Tierärztin übernimmt Traditionsgeschäft für Hüte

Statt mit Kühen beschäftigt sich eine 57-Jährige nun mit Zylinder, Melone und Mütze. Sie sagt, für sie erfülle sich ein Traum.

Reitbahnviertel.

Für Kathrin Steinert hat sich ein Kreis geschlossen. 1979, erzählt die Chemnitzerin, habe sie sich von ihrem ersten Gehalt als Zootechniker-Lehrling ihren ersten Hut gekauft. "Bei Hut-Förster in Karl-Marx-Stadt", erzählt die Frau im schwarzen Hosenanzug und Zylinder. 40 Jahre später steht Kathrin Steinert in dem Laden an der Ecke Reitbahnstraße/Annenstraße und berät Kunden auf der Suche nach einer neuen Kopfbedeckung. Seit Anfang Oktober ist die promovierte Tierärztin Inhaberin des traditionsreichen Chemnitzer Fachgeschäftes. "Ich habe es Kathrin Steinert überschrieben und bin mit 66 Jahren in den Ruhestand gegangen. Jetzt fängt das Leben an", sagt die bisherige Inhaberin Barbara Förster mit einem Lächeln im Gesicht.

Vor zehn Jahren habe ihre Suche nach einem Nachfolger für das 1912 gegründete Familiengeschäft begonnen, erinnert sie sich. Sie sei froh, eine solche Nachfolgerin wie Kathrin Steinert gefunden zu haben. Diese hatte von der Suche in der Zeitung gelesen und Kontakt zu ihr aufgenommen. "Die Chemie hat von Anfang an zwischen uns gestimmt", erinnert sich Barbara Förster, die selbst seit 1980 in dem Laden arbeitete. Die Übergabe des Staffelstabes haben die Frauen gut geplant. Die vergangenen anderthalb Jahre schaute Kathrin Steinert immer mal wieder im Geschäft vorbei. "Ich habe reingeschnuppert und die Chance ergriffen, etwas über Hüte zu lernen", sagt die 57-Jährige. Das Wichtigste, das sie dabei lernte? "Die Herstellung eines Hutes ist reinste Manufakturarbeit. 400 Arbeitsschritte, manchmal auch 450, sind notwendig", sagt Kathrin Steinert. Augenmaß und Geduld seien gefragt. Ende 2018 habe sie sich dann endgültig entschieden, das Hutgeschäft zu übernehmen. "Der Beschluss musste reifen", so Kathrin Steinert. Damit erfüllte sie sich einen großen Wunsch. "Seit 30 Jahren habe ich immer wieder gesagt, dass ich irgendwann einen Hutladen kaufe."

Die Umsetzung dieses Traumes bedeutet für sie einen radikalen Wandel in ihrem beruflichen Leben. Die gebürtige Freibergerin ist promovierte Tierärztin, ihr Spezialgebiet sind Rinder. "Ich habe 30 Jahre in der Diagnostik gearbeitet, war deutschlandweit unterwegs", sagt die Tierärztin. Die letzten zehn Jahre ihres Berufslebens wolle sie nun etwas Neues machen. Doch neu sind Hüte in ihrem Leben nicht wirklich. 37 Stück besitzt sie privat, sagt die Geschäftsfrau. "Hüte machen mich glücklich. Ich gehe selten ohne Kopfbedeckung aus dem Haus." Ihre Oma habe sie geprägt, blickt Kathrin Steinert zurück. Ihre Großmutter sei der Überzeugung gewesen, dass eine Frau Hut trägt, sagt sie. "Auch in die Kaufhalle ist Oma mit Hut gegangen." Dass Barbara Förster ihr die Chance und das Vertrauen gegeben hat, ins Hutgeschäft einzusteigen, dafür sei sie dankbar, sagt Kathrin Steinert. Sie habe eine Ablösesumme für den Laden und die vielen tausend Hüte und Mützen an Barbara Förster gezahlt und das Geschäft übernommen.

Und Barbara Förster? "Ich genieße mein fröhliches Rentnerleben", sagt die zweifache Oma. Ab und zu schaue sie noch in ihrem ehemaligen Laden vorbei oder telefoniere mit Kathrin Steinert, aber zumeist habe sie andere Dinge zu tun. "Der Garten steht an allererster Stelle." Früher habe sie den nur mit einzelnen Hauruck-Aktionen pflegen können, "aber jetzt nehme ich mir Zeit". Auch für die kalte Jahreszeit, wenn es im Garten nichts zu tun gibt, hat sie schon Pläne. "Ich muss mich technisch fortbilden, mich mit Tablet-Computer und Smartphone beschäftigen. Das ist meine Winterarbeit."

Derweil hat Kathrin Steinert jede Menge zu tun. Nicht nur, dass der Herbst Hauptverkaufssaison ist und sich nicht nur Chemnitzer, sondern auch Stammkunden aus dem Erzgebirge und anderen Regionen Sachsens bei ihr mit neuen Hüten und Mützen für den Winter eindecken. Am Wochenende hat sie erstmals die Hut-Messe in Leipzig besucht. Obwohl der Winter vor der Tür steht, hat Kathrin Steinert dort die Frühjahrs- und Sommermodelle des nächsten Jahres in Augenschein genommen. Immer im Hinterkopf hatte sie, Modelle für das Hutfestival 2020 in der Stadt zu finden. Vor allem Fascinators, also festliche Kopfbedeckungen, sowie leichte Hüte wollte sie ordern für das Festival, für das sie eine große Sympathie empfinde, sagt Steinert. Doch zunächst steht der Winter vor der Tür. Die 57-Jährige weiß, was modebewusste Frauen dann tragen. "Mützen in maisgelb, bordeaux, weinrot, grün und braun." Angesagt seien zudem Hüte im Look der 1920er-Jahre.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    Interessierte
    29.10.2019

    " Angesagt seien zudem Hüte im Look der 1920er-Jahre.
    Da habe ich schon einen im Schrank , noch von dem Hutgeschäft im Schiller-Haus
    Aber der Zylinder sieht auch chic aus …



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