Urteil gegen Unfallfahrerin stößt auf Unverständnis

Wegen fahrlässiger Tötung und Fahrerflucht hat eine 60-Jährige eine Bewährungsstrafe erhalten. Juristen finden das angemessen.

Brühl.

Die Kommentare in der Online-Ausgabe der "Freien Presse" und in sozialen Netzwerken sind einhellig: "Dieses Urteil ist ein Hohn, ein Menschenleben ist so wenig wert", heißt es dort, und: "Da kommt diese Frau aber gut weg, bei tödlichem Unfall mit Fahrerflucht". Die Äußerungen, aus denen Unverständnis spricht, beziehen sich auf ein Urteil des Chemnitzer Amtsgerichts vom Montag. Wegen fahrlässiger Tötung und Unerlaubten Entfernens vom Unfallort hatte es eine 60-jährige Chemnitzerin zu einer neunmonatigen Haftstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist, sowie einer hohen Geldstrafe verurteilt. Außerdem muss die Frau ihren Führerschein für vier Jahre abgeben und 3000 Euro Schmerzensgeld an die Eltern der Getöteten zahlen.

Das Gericht ist davon überzeugt, dass die Angeklagte mit ihrem Auto am Abend des 19. Dezember 2018 auf der Georgstraße eine 20-Jährige angefahren hatte, die in der Mitte der Straße stand. Die junge Frau war dadurch auf die Gegenfahrbahn geschleudert und dort von einem anderen Auto überrollt worden. Die 20-Jährige war noch an der Unfallstelle gestorben, die Unfallverursacherin jedoch einfach weitergefahren. Sie konnte kurze Zeit später mit Hilfe von Bildern einer Überwachungskamera ausfindig gemacht werden. Während der gesamten Verhandlung äußerte sie sich nicht selbst zu den Vorwürfen.

"Bei fahrlässiger Tötung gilt es, den Grad der Fahrlässigkeit abzuwägen", erläutert Birgit Feuring, Pressesprecherin des Amtsgerichts, auf Anfrage das von ihrem Richterkollegen Kai Schüler gefällte Urteil. An jenem Dezemberabend sei die Sicht auf der Georgstraße durch Dunkelheit, Regen und die Scheinwerfer entgegenkommender Autos eingeschränkt gewesen, zudem sei die Fußgängerin nicht durch den Zusammenstoß mit dem Auto der Angeklagten, sondern in der Folge durch ein anderes Fahrzeug getötet worden. Daher sei in diesem Fall die Geldstrafe angemessen.

Schwerer wiege die Unfallflucht, die das Gericht deswegen auch mit Freiheitsentzug geahndet habe. Da die Angeklagte nicht vorbestraft und bereits durch die Verhandlung und den Führerscheinentzug belastet war, sei das Aussetzen der Haftstrafe zur Bewährung gerechtfertigt.

Mit diesen Bewertungen stimmt auch die Chemnitzer Staatsanwaltschaft überein. Mit dem Urteil habe das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft entsprochen, dem sich auch die Vertreterin der Nebenklage, also der Eltern der Getöteten, angeschlossen hatte, sagt Sprecherin Ingrid Burghart. Die Staatsanwaltschaft habe daher keinen Grund, in Berufung zu gehen.

Rechtsanwalt Ludger Olbrich, der die Angeklagte verteidigt hat, überlässt es seiner Mandantin, ob sie Berufung beantragen will. Auch für ihn sei das Urteil in Anbetracht der Vorwürfe "absolut in Ordnung", sagt er. Er hatte allerdings Freispruch für die 60-Jährige gefordert, weil die Beweisaufnahme nicht eindeutig ergeben habe, dass sie am Steuer gesessen hatte.

4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    2
    ChWtr
    31.10.2019

    Nee cn3 - fahrt nicht zu. Freie Fahrt für freie Bürger gilt nur, wenn tatsächlich alles FREI ist (...) und dann auch nur angemessen der Situation. Ja - manche sind halt (immer) frei, ich weiß. Schlimm.

    Was sich alles strafmildernd auswirkt ist der blanke Wahnsinn. Für mich hat sich diese Person schon allein deshalb disqualifiziert, dass sie den Eltern der getöteten Tochter keine Anteilnahme zeigen konnte. Sie wollte offenbar damit kein Schuldeingeständnis "zugeben". Menschlich für mich absolut schäbig - und so Eine (...) kommt offenbar im weiteren Alltag mit der Schuld auch noch klar!? Fahrerflucht kommt noch dazu - also wie kann man so weiterleben mit dieser Schuld (...)
    Außerdem hat diese Person auch noch einen anderen Verkehrsteilnehmer in den "Schlamassel" mit reingezogen - ganz schlimm und einfach nur furchtbar. Hoffentlich zerbrechen die Eltern an diesem Schicksalsschlag nicht.

  • 11
    0
    Einspruch
    31.10.2019

    Wenn man den Bericht in der FP liest, drängt sich einem der Verdacht auf, das die Unfallverursacherin sich bis jetzt nicht mit ihrem Unfall und den Folgen auseinandersetzen will . Klar kann man die Aussage verweigern und muss sich nicht selbst belasten, aber wenn der Verteidiger sagt, es wäre nicht zweifelsfrei festgestellt worden, ob sie am Steuer gesessen hätte. Also bitte, dann ist die ganze Verhandlung für die Dame nur eine nervende Veranstaltung, sie hätte ja die Zweifel ausräumen können, ob sie gefahren ist. So aber ist es meiner Meinung nach bis jetzt nicht zur Einsicht gekommen, das sie sich falsch und rücksichtslos verhalten hat. Ein Unfall kann jedem passieren, aber das Verhalten danach finde ich unentschuldbar.

  • 0
    3
    kartracer
    31.10.2019

    @cn3boj00, "Jetzt versteh ich auch," nein eben nicht!
    Warum wohl hatte ich mich vorangegangen, zu einer "Relativierung" von Straftaten oder Vergehen geäußert, weil sie eben im Strafprozess eine sehr große Bandbreite bietet, und es im Bußgeldverfahren nur vereinzelte feststehende Staffelungen gibt.
    Warum bekommen 2145 Kraftfahrer Post, wenn IHRE Feststellung einen Sinn ergeben soll?

  • 9
    7
    cn3boj00
    30.10.2019

    Jetzt gibt es also nicht mehr nur für Besoffensein, sondern auch für Regen und Dunkelheit mildernde Umstände, denn man kann da keine besondere Vorsicht erwarten. Das ist in einem Autoland nicht mehr angemessen. Jetzt versteh ich auch, warum sich nachts niemand mehr an Verkehrszeichen halten muss, sind die doch schwerer zu erkennen als am Tag. Also Leute, fahrt zu!



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