VHS Chemnitz: Eine Schule für alle

Vor 100 Jahren wurde die Volkshochschule gegründet. Heute wie damals fungiert sie auch als schnelle Eingreiftruppe.

Es ist eine Vision gewesen, die Chemnitzer Fabrikanten, Lehrer und Oberbürgermeister Hübschmann ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verwirklichten. "Einen vollkommen neuen Lernort für alle zu schaffen", lautete ihr Ziel. Insbesondere für Arbeiter und Angestellte sollte ein Ort zum Lernen entstehen. So wurde 1919 die Volkshochschule (VHS) gegründet. Trotz des Krieges und der damit verbundenen Not schaute die Stadt nach vorn, berichtet die heutige VHS-Leiterin Grit Bochmann. Und nach vorn schauen - das verbanden die Stadtväter mit Bildung und Aufklärung.

Ein Blick in die Kurse der ersten Stunde zeigt eine Themenvielfalt und Inhalte, die heute noch aktuell sind. Wissen aus Geistes- und Naturwissenschaften wurde ebenso vermittelt wie über gesundes Leben, berichtet Bochmann. Aber auch Rechnen, niederländische Malerei sowie Seminare über Johann Sebastian Bach und Shakespeare konnten die Chemnitzer 1919 belegen. "Das Programm war von Anfang an breit aufgestellt", urteilt die heutige Chefin. Die Teilnahme an einem Kurs kostete 1 Mark. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Butter war gut 9 Mark teuer. Wahrscheinlich habe der erschwingliche Preis für Bildung dazu beigetragen, dass die Volkshochschule gleich ein Erfolg wurde, meint Bochmann. Mehr als 7000 Hörer nutzten im ersten Jahr das Angebot der VHS. 2018 waren es rund 31.800 Frauen und Männer, die einen Kurs belegten.

In der damaligen Zeit habe die Volkshochschule ähnlich wie heute als eine Art schnelle Eingreiftruppe fungiert, sagt Bochmann. Werden über die Einrichtung derzeit verstärkt Sprachkurse für Flüchtlinge angeboten, widmete sich die VHS kurz nach ihrer Gründung besonders der Bildung von Frauen. Da viele Männer im Krieg geblieben waren, mussten sie plötzlich die Rolle des Ernährers übernehmen, blickt die heutige Leiterin zurück. Entsprechend bot die VHS Kurse für Frauen an. Die Einrichtung habe als ein Zentrum der Emanzipation gegolten. "Die Frauen wollten sich bilden", betont Bochmann. Ein Hintergrund sei sicher auch die Einführung des Frauenwahlrechts 1919 gewesen. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise habe sich die VHS dann verstärkt um die zahlreichen Erwerbslosen in der Stadt gekümmert. Für sie habe es spezielle Angebote gegeben. Hierin sieht Ralph Burghart, Bürgermeister für Kultur und Bildung, die wichtigste Aufgabe der VHS. Die Idee einer Bildungsstätte für alle sozialen Schichten, die zugleich ein Ort der Begegnung ist, sei mit der Gründung 1919 verwirklicht worden, sagte er. Dieser Leitgedanke sei heute noch so aktuell wie damals.

Einen festen Lernort mit Geschäftsstelle gab es vor 100 Jahren noch nicht. Die Gründung erfolgte in einem Privatraum, so Bochmann. In Schulen der Stadt wurden Räume für Kurse angemietet. Die erste offizielle Geschäftsstelle befand sich in der alten Friedrichstraße im Herzen der Stadt. Doch den Straßenzug gibt es nicht mehr. Er wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Seit 2004 hat die VHS im Tietz ihr Zuhause. In der vierten und fünften Etage unterrichten etwa 400 Lehrer aus über 30 Ländern in 33 Kursräumen.

Das Sommersemester der VHS beginnt am 4. März. Informationen zum Kursangebot im Internet unter www.vhs-chemnitz.de.

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