Warum aus einem Acker eine Blumenwiese für Insekten wird

Einen Hektar groß ist das Feld in Stelzendorf, das sich dieses Jahr in eine blühende Fläche verwandeln soll. Jetzt werden dafür Paten gesucht.

Stelzendorf.

Unterricht im Grünen, mitten auf einer blühenden Blumenwiese? In der Großstadt Chemnitz? Ein Agrarunternehmen will den Ausflug in die Natur für Schulklassen, aber auch für Kita-Gruppen möglich machen. Aus einem Acker in Stelzendorf will der Agrarbetrieb "Unteres Erzgebirge" in diesem Jahr Blühland für Bienen und andere Insekten machen - unter einer Bedingung: Die Chemnitzer sollen mithelfen.

Auch in den Vorjahren blühte es im Gebiet an der Luthereiche mitunter schon kräftig. "Viele Chemnitzer sind gekommen und haben Blumen für ihre Vasen mitgenommen", sagt Geschäftsführer Rainer Stauch. Doch die Sonnenblumen und Wicken, die dort unter anderem wuchsen, sind auf dem Feld viel wichtiger, betont Staub - als Nahrungslieferanten nicht nur für die kleinen gelb-schwarzen Honigproduzenten. Deshalb möchte die Agrar-Gesellschaft mit Sitz in Neukirchen den bisher konventionell etwa für den Anbau von Getreide genutzten Acker in ein hektargroßes Blühland für Bienen und andere Insekten verwandeln und sucht dafür Paten. "Wir Landwirte haben die Technik, die Fläche und die richtige insektenfreundliche Blühmischung. Jetzt suchen wir Menschen, die uns finanziell unterstützen", sagt Rainer Stauch, Geschäftsführer des Landwirtschaftsbetriebes. Für 30 Euro übernimmt der Spender eine Patenschaft für 100 Quadratmeter, erläutert er.

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Mitte April soll die Einsaat der Blühmischung mit 15 unterschiedlichen Pflanzen wie etwa Klee und Wicken beginnen. Die Mischung sei so ausgewählt, dass es auf dem Feld bis zum Spätherbst immer blühen wird und Insekten genügend Nahrung finden, so der Geschäftsführer. In dieser Zeit werde das Feld weder mineralisch gedüngt noch mit Pflanzenschutzmitteln besprüht, betont er. Im Internet, beispielsweise auf Facebook, sollen die Spender genannt werden. "Wir erklären auch, was wir wann und wie auf der Fläche machen", sagt Peter Köhler, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Westsachsen. Sobald es blüht, soll Schulen und Kitas die Möglichkeit gegeben werden, die Fläche zu besuchen und ihr Klassenzimmer in die Natur zu verlegen, betont Rainer Stauch. Man wolle für die Themen Schutz von Insekten und Artenvielfalt sensibilisieren, begründet er das Engagement der Firma. Zudem wolle man zeigen, dass Landwirtschaftsbetriebe "viel für Blühflächen tun", sagt Stauch. Er sieht in dem Vorhaben ein Pilotprojekt. Sollte es genügend Zuspruch erhalten, sei die Bereitstellung weiterer Flächen denkbar, heißt es in einem Informationsschreiben an die Fraktionen im Stadtrat.

Artenvielfalt und Insektenschutz seien große gesellschaftliche Themen, sagt Dieter Füsslein von der CDU/FDP-Fraktionsgemeinschaft. Er sei den Landwirten dankbar, dass sie es aufgreifen. In seinen Augen bringe jedoch das Anlegen einer Blühfläche für lediglich ein Jahr nicht viel, sagte er. Das Projekt müsse dauerhaft sein, damit sich Insekten ansiedeln und Populationen bilden könnten, so Füsslein. Dennoch könne er sich vorstellen, Pate einer Fläche zu werden. Das gelte auch für die Carlowitz-Gesellschaft, deren Vorstandsvorsitzender Füsslein ist und die die Nachhaltigkeit fördert.

Für Thomas Scherzberg von den Linken steht fest, dass er eine Patenschaft für eine 100 Quadratmeter große Fläche übernehmen wird, sagte der Stadtrat am Mittwoch. "Ich will das Vorhaben persönlich unterstützen." Auch mehrere Mitglieder des Agenda-Beirates, der am Dienstag tagte und der das Rathaus in Fragen der Nachhaltigkeit berät, wollten mitmachen, ebenso Mitglieder der Stadtratsfraktion der Linken, so Scherzberg. Im Agenda-Beirat sei das Projekt auf "einhellige Zustimmung gestoßen", sagte er. Für ihn sei das Wichtigste, dass in unmittelbarer Nähe der Blühfläche keine Pestizide versprüht werden. Damit Straßenränder in der Nähe der Wiese verschont werden, wolle er mit der Stadtverwaltung reden, so Scherzberg.

Auf Zustimmung trifft das Projekt beim Landesamt für Schule und Bildung. "Das Thema ist lehrplankonform", so Sprecher Roman Schulz. Es finde im Sachkundeunterricht und im Fach Biologie Platz. Imkerin Heike Janthur urteilt über das Vorhaben: "Das ist eine schöne Sache." Sie finde vor allem gut, dass ein ganzes Feld und nicht wie häufig nur der Randstreifen eines Ackers in blühendes Land verwandelt werden soll, erklärt die Eubaerin.

