Von Chemnitz nach New York und zurück

Die Kunst von Jean Schmiedel galt jahrelang als Geheimtipp. Dann wurde ein amerikanischer Galerist auf ihn aufmerksam und holte ihn für eine Ausstellung in die USA. Wie hat sich das Leben des Künstlers seitdem verändert? Ein Besuch.

Jean Schmiedel ist dem Sonnenberg treu geblieben. Noch immer wohnt er in dem markanten Gründerzeithaus am nordwestlichen Rand des Stadtteils, wo sich seit Jahren auch sein Atelier befindet. Und doch ist einiges anders als noch vor einem Jahr. Während er damals noch eine dunkle Bleibe in der ersten Etage bewohnte, sein Bett eingerahmt inmitten einer kunstvoll aus Papier und Gips erstellen Miniatur-Stadt, lebt er heute ein Stockwerk höher in einem hellen, großzügigen Apartment.

Holzdielen, asiatische Möbel, ein schweres Ledersofa und überall an den Wänden seine großformatigen Porträts - düstere Frauen und Männer, gefangen in ihrer eigenen Welt aus Lebenslust und Lebensleid. "170 Quadratmeter hat die Wohnung", sagt Schmiedel beinahe ein bisschen stolz und fügt an, er habe es Anfang September fast ein wenig bedauert, nach New York fliegen zu müssen zur Ausstellungseröffnung. "Ich wollte doch weiter meine neue Wohnung einrichten", sagt er, und man nimmt ihm seine Bodenständigkeit durchaus ab.

Es sei die gravierendste Veränderung in seinem Leben, sagt Schmiedel. Er müsse nun keine Angst mehr haben, seine Rechnungen nicht zahlen zu können; der Kühlschrank sei voll, er ist gerade zurückgekehrt von einem zweiwöchigen Mallorca-Urlaub. Zurücklehnen aber, nein, das gehe natürlich nicht. "Ich hab' an den letzten vier Tagen 15 Bilder gemalt", bekennt er.

Produktiv war Jean Schmiedel schon immer. Kaufen jedoch wollten seine Kunst nur wenige. Ein großformatiges Ölgemälde sei vielleicht für ein paar hundert Euro zu haben gewesen, erinnert er sich. Er sei manchmal früh aufgestanden und habe überlegt, wem er seine Bilder noch zum Verkauf anbieten könnte.

Die Zeiten sind vorbei. Heute klingelt morgens höchstens mal das Handy - man möchte vorbeikommen und schauen, welche Bilder noch da sind, vielleicht nehme man gleich mehrere mit. Dabei kostet Schmiedels Kunst heute ein Vielfaches im Vergleich zu vor einem Jahr. Und dennoch strömen Kunstliebhaber und Geldanleger in sein Atelier auf den Sonnenberg, wo sie sich für alles interessieren, was Schmiedels Unterschrift trägt. Seit der Künstler beim New Yorker Galeristen Georges Bergès unter Vertrag steht, hat er einen Namen in der Kunstwelt. Und mit diesem Namen ist das Versprechen verbunden, dass seine Bilder in den nächsten Jahren an Wert zulegen werden, sehr deutlich sogar, womöglich.

Für Jean Schmiedel heißt das, mittlerweile, gut von seiner Kunst leben zu können. Die Ausstellung in Manhattan sei "ein Riesenerfolg" gewesen, sagt er. Der Großteil der Bilder sei schon kurz nach der Eröffnung der Ausstellung verkauft gewesen. Und er habe viele Menschen kennengelernt, so Schmiedel, schwerreiche Kunstsammler, Industriebosse, Galeristen und Vertreter großer amerikanischer Kunstmuseen. Zwar seien seine Englisch-Kenntnisse noch immer überschaubar; Freunde haben für ihn gedolmetscht. Gut so, denn Jean Schmiedel musste Interviews geben für TV-Sender, sogar das japanische Fernsehen war da.

Was macht all das mit einem Menschen, der bisher nicht wusste, wie er am Monatsersten die Miete zahlen soll? Jean Schmiedel gibt sich unbefangen. Er wolle so bleiben, wie ihn die Leute kennen, sagt er. Er geht weiter nachmittags in die Sachsen-Allee, um dort einen Kaffee zu trinken. Ein Auto habe er nie besessen, sagt er, warum sollte er sich jetzt eins anschaffen? Stattdessen radelt er durch Chemnitz, wo ihn die Leute schon immer kennen und erkennen, ihn heute obendrein aber auch noch ansprechen. "Mensch, sind Sie nicht der Typ, der seine Bilder in New York ausgestellt hat?", fragen sie dann. Und sie freuen sich mit ihm, weil er einer von ihnen ist, der es vom Sonnenberg bis nach New York geschafft hat - war kann das schon von sich behaupten?

Dann wird Jean Schmiedel nachdenklich. Die neuen finanziellen Möglichkeiten ermöglichten es ihm nun endlich auch, sich künstlerisch weiter zu entwickeln, sagt er. In seinem Atelier stehen dutzende Figuren, Büsten, Plastiken - allesamt aus Keramik. Gips oder Ton. Jetzt könne er sie endlich auch in Bronze gießen lassen, das wollte er schon immer, nur leisten konnte er sich das bisher nicht. "Mein Kopf ist immer unruhig, ich habe noch massig Ideen", erklärt der Künstler. Ob er sich denn endlich so fühlt, als ob er es geschafft hat, will der Reporter wissen. "Überhaupt nicht", entgegnet der Gefragte. Er habe es höchstens auf ein Sprungbrett geschafft, mehr aber auch nicht. "Ich habe noch viel vor. Absolut."

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