Videoüberwachung: Runkel schließt Kehrtwende nicht aus

Der Bürgermeister will untersuchen lassen, ob die neuen Anlagen im Stadtzentrum wirklich mehr Sicherheit bringen. Kritiker fürchten indes gegenteilige Effekte.

Bringen die neuen Überwachungskameras tatsächlich ein Plus an Sicherheit für die Innenstadt und ihre Besucher? Wenige Wochen vor der Inbetriebnahme des Systems gehen die Meinungen in dieser Frage unverändert auseinander. Und mittlerweile wird bereits über mögliche Konsequenzen diskutiert: Was, wenn die mehrere Hunderttausend Euro teure Technik keinen Rückgang der Kriminalität bewirken sollte?

Dann könnten die Kameras unter Umständen wieder außer Betrieb genommen oder sogar abgebaut werden. Mit dieser Aussage überrascht Ordnungsbürgermeister Miko Runkel. "Wir werden auf jeden Fall evaluieren, was das bringt", sagte er auf einer von Bündnis 90/Die Grünen veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema. Auch ein Abbau der Anlagen sei nicht ausgeschlossen, so der Bürgermeister. "Das könnte eine mögliche Konsequenz sein", sagte er wörtlich.

Wie ein Erfolg der Videoüberwachung gemessen werden soll, dazu äußerte Runkel sich nicht - die für die Straftatenerfassung zuständige Polizei war bei der Veranstaltung nicht dabei. Allgemein erwartet wird, dass sich in den überwachten Bereichen künftig weniger Straftaten ereignen werden. Dafür, so die Befürchtung, dürften anderswo die Zahlen steigen. "Es wird Verdrängungseffekte geben, keine Frage", räumt auch der Bürgermeister ein.

Optimistisch zeigt sich indes David Joram, der zuständige Geschäftsbereichsleiter der CVAG. Der Nahverkehrsbetrieb wird künftig große Teile der Zentralhaltestelle und der Haltestelle am Roten Turm per Video überwachen lassen. "Wir erwarten uns davon einen deutlichen Rückgang von Sachbeschädigungen, nicht zuletzt an unseren Ticketautomaten", so Joram. Zudem hoffe das Unternehmen, dass gerade die Zentralhaltestelle von Fahrgästen und Mitarbeitern künftig wieder weniger als Problemorte empfunden werden. "Wir sind in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefordert worden, dass wir dort etwas tun müssen."

Mit dem Sicherheitsgefühl aber, das zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre, ist das so eine Sache. Der Stadtordnungsdienst wurde aufgestockt, die Polizei hat ihre Präsenz erheblich verstärkt. Die Kriminalitätszahlen im Stadtzentrum waren zuletzt - ganz ohne Kameras- binnen Jahresfrist deutlich zurückgegangen. Chemnitz gilt überdies im überregionalen Vergleich als eher sichere Stadt. Trotzdem wird insbesondere die Innenstadt noch immer verbreitet als gefährliches Pflaster wahrgenommen, nicht zuletzt von älteren Menschen. "Viele fühlen sich in der Stadt unwohl", heißt es immer wieder.

Diese Wahrnehmung, so meinen regelmäßige Besucher des Stadtzentrums, wäre womöglich eine andere, wenn nicht nur mehr Polizeifahrzeuge, sondern auch mehr Beamte zu Fuß unterwegs wären. "Gerade nachts, wo die Straßen manchmal menschenleer sind, brauche ich keine Kamera, die im Zweifelsfall zuguckt, wie ich überfallen werde, sondern einen Polizisten, der eingreift", meint eine Chemnitzerin.

Mehr Polizei auf der Straße? Diesem Ansatz könnten auch die Grünen etwas abgewinnen, die die Videoüberwachung als ein unterm Strich weitgehend wirkungsloses Unterfangen und überzogenen Eingriff in die Grundrechte ablehnen. Schlimmstenfalls könnte der Schuss sogar nach hinten losgehen, warnt Stadtrat Bernhard Hermann. "Im Grunde bestätigen wir mit den Kameras genau jenes Angstgefühl, das uns in der Stadt Probleme bereitet."