Informationen mit Tipps zur Spende unter www.bauernverband-westsachsen.de


Wohnungsbaugenossenschaft legt Naturwiese in Siegmar an

Eine Naturwiese, auf der es summt und zwitschert, wird die Wohnungsbaugenossenschaft Chemnitz West (WCW) an der Zeunerstraße in Siegmar schaffen. "Wir schreiben Naturschutz groß", teilte die WCW mit. Am morgigen Freitag wird bereits ein Insektenhotel auf der Wiese an der Zeunerstraße übergeben. Gebaut haben es die Kinder der Arbeitsgemeinschaft (AG) Naturschutz der Grundschule Auerswalde, so die Wohnungsbaugenossenschaft.

Zudem werden die AG-Mitglieder fünf Meisenkästen bauen. Nistkästen schmücken bereits die Wohngebiete der Genossenschaft, so die WCW. (hfn)

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7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    saxon1965
    29.03.2019

    @Standpunkt2019, auch alles richtig, trifft nur eben nicht auf alle Landwirtschaftsbetriebe zu. Auch da gibt es nur auf Gewinnoptimierung arbeitende und andere, wie sie schreiben, in denen Umweltschutz integraler Bestandteil der Produktion ist.
    Da wir uns weder auf die Agrarindustriellen, noch auf gute Lobbyarbeit oder vernünftige Politiker (auch wenn es da welche gibt) verlassen können, muss meines Erachtens die Gesellschaft handeln. Zum Einen durch bewussteres Konsumieren und Einflussnahme (soweit möglich) auf die Politik.
    Ich denke, mit solchen PR-Aktionen und der entsprechenden Resonanz in der Bevölkerung, könnte man sicher Landwirtschaft und Politik nach Nachdenken bringen. Was werden die Stelzendorfer Bauern machen, wenn weit mehr als 100 Menschen eine "Patenschaft" übernehmen?
    Der Agrarbetrieb kommt bei 3.000 € Einnahmen pro Hektar recht gut weg.
    Zum Vergleich: Weizen 1.000 €/ha, Mais 1.300 €/ha, Grünland ???

  • 3
    0
    Standpunkt2019
    29.03.2019

    @Saxon1965
    Natürlich habe ich an dieser Stelle grob gezeichnet. Doch zu einfach macht es sich die Agrarwirtschaft, indem sie sich seit Jahrzehnten als Opfer der "Rahmenbedingungen" positioniert. Die "Gute landwirtschaftliche Praxis" hinterlässt ausgeräumte, artenarme Landschaften. Da ist ein Hektar Blumenwiese einfach nur ein PR-Gag. Es gibt inzwischen viele Modelle für eine nachhaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Landwirtschaft, in der der Umweltschutz integraler Bestandteil der Produktion ist. Landwirtschaftsunternehmen haben eine starke Lobby in der Politik. Anstatt diese für den Erhalt von Subventionszahlungen auf Fläche einzusetzen, könnten sie genauso selber für die Honorierung von Umweltleistungen eintreten. Rahmenbedingungen verantwortlich gestalten!

  • 3
    1
    saxon1965
    29.03.2019

    @Standpunkt2019, sie machen es sich da zu einfach. Auch Agrarunternehmen müssen wirtschaften, Gewinne erzielen, Mitarbeiter bezahlen.
    Es bedarf anderer Rahmenbedingungen, damit anders produziert werden kann. Das Thema ist sehr komplex. Es beginnt mit der Nachfrage, Billigangeboten aus der ganzen Welt und endet bei Förderpraxis und Umweltschutz.

  • 3
    2
    Standpunkt2019
    29.03.2019

    Ein Agrarunternehmen, dass mehrere tausend Hektar Land bewirtschaftet, auf diesem mehrere tausend Kilogramm Pestizide und Kunstdünger aufbringt, sät auf einem Bruchteil von einem Promille davon eine Kleegraswiese öffentlichkeitswirksam an.
    Ein Stück Wolle an der Brust und aus dem Wolf wird ein Schaf.
    Und unsere örtliche politische Elite will gleich auch noch mit auf die Bühne. Arme Insekten, arme Vögel, armer Mensch.

  • 3
    1
    cn3boj00
    28.03.2019

    Es gibt noch Wunder! Und was mich immer bei solchen Beiträgen freut: Es gibt auch in Sachsen Menschen, dennen das wichtig ist! Das lässt doch hoffen

  • 10
    2
    KatharinaWeyandt
    28.03.2019

    Es ist ein Beispiel für das, was wir grundsätzlich (wieder) brauchen. Da ist auch politisch ein Umsteuern gefragt. Ich habe mir jedenfalls gleich 100 Quadratmeter mit einer kleinen Spende gesicht. #Chemnitzbluehtauf

  • 12
    1
    saxon1965
    28.03.2019

    Bleibt zu hoffen, dass es langsam ein Umdenken gibt und solche Aktionen nicht nur eine Modeerscheinung bleiben.
    Wenn in der Vergangenheit nicht so mancher Feldrain, Feldweg oder Heckenstreifen der industriellen Landwirtschaft zum Opfer gefallen wäre, sähe die Situation um unsere Insekten etwas positiver aus. Natürlich haben die Unkrautvernichter ebenfalls einen nicht unerheblichen Teil zum s. g. Bienensterben beigetragen. Es bedarf letztlich einem kompletten Umdenken auch in der Politik (Fördermittelpraxis).



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