Verbotene Fotos eines brisanten Spiels

Als die Fußballauswahl der DDR 1963 gegen ein Team der BRD antrat, war Jean Matthias Dathe als Balljunge im Stadion des Sportforums dabei. Und auch sein Vater stand am Spielfeldrand - obwohl er das nie gedurft hätte.

Welche Brisanz in diesem Duell steckte, das er sich da ganz in Ruhe direkt am Spielfeldrand anschaute, wusste Jean Matthias Dathe damals nicht. Er war 14 Jahre alt und an diesem 15. September 1963 als Balljunge eingeteilt. Auf dem Rasen im Stadion von Karl-Marx-Stadt standen sich die Fußballauswahlen aus Ost- und Westdeutschland gegenüber. Es ging darum, welches Team mit der gesamtdeutschen Delegation zu den Olympischen Spielen 1964 nach Tokio fährt. 54.000 Zuschauer kamen zu diesem Hochsicherheitsspiel und ertrampelten sich fast auf den Rängen. Jean Matthias Dathe hatte beste Sicht - genau wie sein Vater Karl.

"Ich war damals 14 Jahre alt und habe mit der Karl-Marx-Städter Bezirksauswahl das Vorspiel gegen eine Berliner Auswahl bestritten", sagt Jean Matthias Dathe. "Schon dort waren mehr als 50.000 Fans im Stadion. Das war schon besonders." Nach dem eigenen Spiel durfte der junge Fußballer das Spiel, das die DDR mit 3:0 gewann, aus nächster Nähe verfolgen.

Dass er das gemeinsam mit seinem Vater machen konnte, ist aber die eigentliche Geschichte, die Jean Matthias Dathe jetzt für eine Fernsehdokumentation erzählt hat. "Das Spiel war komplett ausverkauft, mein Vater hatte keine Chance, auf normalem Weg eine Karte zu bekommen", sagt der heute 71-Jährige. Die Idee: Karl Dathe hatte sich bei anderen Spielen abgeschaut, wie die Schilder der Pressefotografen aussahen - und bastelte sich selbst eines. Er kam tatsächlich ungehindert ins Stadioninnere, wo er das ganze Spiel verfolgen und zahlreiche Fotos machen konnte. "Wäre das aufgeflogen - nicht nur die Kamera meines Vaters wäre weg gewesen. Sie hätten ihn ins Gefängnis gesteckt", sagt Jean Matthias Dathe. Es ging aber alles gut, und so konnten Vater und Sohn seelenruhig Stadionrunden drehen, während es auf dem Rasen in den Zeiten des Kalten Krieges nicht nur um den Sieg ging, sondern auch darum, wer sportpolitisch die Oberhand bei den Olympischen Spielen haben sollte.

"Mein Vater hat dann auch sehr viele Fotos vom Spiel gemacht. Die habe ich alle noch", sagt Dathe. "Darauf sind viele Spielszenen zu sehen, aber auch Helmut Schön." Der aus Dresden stammende Ex-Nationalspieler und spätere Bundestrainer war damals als Assistent von Cheftrainer Sepp Herberger nach Karl-Marx-Stadt gekommen. "Als er einmal auf das Feld lief, um einem verletzten Spieler zu helfen, hat ihn das ganze Stadion gefeiert. Das war beeindruckend", erinnert sich Jean Matthias Dathe. Generell sei die Stimmung im Stadion sehr gut gewesen - was ganz sicher auch am Ergebnis lag.

Dass Jean Matthias Dathe seine Geschichte und die seines Vaters im Fernsehen erzählen kann, liegt auch an "Freie Presse". In einem Bericht über das Länderspiel in Chemnitz und die geplante Dokumentation darüber gab es einen Aufruf, dass sich Zeitzeugen melden sollten. "Ich hatte gehofft, dass wir vielleicht einen oder zwei Zuschauer finden, die sagen, dass es schön war", sagte Regisseur Thomas Grimm während des Drehs am gestrigen Montag im Sportforum. "Es haben sich sieben Leute gemeldet. Und es gibt tatsächlich ähnlich verrückte Geschichten wie die von Herrn Dathe."


Dokumentation wird im Sommer 2020 im TV gezeigt

Regisseur Thomas Grimm arbeitet derzeit an einer Dokumentation über die damals letzte gemeinsame deutsche Olympiamannschaft, die zu den Spielen 1964 nach Tokio gereist ist. Darin geht es um Ausscheidungsspiele in verschiedenen Sportarten, die zwischen Mannschaften aus Ost und West ausgetragen wurden. Der jeweilige Sieger durfte zu Olympia.

Das Fußballspiel im September 1963 in Karl-Marx-Stadt ist ein Aspekt der Dokumentation, die im Vorfeld der Olympischen Spiele 2020 in Tokio im TV gezeigt werden soll. Das Hinspiel damals gewann die DDR mit 3:0, im Rückspiel in Hannover siegte die BRD mit 2:1 - die DDR fuhr also nach Tokio, wo sie den dritten Platz belegte.

Neben Interviews mit Zeitzeugenwurden am gestrigen Montag auch Luft- und Detailaufnahmen vom Stadion im Sportforum aufgenommen - gerade noch rechtzeitig, denn noch sieht das Stadion fast so aus wie 1963. Es wird aber derzeit saniert. (tre)

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