Umstrittenes Denkmal-Haus: Notsicherung statt Abriss

Das Schicksal der Annaberger Straße 110 schien bereits besiegelt. Doch nun hat sich der Eigentümer gemeldet.

Vor genau einem Jahr bereitete die Stadtverwaltung gerade den Abriss des Hauses Annaberger Straße 110 vor, der letztlich durch den Einspruch von Stadträten verhindert wurde. Dieser Jahrestag veranlasste Stadtrat Dietmar Berger (Linke), in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses nach dem aktuellen Stand bei dem Kulturdenkmal zu fragen. Dabei erinnerte er daran, dass erst vor wenigen Tagen in Bautzen ein ebenfalls marodes und seit Jahren leer stehendes Wohnhaus teilweise zusammengebrochen war.

Baubürgermeister Michael Stötzer, der Bergers Frage beantwortete, konnte dabei mit Neuigkeiten aufwarten. Demnach sei es gelungen, mit dem inaktiven und lange nicht auffindbaren Eigentümer des Gebäudes in Verbindung zu treten. Dieser habe dem Eigentümer der anderen Haushälfte, der Annaberger Straße 110a, dem Leipziger Bauunternehmer Dietmar Jung, die Erlaubnis erteilt, Sicherungsmaßnahmen am Nachbarhaus Annaberger Straße 110 vorzunehmen. Ein Abbruch dieses Gebäudes stehe daher momentan nicht mehr zur Debatte, sagte Stötzer. Die Stadt werde Denkmal-Fördermittel für die Notsicherung und kein Geld mehr für den Abriss bereitstellen.

Ob beide Häuser saniert werden, ist aber nach wie vor offen. Denn weil es mit Altschulden belastet ist, sei eine Zwangsversteigerung des Gebäudes Annaberger Straße 110 weiterhin unvermeidlich, erklärte der Baubürgermeister. Der Eigentümer des Nachbarhauses hat bereits sein Interesse bekundet und eine Mindestgebotsgarantie in Höhe von 50.000 Euro abgegeben. Denn nach seinen Angaben lassen sich beide Gebäudehälften nur zusammen erhalten. Für den Fall, dass er das Nachbarhaus ersteigern kann, hat Jung schnelles Handeln angekündigt: "Zwei Wochen nach dem Zuschlag durch das Gericht steht ein Gerüst am Haus", sagte er der "Freien Presse". Die Zwangsversteigerung war von der Stadtverwaltung bereits im Februar vergangenen Jahres beim Amtsbericht angemeldet worden. Einen Termin dafür gibt es noch nicht, sagte eine Gerichtssprecherin am Montag auf Nachfrage.

Für den Erhalt der beiden um 1905 errichteten Mietshäuser mit Fachwerkelementen, die das Bild der Annaberger Straße in diesem Bereich prägen und deswegen als Kulturdenkmale geschützt sind, setzen sich vor allem Denkmalfreunde schon seit Jahren ein. Denn beiden Gebäudehälften drohte bereits der Abriss. 2015 hatte dessen damalige Eigentümerin einen Abbruchantrag für das Haus Annaberger Straße 110a gestellt. Er wurde von der Stadtverwaltung abgelehnt und das Haus im März 2016 versteigert.

Um dieselbe Zeit wurde auch das Nachbarhaus Annaberger Straße 110 verkauft, nachdem es 15 Jahre dem Freistaat Sachsen gehört hatte und vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) verwaltet worden war. "Abbruch erscheint sinnvoll" hieß es in der Verkaufsanzeige. Nachdem sein Käufer untätig geblieben und der Aufforderung zum Abriss nicht nachgekommen war, plante die Stadtverwaltung für Februar vergangenen Jahres den Abriss, aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Teile des Dachs und der Decken in den Obergeschossen waren bereits eingestürzt, der Abrissbagger stand bereit. In letzter Minute erhoben Stadträte der Grünen, der Fraktionsgemeinschaften Vosi/Piraten und CDU/FDP dagegen Einspruch und forderten die Notsicherung des Hauses auf Kosten der Stadt. Die Stadtverwaltung stoppte daraufhin den Abriss und beantragte die Zwangsversteigerung des Gebäudes. (mit hfn)

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