"Vielleicht werden die Leute offener"

Freie Presse: Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass sich Chemnitz als Kulturhauptstadt bewerben möchte?

Isabelle Weh: Der spontane Gedanke, aus dem Bauch heraus war: Jetzt sind sie wahnsinnig geworden.


Und wie ist das heute?

Jetzt weiß ich etwas mehr, um was es geht. Den Anstups oder die Welle, die das bisher ausgelöst hat, finde ich sehr positiv. Es wird viel angeregt, viel umgesetzt, und die Kulturleute kommen viel mehr ins Gespräch. Darum denke ich heute: Ja klar, das ist eine gute Sache.

Können Sie Beispiele dafür nennen, was sich verändert hat?

Die ersten fünf, sechs Jahre, die wir hier waren, hatten wir recht wenig Kontakt zu anderen Künstlern. Jetzt, durch dieses ganze Vernetzen und die Treffen, die organisiert werden, kommt man schneller ins Gespräch und überlegt, mit Kooperationen auch größere Sachen auf die Beine zu stellen. Generell ist die Kommunikation besser geworden, auch zwischen Künstler und Kulturbüro.

Wie erleben Sie die Stadt? Was müsste sich noch verändern?

Ich merke es immer stark, wenn ich mal wieder in anderen Städten bin. Wir waren neulich zum Beispiel in Leipzig. Da ist schon ein ganz anderes Flair auf den Straßen. Überall Kneipen und Cafés, die Leute sitzen draußen. Da merkt man, Chemnitz ist noch hintendran. Wahnsinn! Ich war letztens zum Beispiel in der Spinnerei. Und nachts um drei kommt man da nicht mehr weg. Da fährt kein Nachtbus, nicht mal zur Zentralhaltestelle, auch keine Taxen. Wir sind dann zur Zentralhaltestelle gelaufen. Oder ein anderes Beispiel: Wir saßen neulich in einer Pizzeria hier in Rabenstein, draußen, abends um 19 Uhr und hatten's lustig mit sieben, acht Leuten. Und da haben uns andere Gäste einen Stinkefinger gezeigt, weil wir lustig und laut waren. Es wäre schon schön, wenn die Chemnitzer echt mal noch bisschen entspannter werden würden. Auch beim Ausgehen. Ich sammle mit meiner Freundin am Wochenende oft Stempel, weil wir von Club zu Club ziehen und nirgends ist was los.

Meinen Sie, die Kulturhauptstadtbewerbung kann etwas in dieser Hinsicht bewirken?

Ich glaube schon, dass im Zuge der Bewerbung eine bessere Vernetzung, also mehr öffentliche Verkehrsmittel, stattfinden wird. Ich könnte mir vorstellen, dass auch durch so Sachen wie das Hutfestival oder kleinere Festivals, wo die Leute einfach mehr rauskommen und nicht so in ihrem Trott zwischen zu Hause und Garten sind, sie vielleicht offener und gelassener werden.

Gibt es konkrete Dinge, die Sie sich für die Bewerbung wünschen würden?

Generell sollte es eine bessere Vernetzung, sowohl werbetechnisch als auch verkehrstechnisch, von den bereits existierenden Kultur-Orten geben. Also, dass die Leute die Chance haben, da auch hinzukommen. Und dass nicht nur Neues entsteht, sondern dass auch das Bestehende mit gewürdigt wird. Es wäre halt schön, wenn diese Orte ausgeschildert wären. Und wenn es ein Heft gäbe, wo das alles aufgeführt und erfasst ist. Denn weil Chemnitz so groß und das alles so verteilt ist, geht vieles unter.

Mit welchen Dingen könnte Chemnitz punkten?

Na zum Beispiel was wir hier machen, das wäre in keiner anderen Stadt möglich. Wir müssen nicht irgendeine Nische bedienen, sondern können einfach die Kunst machen, die uns gefällt.

Woran liegt das?

Hier ist vieles noch nicht so abgegrast. Vieles ist im Entstehen, man ist bei vielem Neuen dabei. Das hat Aufbruchcharakter und es macht Spaß, dabei zu sein. Die Leute sind auch noch nicht so abgeklärt. Das merke ich bei den Zuschauern. Man hat selten einen Anrufer, der einfach nur schnöde Karten reserviert. Sondern man hört: Ah, wir freuen uns, wie schön, dass Sie da sind. Diese Wertschätzung hätte man in Berlin, Hamburg oder München sicher nicht.

