Von einer Kindheit in Chemnitz

Eine Hilbersdorferin hat über die Erinnerungen ihres Großvaters an die 1930er- und 1940er-Jahre ein Buch veröffentlicht. Das ist auch ein Dokument der Stadtgeschichte.

Weihnachten im Jahr 2007: In Hilbersdorf hat sich die Familie von Rolf Schumann versammelt. Bei gedämpftem Licht und in weihnachtlicher Stimmung wird erzählt und gelacht. Dann greift Rolf Schumann nach einem Hefter. Auf mehreren Zetteln hat der damals 76-Jährige seine Erinnerungen an ein Weihnachtsfest niedergeschrieben, das er als Kind im Chemnitz der 1930er-Jahre erlebt hat. "Ich erinnere mich noch, dass ich mir in diesem Jahr zu Weihnachten Schneeschuhe mit Stecken aus Bambusrohr gewünscht habe", beginnt er zu erzählen.

Ob er die ersehnten Ski dann wirklich bekommen hat, wird in einem Buch verraten, das Rolf Schumanns Enkelin Jenny Heinicke mit Hilfe der Erinnerungen ihres Großvaters veröffentlicht hat. Zunächst in einer kleinen Auflage für die Familie, konnte sie ihrem Großvater das Buch "Meine Kindheit in Chemnitz" an seinem 78. Geburtstag im Jahr 2009 überreichen. Im Dezember 2018, rund zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Rolf Schumann, erschien das Buch schließlich in einer größeren Auflage und ist seitdem im Handel erhältlich.

Rolf Schumann, im Juli 1931 in Chemnitz geboren, erzählt in dem Buch von seiner Kindheit in der Stadt in den 1930er- und 1940er-Jahren. Auf mehr als 220 Seiten und in 40 Kapiteln, die beispielsweise mit "Schlendern übern Weihnachtsmarkt" und "Vorfall in der Linie 8" überschrieben sind, erzählt Schumann von Erlebnissen mit seinen Freunden sowie seinem Bruder Heinz und den Eltern Martha und Richard, mit denen er in einem Haus an der Frankenberger Straße wohnte. Auch die Schul- und Lehrzeit sowie der Krieg nehmen im Buch, das zahlreiche historische Fotos enthält, großen Raum ein.

Besonderen Wert hat Jenny Heinicke, die ebenfalls in Hilbersdorf aufgewachsen ist, auf die Gestaltung des Buches gelegt. Auf den Klappen des Schutzumschlages werden beispielsweise alte Begriffe wie etwa Aschkästen und Schutzmann erläutert. Beim Lesen der Erinnerungen ihres Opas sei sie selbst über solche Bezeichnungen gestolpert. "Ich dachte, dass es interessant sei, diese Begriffe zu erklären", sagt die 39-Jährige. Außergewöhnlich ist auch, dass dem Buch eine illustrierte Straßenkarte der Stadtteile Hilbersdorf und Ebersdorf aus der Zeit um 1940 beiliegt. Darauf sind wichtige Orte, Straßen und Plätze eingetragen, die für die Familie Schumann von Bedeutung waren. So ist der ehemalige Filmpalast Ebersdorf, in dem Rolf Schumann mit seinen Freunden oft Filme angeschaut hat, ebenso eingezeichnet wie seine ehemalige Schule, der Milchladen und die Nervenklinik an der Dresdner Straße. In dem Krankenhaus arbeitete sein Vater als Pfleger.

Dem Leser soll es mithilfe dieser Details ermöglicht werden, die im Buch beschriebenen Streifzüge ihres Großvaters und seiner Freunde nachzuvollziehen und erlebbar zu machen, hofft Jenny Heinicke. "Über das Lesen hinaus hat das Buch so einen Mehrwert für den Leser", sagt sie.

Die Gestaltung von Büchern ist mehr als ein Faible von Jenny Heinicke, die nach der Schule in Chemnitz zunächst eine Ausbildung als Gestalterin absolvierte. Anschließend studierte sie Gestaltung und Design und arbeitet seit nunmehr 13 Jahren in der Schweiz. In Zürich betreibt die zweifache Mutter ein eigenes Büro. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Verlagen hat sie mehrere Bücher gestaltet; jüngst erschien ein Architekturführer im Handel.

Als sie die vielen, von ihrem Großvater beschriebenen Blätter mit Geschichten von früher gesehen habe, sei ihr schnell der Gedanke gekommen, daraus ein Buch zu machen. "Das hat sicher auch mit meinem Beruf zu tun", sagt sie. In einem Album und in Briefumschlägen fand sie alte Fotos der Familie sowie von Stadtansichten, darüber hinaus recherchierte sie auch im Stadtarchiv. Mit Unterstützung von Angehörigen und Freunden entstand das Buch "Meine Kindheit in Chemnitz". Ein Teil der Herstellungskosten wurde durch eine Sammel- aktion im Internet gedeckt. An der Gestaltung des Buches habe sie keine Abstriche machen wollen, betont Heinicke. "Denn mir war es wichtig, dass das Buch ein persönliches Dokument der Erlebnisse meines Großvaters, aber auch der Chemnitzer Stadtgeschichte bleibt", so Heinicke. Zwar habe ihr Großvater das Erscheinen des Buches in großer Auflage nicht mehr erleben können, "doch sein Wunsch ist doch noch in Erfüllung gegangen", sagt seine Enkelin.

Wenn Jenny Heinicke heute an ihren Großvater denkt, dann hat sie noch immer das Bild eines rüstigen älteren Herrn im Kopf. "Er war oft unterwegs, ist auch viel gereist", erinnert sich die 39-Jährige. Mit dem Schreiben habe er in den 1990er-Jahren begonnen, als seine Frau Isolde erkrankte. Doch ihr Großvater habe seinen Kindern schon immer gern Geschichten erzählt, weiß Jenny Heinicke.

Ein Lieblingskapitel im Buch habe sie nicht. Es sei vielmehr die Fülle dessen, was ihr Großvater in der doch relativ kurzen Zeitspanne zwischen 1931 und 1947 erlebte, die sie beeindruckt habe, sagt sie.

Die Lesung findet am Donnerstag, 21. Februar, um 17 Uhr im Tietz, Moritzstraße 20, statt. Der Eintritt ist zur Lesung frei. Das Buch "Meine Kindheit in Chemnitz" ist in allen "Freie Presse"-Shops zum Preis von 19,95Euro erhältlich.

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