Kommentar: Belebt und verdrängt

Noch immer sorgt nahezu jede Woche irgendein Vorfall in der Innenstadt für Schlagzeilen, die Menschen verunsichern. Dennoch sind die Außenbereiche vieler Restaurants und Kneipen dort bis weit in den Abend hinein gut besucht. Zehntausende pilgern ins Zentrum, um Bier- und Wein- und Kleinkunst- und Streetfoodfeste zu feiern, Open-Air-Veranstaltungen zu besuchen. An die Dauerpräsenz von Polizei und Ordnungsamt scheinen die Chemnitzer sich längst gewöhnt zu haben. Selbst die gelegentlichen Großkontrollen sorgen mittlerweile kaum mehr für Aufsehen. Der Mix aus mehr Sicherheit und mehr Belebung, er trägt offenbar Früchte - allen Unkenrufen zum Trotz.

Die Videokameras können ein weiterer Baustein sein, zumindest einige Problemzonen wie die Zentralhaltestelle sicherer zu machen. Zu welchem Preis, das werden nicht zuletzt die zu befürchtenden Verdrängungseffekte zeigen.

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4Kommentare
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  • 1
    0
    Hinterfragt
    18.08.2018

    "...dass Straftäter zumindest den Bereich einer Videoüberwachung eher meiden werden...."

    Videoüberwachung gibt es in Kaufhausern und Läden schon seit zig Jahren, aber geklaut wird immer noch und mehr als je zuvor ...

  • 2
    0
    cn3boj00
    18.08.2018

    @fnor: richtig, weder Kameras noch Einsatzwagen verbessern die gefühlte Sicherheit. Doch es dürft unstrittig sein, dass Straftäter zumindest den Bereich einer Videoüberwachung eher meiden werden. Daher verstehe ich nicht, wieso sich die Verantwortlichen nicht vorher überlegt haben was sie tun, sondern meinen, sie könnten das jetzt irgendwie im nachhinein messen. Die Frage, ob eine Videoüberwachung gut oder eher falsch ist wird sich nie objektiv beantworten lassen, und es wird immer kontroverse Meinungen dazu geben. Aber das war eben auch schon vorher klar, weshalb ich zu den Äußerungen Runkels nur sagen kann: "denn sie wissen nicht, was sie tun".

  • 3
    0
    fnor
    17.08.2018

    Die Kameras verbessern mein Sicherheitsgefühl auch nicht. Es wirkt eher so, dass ein besonders gefährlicher Ort definiert wird. Für mich ist diese Überwachung ein weiterer Grund das Zentrum zu meiden. Diese Superkameras, hochauflösend und mit mehreren Objektiven, lösen eher ein gewisses Unbehagen aus.

  • 11
    4
    cn3boj00
    17.08.2018

    Was ist in dieser Stadt los? Da gibt man fast eine Million aus, um das dann wieder in Frage zu stellen? Eigentlich kann man sich das doch vorher ausmalen: Eine Videoüberwachung führt dazu, dass die überwachten Plätze sicherer werden, und das ist für die Zenti oder den Stadthallenpark gut. Gleichzeitig werden Straftäter an andere Orte ausweichen. All das war doch vorher schon klar. Was will man da jetzt messen?
    Darüber hinaus ist auch von uns Bürgern des langen und breiten dargelegt worden, dass Polizei in Einsatzwagen das Sicgherheitsgefühl nicht verbessert, sondern eher negativ beeinflusst, da man ständig daran erinnert wird das dauernd etwas passieren kann. Ganz anders mit Fußstreifen, mit Polizisten die Teil der Menschen in der Innenstadt sind. Aber dazu schweigt man sich aus. Zu Fuß gehen ist offenbar keine Option mehr für die geplagten Ordnungshüter.
    Zum dritten muss man sagen, dass es nicht verwundert, wenn die Innenstadt als gefährliches Pflaster wahrgenommen wird, vor allem von den menschen die sich dort gar nicht aufhalten. Das ist schlicht den Medien geschuldet. Jede Kleinigkeit die im Zentrum passiert wird medial ausgeschlachtet, der Anteil an Negativschlagzeilen übersteigt den an positiven bei weitem. Was dagegen in Altchemnitz oder Helbersdorf passiert ist eher Nebensache. Insgesamt werden ja auch von der FP durch die Art der Berichterstattung eher Vorurteile geschürt als abgebaut, der Imageschaden ist zu großen Teilen hausgemacht.



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