Gab es in den neun Jahren hier auch mal den Punkt, wo Sie überlegt haben, doch in eine buntere, coolere, lautere Stadt zu gehen?

Nun ja. Wir haben einen Sohn, der hat eine relativ dunkle Hautfarbe. Als es diese fremdenfeindlichen Ausschreitungen vor einem Jahr gab, haben wir uns überlegt, dass wir keine Lust haben, dass unser Sohn in einer Stadt groß wird, wo er auch nur ansatzweise Probleme kriegt deshalb. Also das wäre ein Punkt für uns, eine Stadt zu verlassen. Aber an dem Punkt ist es noch nicht. Vom Theater her, klar gab es Höhen und Tiefen, aber wir fühlen uns inzwischen sehr gut angenommen und akzeptiert, auch von den Nachbarn hier, die am Anfang gesagt haben: Sie bleiben keine drei Monate, das geht doch nicht.

Können Sie sagen, ob Ihre Zuschauer hinter der Kulturhauptstadt-Bewerbung stehen?

Die meisten sind sehr offene, kulturliebende Menschen. Die sind alle dafür, glaube ich. Die Frage ist eher, wie man an die Leute kommt, die weder ins Theater noch zu Konzerten wie "Wir sind mehr" gehen.

Wie gefällt Ihnen der Slogan "Aufbrüche"?

Es ist rein geschichtlich nachvollziehbar, was sie damit meinen. Aber ich finde ihn ein bisschen fad. Er hätte etwas poppiger, jugendlicher sein können.

Weitere Interviews der Reihe "Chemnitz 2025" können Sie nachlesen unter www.freiepresse.de/chemnitz2025


Isabelle Weh

Die Schauspielerin wurde in der Schweiz geboren und wuchs am Bodensee auf. Zunächst besuchte sie die Musicalschule in Hamburg, wechselte dann auf eine Schauspielschule in Berlin. Es folgte ein Engagement in Singen, wo sie ihren Lebenspartner, den Schauspieler Hardy Hoosman kennenlernte. Mit ihm kam sie vor neun Jahren nach Chemnitz, wo sie das Fritz-Theater gründeten. Weh ist die Direktorin des Theaters. (jpe)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    Einspruch
    23.08.2019

    Blackadder: Sie glückliche. Ich dachte schon, Sie erfinden manchmal was.

  • 2
    3
    Blackadder
    23.08.2019

    @Einspruch: Ein Theater hat in der Regel Abends geöffnet, da haben die meisten frei. Ansonsten müssen Sie sich nicht meinen Kopf zerbrechen, ich arbeite genug, keine Angst.

  • 4
    2
    Einspruch
    22.08.2019

    Ja Blackadder, Fritztheather ist schön. Aber wo Sie immer überall dabei gewesen sein wollen, wann arbeiten Sie? Also wir kommen zu fast nichts, soviel Freizeit ist ja unglaublich.

  • 0
    8
    Interessierte
    22.08.2019

    Interessante Lebenslauf .....
    Aber ich bleibe so , wie ich bin ...

  • 10
    4
    Blackadder
    22.08.2019

    Was ich noch vergessen hatte: Ich finde es unfassbar toll, was Frau Weh mit Ihrem Mann hier in Chemnitz auf die Beine gestellt hat. Das Fritz Theater bietet eben nicht nur große Kultur (wie manchmal das Schauspielhaus), sondern spricht mit seinem Angebot die Leute an, will unterhalten und schafft das auch sehr gut. Ich gehe sehr gerne hin (müsste aber viel häufiger!) und kann es jedem empfehlen.

  • 9
    4
    Blackadder
    22.08.2019

    Ich hatte dieses Jahr die Möglichkeit im Urlaub Kaunas in Litauen zu besuchen, welches 2022 europäische Kulturhauptstadt sein wird. Auch heute schon kann man merken, wie die Stadt sich dafür schön macht, sich vorbereitet und aufgewertet wird. Die Städte, die bisher diesen Titel trugen, aber alle davon profitiert: mehr Touristen, mehr europaweite Aufmerksamkeit, aber auch bessere Infrastruktur, ein besserer Zusammenhalt in der Zivilgesellschaft und natürlich viel viel Kultur (wobei der Kulturbegriff ja ein sehr weiter ist). All das kann Chemnitz nur gut tun.

  • 1
    14
    Urlaub2020
    22.08.2019

    In dieser Stadt gibt es genug Probleme erst mal die Baustellen in Ordnung bringen, und irgendwann eine Bewerbung als Kulturhauptstadt in Angriff nehmen.



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