Verunsicherung und Frust bei Einzelhändlern in Chemnitz

Die seit Donnerstag in Sachsen gültige Verfügung, Läden und Geschäfte geschlossen zu halten, stößt auf geteilte Meinungen. Verärgerung gibt es über neue Ungerechtigkeiten, die der Erlass der Landesregierung mit sich bringt.

Seit Donnerstag 0 Uhr dürfen Einzelhändler in Sachsen ihre Läden und Geschäfte nicht mehr öffnen. Ausnahmen gelten für Lebensmittelmärkte, Drogerien, Apotheken, Banken, Tankstellen, Postfilialen, Friseure, Waschsalons sowie Bau-, Garten- und Tierbedarfsmärkte. In der Chemnitzer Innenstadt sind die Auswirkungen dieser Allgemeinverfügung des Sächsischen Sozialministeriums deutlich zu besichtigen: Nur wenige Passanten sind unterwegs, Andrang herrscht höchstens noch in den Drogeriemärkten.

In der Galerie Roter Turm haben noch 10 der insgesamt 55 Geschäfte geöffnet, sagt Centermanager Jörg Knöfel. Darunter sind Friseurgeschäfte, Augenoptiker und Gaststätten - mit einer Ausnahme: Die Restaurantkette Nordsee hat wie an anderen Standorten auch ihren Betrieb eingestellt. "Wir sind im Notmodus", so Knöfel. Die Frequenz in dem innerstädtischen Einkaufszentrum sei schon in den vergangenen Tagen wegen der Verunsicherung der Kunden deutlich zurückgegangen, am Donnerstag seien noch einmal weniger Leute unterwegs. Man müsse nun abwarten, wie es weitergeht, sagt der Centermanager. "Wir fahren auf Sicht und entscheiden von Tag zu Tag neu", so Knöfel. Nach seinen Worten gebe es schon jetzt Signale von Einzelhändlern, dass die Auswirkungen der Krise spürbar sind. Je länger die gegenwärtige Situation anhalte, desto dramatischer werde es, sagt Knöfel. Und damit steige nach seinen Worten auch die Wahrscheinlichkeit, "dass es kleine inhabergeführte Geschäfte nicht überleben werden", fügt er hinzu. Das Wichtigste für die Unternehmen seien jetzt schnelle und unbürokratische Liquiditätszuschüsse.

Wie groß die Verunsicherung auch unter den Einzelhändlern ist, zeigt das Beispiel der Buchhandlung Monokel an der Webergasse. Inhaberin Diana Winkler hatte sich am Morgen entschieden, ihren Laden ungeachtet der Verfügung regulär zu öffnen. "Abhol-, Bestell- und Lieferdienste sind ja weiterhin erlaubt, und das machen wir ja auch", begründet sie ihre Entscheidung. Am Donnerstagvormittag habe sie bereits vier Bücher verkauft, "Menschen suchen ja Antworten, und Bücher geben Antworten", sagt sie. Sie wolle ihren Laden jedenfalls so lange geöffnet halten, bis man sie zur Schließung zwingt, kündigt sie an.

Unsicherheit herrscht aber auch bei Augenoptikern. In der Allgemeinverfügung des Freistaats Sachsen ist hierzu nichts erwähnt. Man habe dennoch geöffnet, weil man ja Medizintechnik anbiete und außerdem als Handwerksbetrieb gelte, heißt es in einem Optikergeschäft in der Chemnitzer Innenstadt. Dennoch bewegen sich Optiker und auch Hörgeräteakustiker in der gegenwärtigen Situation in einer Grauzone. Von der Handwerkskammer Chemnitz heißt es, man gehe davon aus, dass Optiker und Hörgeräteakustikerker zum Gesundheitswesen zählen und daher geöffnet bleiben dürfen. Noch weniger eindeutig sei die Situation hingegen in der Dienstleistungsbranche: Friseure sind in der Allgemeinverfügung genannt, sie dürfen ausdrücklich öffnen. Was aber ist mit Fußpflege, Nagelstudio oder Kosmetiker? Dazu sagt die Verfügung nichts aus. Die Handwerkskammer, so heißt es auf deren Internetseite, dränge auf eine schnellstmögliche Klärung.

Regulär geöffnet hat am Donnerstag auch Daniel Bartzschke, Inhaber des Spirituosen- und Tabakhandels Georg Bliedung an der Straße der Nationen. Er habe sich extra bei einem Juristen des Handelsverbandes informiert, sagt Bartzschke. "Spirituosen und Wein gelten als Lebensmittel", begründet er. Dennoch gebe es nur wenige Kunden, die noch in seinen Laden kommen. "Höchstens ein paar Stammkunden, die Laufkundschaft ist komplett weg", fügt er hinzu.

Geöffnet ist auch der Wochenmarkt auf dem Chemnitzer Markt; auch sie sind in der Allgemeinverfügung des Freistaats ausdrücklich als Ausnahme aufgeführt. Einer der Händler, die dort ihre Waren anbieten, ist Mike Müller, Inhaber des Blumen- und Pflanzservice Chemnitz. Neben dem Stand auf dem Markt hat er noch drei Blumengeschäfte in der Stadt - alle drei musste er schließen. "Das ist existenzbedrohend", sagt er. Von seinen sieben Angestellten habe er bereits zwei in Kurzarbeit geschickt. Das einzige, was ihm helfen würde, sagt er, wären unbürokratische Zuschüsse. "Ein Kreditangebot bringt mir gar nichts", so Müller. Zugleich begklagt er die Ungerechtigkeit, die die Allgemeinverfügung mit sich bringe. "Gartenmärkte dürfen öffnen, und auch Discounter verkaufen Blumen und Pflanzen - nur wir kleinen Blumenhändler müssen unsere Geschäfte schließen."


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