstücke zur Geschichte im Haus." Ansonsten gibt es seit mehr als 20 Jahren drei Säle und keinen Orchestergraben mehr. Gezeigt wird demnächst eine irische Tanzshow, ein Multivisionsprogramm und ein Mitschnitt von den Rolling Stones beim Auftritt in Havanna.

Die Geschichte vom Kinoerzähler endet, wie Geschichten immer enden: "Der Großvater wurde in seinem Notsarg auf den Limbacher Friedhof gebracht. Er wurde vom Pfarrer Namenlos und der Großmutter, die sich ,aus Trotz über so ein blödsinniges Ableben' nicht einmal umgekleidet und auch ihren Hut nicht aufgesetzt hatte, in seine Grube gelegt." Er hatte lange "gut im Strumpf gestanden", wie man früher sagte, wenn einer nach einem großen, wechselhaften Leben immer noch gut beieinander war.

Eben so wie diese Stadt.

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