Unterrichtsausfall an Schulen in Chemnitz weitet sich aus

Trotz aller Anstrengungen der Behörden sind immer mehr Schüler vom Stundenausfall betroffen. Selbst Seiteneinsteiger können das Problem des Lehrermangels nicht mehr lösen.

Die Lehrer-Situation an ihrer Einrichtung sei beängstigend, hatte eine Schülersprecherin eines Chemnitzer Gymnasiums zur jüngsten Sitzung des Stadtschülerschaftsrates gesagt. Über Monate hinweg sei der Unterricht im Fach Gemeinschaftskunde ausgefallen, weil Lehrer langfristig ausgefallen waren. Zudem wurde der Sportunterricht gekürzt, weil die Sportlehrer in anderen Fächern als Vertretungen gebunden waren.

Die Schilderung der Schülersprecherin ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten Eltern und Schüler von monatelangem Ausfall in bestimmten Fächern, weil die entsprechenden Fachlehrer längerfristig krank sind und kein adäquater Ersatz vorhanden ist. Mittlerweile muss auch das zuständige Landesamt für Schule und Bildung einräumen, dass sich der Unterrichtsausfall an den Chemnitzer Schulen trotz verschiedener Versuche zur Verbesserung der Lehrer-Situation in Sachsen in den zurückliegenden Monaten weiter verschärft hat.

Nach "Freie Presse" vorliegenden Zahlen rechnet die Behörde für das Schuljahr 2018/2019 je nach Schulart mit zum Teil deutlich höheren Ausfallquoten als noch im Schuljahr zuvor. Demnach ist die Unterrichtsabsicherung an den Chemnitzer Oberschulen von 98,0 auf 96,9 Prozent gesunken, an Gymnasien von 99,5 auf 99,2, an Förderschulen von 95,7 auf 94,4 sowie an den Beruflichen Schulzentren von 100 auf 97,5 Prozent. Lediglich an Grundschulen konnte die Unterrichtsabsicherung von 97,0 auf 98,6 Prozent gesteigert werden.

Als Gründe für die höheren Ausfallquoten nennt Landesamtssprecher Lutz Steinert die großen Probleme bei der Besetzung von offenen Lehrerstellen. Es werde mittlerweile sogar zunehmend schwieriger, den Bedarf selbst mit Seiteneinsteigern zu decken. "Die Anzahl der geeigneten Bewerber reicht nicht mehr aus", so Steinert und fügt hinzu: "Die Reserve schwindet immer mehr, und dann fällt der Unterricht aus - das muss man so ungeschminkt sagen."

Der Chemnitzer Kreiselternrat kritisiert derweil, dass Verlegenheitslösungen wie stille Beschäftigung von Schülern, das Zusammenlegen von Klassen oder die fachfremde Vertretung in der Statistik gar nicht als Ausfall auftauchen. Ursprünglich hatte das Elterngremium versucht, mit eigenen Erhebungen ein objektiveres Bild vom Stundenausfall an den städtischen Schulen abzubilden. Dazu hatte man Eltern gebeten, Unterrichtsausfall an den jeweiligen Schulen zu melden. Allerdings haben die Daten am Ende offenbar nicht ausgereicht, um damit auch an die Öffentlichkeit gehen zu können. Man wisse aber, so ein Vertreter des Gremiums, dass in Chemnitz Lehrer in allen Schularten fehlen. Am meisten gebe es Fehlstellen an den Förderschulen und den Berufsschulen, aber auch an den Oberschulen.

Der Stadtschülerschaftsrat nennt die Lehrer-Situation in Chemnitz schlicht inakzeptabel. Die Schülerinnen und Schüler seien es, die unter der gegenwärtigen Situation zu leiden hätten, heißt es in einer Stellungnahme der Schülervertretung von Anfang Januar. Man appelliere "an die Politik, sowohl in Dresden als auch vor Ort, die Unterrichtsabdeckung zu erhöhen, die Fehlstunden einzudämmen und den Lehrermangel in den Griff zu bekommen".

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9Kommentare
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  • 5
    1
    tbaukhage
    22.01.2019

    @all: „Bildungsagentur“ war mal. Das heißt jetzt „Landesamt für Schule und Bildung“, kurz „LaSuB“. Dort sind zwar noch immer die gleichen Nasen beschätigt (fast jedenfalls), LaSuB klingt aber viel besser!

  • 3
    2
    tbaukhage
    22.01.2019

    Ich nahm an, durch die Wahl des Wortes „BeamtungsWAHN“ wäre meine Einstellung zu diesem klar geworden...

