Vor Ratsdebatte zum Stadionturm: Fraktionen sind gespalten

Die Zukunft des sogenannten Marathonturms im Sportforum wird erneut Thema im Stadtrat. Dabei hat das Gremium den Abriss eigentlich schon beschlossen. Wegen der erneuten Abstimmung dürfte so manches Ratsmitglied in ein Dilemma geraten.

Bernsdorf.

Vor zwei Jahren hatten die Stadträte mit dem Handlungskonzept für das Sportforum nahezu einstimmig auch den Abriss des Turms im Hauptstadion beschlossen. Zur Begründung hieß es aus dem Rathaus, das Turmgebäude habe "wegen gesundheitsschädlichen Pilzbefalls" gesperrt werden müssen. Von den anwesenden 51 Stadträten stimmten damals 50 dem Abrissvorhaben zu, nur ein Ratsmitglied votierte dagegen.

Mittlerweile ist die Frage der Zukunft des Turms zum Politikum geworden. Das Landesamt für Denkmalpflege hatte der Stadt mitgeteilt, sollte ein Abriss-Antrag für das Bauwerk bei der Behörde in Dresden eingehen, werde er umgehend abgelehnt. Der Turm sei ein Kulturdenkmal, begründete Abteilungsleiter Michael Kirsten. "Das ist ein historisches Zeugnis, wenngleich aus einer dunkleren Epoche", erklärte er und fügte hinzu: "Aber auch diese Zeugen gehören zur Geschichte."

Genau diese Geschichte ist das Problem: Der Turm war ebenso wie das Stadion in den 1930er-Jahren errichtet worden, die Eröffnung fand statt am 18. September 1938. Der Stadionturm sei damals, so sagt es die heutige Oberbürgermeisterin, als sogenannter Führerturm konzipiert und gebaut worden. "Ich denke nicht daran, kommunales Geld für den Erhalt eines solchen Bauwerks auszugeben", sagt sie. Zwei Millionen Euro würde die Sanierung kosten; für die heutige Funktionalität des Stadions wird er ohnehin nicht mehr gebraucht.

Allerdings ist die Frage umstritten, ob das Bauwerk während der NS-Zeit tatsächlich als "Führerturm" bezeichnet wurde. In den Veröffentlichungen der Allgemeinen Zeitung aus den 1930er-Jahren ist ausschließlich von einem "Befehlsturm" die Rede. Hitler selbst soll den Turm ohnehin nie betreten haben.

Wegen des Denkmalschutzes sehen nun längst nicht mehr alle Stadträte die Abriss-Frage so eindeutig wie noch vor zwei Jahren. "Ich bin eher dafür, den Turm zu erhalten", sagt zum Beispiel Dieter Füßlein (Fraktion CDU/FDP) heute. Seine Begründung: "Wenn man den Turm schleift, dann schleift man die Identität der Stadt." Und auch bei den Linken will man den Turm jetzt nicht mehr komplett abreißen lassen. "Wir plädieren für einen Teilerhalt, um dem Denkmalschutz gerecht zu werden", sagt Fraktionsvorsitzende Susanne Schaper. Die Arkaden und die erste Etage sollten erhalten, der Raum für Veranstaltungen genutzt werden. Hingegen will Detlef Müller, Fraktions-Chef der SPD, an den Abrissplänen festhalten. "Man kann nicht jedes Denkmal erhalten, zumal es keine Nutzung für den Turm gibt", sagt er. Müller fügt hinzu, die Vergangenheit als "Befehlsturm" prädestiniere das Bauwerk "nun auch nicht gerade als schätzenswertes Objekt".

Jetzt hebt ausgerechnet die Fraktion von Pro Chemnitz das Thema noch einmal auf die Tagesordnung der Ratssitzung am 2. März. Die Kommune solle bis April dieses Jahres ein Konzept zur Erhaltung des Turms im Sportforum vorlegen, heißt es in deren Beschlussantrag. Damit stürzen die Rechtspopulisten alle anderen Befürworter des Turmerhalts in ein Dilemma: Wollen sie das Bauwerk erhalten, müssten sie mit Pro Chemnitz stimmen. Das wäre ein Novum im Stadtrat: Bisher hatten die anderen Fraktionen Anträge von Pro Chemnitz grundsätzlich abgelehnt.

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