Theatertreffen rückt Kritik an NSU-Aufarbeitung in den Fokus

Fünf Jahre nach Aufdeckung des Nationalsozialistischen Untergrunds beschäftigt sich ein Bühnenprojekt mit der Terrorgruppe und ihren Verbrechen. Auch zu aktuellen Geschehnissen wird der Bogen geschlagen.

Eine Palme, Badetücher, Strandspielzeug: Die fünf Darsteller haben es sich gemütlich gemacht, plaudern locker daher, genießen ihren Urlaub am Meer. In ihren Gesprächen kommen sie aber auch immer wieder auf die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). So richtig debattieren wollen die drei Männer und zwei Frauen dieses Thema aber nicht. "Nationalismus? Da sind wir drüber weg. Schwamm drüber, Sand drüber", sagt eine Darstellerin.

Die Szene entstammt dem Stück "Beate Uwe Uwe Selfie Klick oder Welthauptstrand Europa". Es ist eine Groteske der österreichischen Autorin Gerhild Steinbuch, die am 2. November im Schauspielhaus Premiere feiert. In Chemnitz und in Zwickau findet Anfang kommenden Monats ein Theatertreffen statt. Anlass ist die Aufdeckung des NSU. Die rechtsextreme terroristische Vereinigung, der nach bisherigen Erkenntnissen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos angehörten, wurde im November 2011 entdeckt. Dem Trio werden unter anderem eine Mordserie an Migranten und ein Sprengstoffanschlag zur Last gelegt. Die drei Mitglieder wohnten zeitweise in Chemnitz und Zwickau. In Zwickau entstand 2013 die freie Künstlergruppe Grass Lifter, die sich dem Thema widmet und die das Theatertreffen ins Leben gerufen hat.

"Bei der Aufarbeitung der Verbrechen passiert nicht genug", sagt Organisator Franz Knoppe. So gebe es weder in Chemnitz noch in Zwickau Ausstellungen, die sich der Terrorgruppe, ihren Verbrechen und vor allem ihrem Unterstützer-Netzwerk widmen, sagt Knoppe. "Die Gesellschaft soll sich schwierigen Fragen stellen. Das wollen wir erreichen", so der Organisator.

Eine dieser Fragen: Wie kann es sein, dass der NSU so lange unentdeckt blieb? Es müsse Nachbarn der Terroristen gegeben haben, die die Zeichen ihrer Taten nicht gesehen haben - oder sehen wollten, sagt Knoppe. Auch deswegen trägt das Theatertreffen den Titel "Unentdeckte Nachbarn". Damit, so Knoppe, werde zugleich aber auch auf Migranten angespielt, die nach den Morden an ihren Verwandten selbst in Verdacht gerieten und sich deswegen zurückzogen, also von ihren Nachbarn nicht wahrgenommen wurden.

Elf Stücke werden vom 1. bis 11.November gezeigt, darunter Gastauftritte von Theatergruppen aus München und Münster. Die dargestellten Handlungen sind frei erfunden, beziehen aber dokumentarisches Material ein. Ausgewählt hat sie die Theaterregisseurin Laura Linnenbaum. Sie habe sich mehr als ein Jahr intensiv mit dem NSU und rechten Bewegungen auseinandergesetzt, habe Fachliteratur und Dokumentationen durchgesehen, gemeinsam mit Schauspielern den NSU-Prozess in München besucht und sich Theaterstücke zu dem Thema angeschaut. Aus 80 Stücken wählte die 30-Jährige die zehn aus, die nun in Chemnitz und Zwickau aufgeführt werden. Dazu kommt die Eigenproduktion "Beate Uwe Uwe Selfie Klick oder Welthauptstrand Europa", bei der Linnenbaum Regie führt. Das Stück schlägt den Bogen zur Gegenwart. "Es geht um eine Gesellschaft, die Rechtsextremismus aufarbeiten sollte, aber dazu zu müde ist", erklärt die Regisseurin. In dieser Situation könnten sich rechte Gruppierungen wie die Identitären vernetzen und ausbreiten.


Telefonzellen-Installation, Diskussionen und Theater

Fast 40 Punkte umfasst das Programm des Theatertreffens "Unentdeckte Nachbarn", das vom 1. bis 11. November in Chemnitz und Zwickau stattfindet. In Chemnitz werden unter anderem das Schauspielhaus, Exil, Lokomov und das Weltecho bespielt.

Höhepunkte sind unter anderem die Theaterstücke "Die Lücke" des Schauspiels Köln und "Auch Deutsche unter den Opfern" des Residenztheaters Münster. Ersteres thematisiert, wie der Bombenanschlag in Köln das Leben der Anwohner verändert hat. In "Auch Deutsche unter den Opfern" geht es um die Ermittler und ihre Fehler.

Ergänzt werden die Aufführungen durch Podiumsdiskussionen, Vorträge, Konzerte, Poetry Slam und Ausstellungen und Installationen. So werden an der Galerie Borssenanger Telefonzellen aufgestellt. Im Inneren sollen Besucher Geschichten von Flüchtlingen vorlesen, die gespeichert und angehört werden können.

Das komplette Programm ist auf der Internetseite nachlesbar:

www.unentdeckte-nachbarn.de

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