  • 5
    0
    Einspruch
    21.01.2019

    Zum Glück haben die meisten Eltern noch ein paar verstaubte Kenntnisse aus der Schule. Sonst wäre der Nachwuchs oft aufgeschmissen. Ausfall oder eben Austeilen von Arbeitsblättern, Selbststudium, Vertretung die eigentlich nur Betreuung ist. Aber immer feste Klausuren oder Kontrollen schreiben lassen, um nachzusehen, wie groß die Wissenslücken sind. Die Bildungsagentur, ja mit der haben wir auch so unsere Erfahrungen gemacht. Kann man eigentlich abschaffen, die Ergebnisse dieser Agentur sind unterirdisch. Kann man mit der Bahn vergleichen.

  • 4
    1
    Zeitungss
    21.01.2019

    @HHCL: Wir kommen in dieser Problematik zwar selten zusammen, Ihren letzten Satz kann ich nur unterstreichen, auf diese Idee kommt in Sachsen leider kein Mensch, Folgen bekannt. Änderung ist unter den derzeitigen Gegebenheiten nicht in Sicht.

  • 5
    1
    HHCL
    21.01.2019

    @tbaukhage "...durch den Verbamtungswahn wird sich das schlagartig lösen..."

    Was soll sich da lösen? Die Verbeamtung ist kein Alleinstellungsmerkmal von Sachsen und wird kaum die erhofften Rückläufer bringen, da auch sonst überall verbeamtet wird. Reinste Augenwischerei.

    Wer soll den da kommen? Als Angebot wird man dann nach Hintersonstwo versetzt und darf noch fünf Seiteneinsteiger an die Hand nehmen und anlernen. Das ist so attraktiv wie Fußpilz.

    Man hätte das alles viel billiger haben können, hätte man vor Jahren ordentlich geplant und nicht auf Teufel komm raus gespart. Problematisch ist auch, dass diese Fachkräfte immer noch die Schulämter mit ihrer Kompetenz bereichern.

  • 15
    3
    tbaukhage
    21.01.2019

    Na sowas aber auch! Das konnte ja keiner ahnen. Aber nur Geduld, durch den Verbamtungswahn wird sich das schlagartig lösen...

  • 16
    3
    Zeitungss
    21.01.2019

    Wer hätte das gedacht ? Die Chemnitzer sollten sich beruhigen, es betrifft n i c h t nur sie. Bevor die 1,8 Mrd. Euro in Sachsen greifen, haben meine Enkel das marode Bildungssystem verlassen mit mehr oder weniger Bildung. Zusammenfassend kann gesagt werden, die Verantwortlichen haben schon vor Jahren ihr MÖGLICHSTES getan um es nicht zu so einer Situation kommen zu lassen. Es ging nur am Ziel vorbei und zwar landesweit. Bleibt die Frage, was haben die vorausschauenden und hochbezahlten Verantwortlichen die ganze Zeit getrieben, außer sich selbst gelobt?

  • 14
    2
    Lesemuffel
    21.01.2019

    Einfach nur noch traurig, diese Bildungsagentur. Ist eine Planung anhand der Anzahl der Geburten so schwer? Unsere Altvorderen hatten es doch meistern können. Die Verbeamtung löst offensichtlich nicht das Problem der fehlenden Lehrer.

  • 22
    2
    HHCL
    21.01.2019

    "Trotz aller Anstrengungen der Behörden ..."

    Von wem kommt denn diese Einschätzung? Sicher von der Behörde selbst, die glaubt sich angestrengt zu haben. Es wird Zeit, dass die Anstrengung in der Einstellungspraxis mal genau unter die Lupe genommen wird und zwar nicht von denen, die sie zu verantworten haben.

    Aus meiner Erfahrung ist man weder kreativ noch bereit ungewöhnliche Lösungen zu gehen. Man arbeitet weiterhin ausschließlich stur die Vorgaben der Landesregierung ab und was nicht vorgegeben wird, geht dann auch nicht. Ich nenne das "Dienst nach Vorschrift" und nicht "größte Anstrengung". Dass es nicht unendlich viele Seiteneinsteiger gibt, muss allen klar gewesen sein. Man hätte die Zeit, in der man mit diesen notdürftig die Lücken stopfen konnte, andere Lösungen suchen müssen. Nichts davon ist passiert. Traumtänzerei wie eh und je.

    Ich hoffe, dass der Unmut der betroffenen Schüler und Eltern in naher Zukunft die traute Heimeligkeit verlässt und sich in der Öffentlichkeit lautstark artikuliert. Dieses totale Versagen auf Kosten der Kinder ist nicht länger hinnehmbar. Wenn es schon im Wahljahr nicht geht, wie soll es denn dann in einem "normalen" werden.



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