Warum ein moderner Zug nur als Reserve genutzt wird

Ab Dezember steht zwischen Leipzig und Chemnitz ein weiteres Fahrzeug zur Verfügung. Doch nur selten werden Passagiere die Vorzüge der Triebwagen nutzen können.

Die Erleichterung ist groß gewesen, als vor einem Monat die Nachricht die Runde machte, dass künftig für die Strecke von Chemnitz nach Leipzig ein moderner Ersatzzug bereitstehen wird. Das fünfte Fahrzeug soll bei Ausfällen, etwa bei Reparaturen anderer Züge, zum Einsatz kommen, teilte der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) mit. Damit soll der Betrieb der oft kritisierten Linie RE 6 zwischen den beiden sächsischen Metropolen zuverlässiger werden. Erst im Juni war wegen Instandsetzungsarbeiten an zwei Loks zeitweilig jeder dritte Zug ausgefallen.

Die Vorzüge des neuen Ersatzzuges im Vergleich zu den renovierten, rund 30 Jahre alten Reichsbahnwaggons, die üblicherweise auf dieser Strecke zum Einsatz kommen, sind gewaltig. Die Türen sind nicht nur breit genug, dass auch große Koffer, Kinderwagen und Fahrräder ohne Probleme hindurchpassen. Es gibt auch keine steilen Stufen an den Zugängen, denn diese sind barrierefrei. Zudem ist der Zug klimatisiert, ein Vorteil nicht nur in den heißen Sommermonaten. Statt kleiner Abteile gibt es Großraumwagen für ein besseres Sicherheitsgefühl. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember soll der neue Ersatzzug vom Typ Lint 41 mit 258 Sitzplätzen bereitstehen, kündigte der VMS an. Doch sporadisch sind die modernen Dieseltriebwagen schon seit einiger Zeit zwischen Leipzig und Chemnitz unterwegs - wenn andere Züge der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) defekt sind oder gewartet werden müssen.


Doch warum wird ein solch moderner Zug nur als Reserve zum Einsatz kommen? Die Antwort: Er ist schlichtweg zu langsam. Die Triebwagen vom Typ Lint 41 schaffen nur eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern, teilt ein VMS-Sprecher mit. Zum Vergleich: Die anderen Fahrzeuge, die normalerweise auf der Strecke fahren, sind 140 Kilometer pro Stunde schnell. Da die zum großen Teil einspurige Strecke aber stark befahren ist, müssen die Fahrpläne strikt eingehalten werden. Ein langsamer Zug erschwert dies jedoch. "Sein Einsatz kann zu Verspätungen anderer Züge an den Kreuzungsbahnhöfen führen", so der Sprecher. Dadurch könnte es sein, dass es zu Problemen an den Schnittstellen mit anderen Verkehrsmitteln kommt, etwa mit dem Busverkehr. Der Einsatz des modernen, aber langsameren Zuges, so der Sprecher, sei "ein Kompromiss zugunsten der Stabilität der Linie RE 6 durch weniger oder bestenfalls keine Komplettausfälle". Bei einer zweigleisig ausgebauten Strecke zwischen den beiden Städten allerdings könnte der neue Zug ohne Probleme eingesetzt werden, so der Sprecher.

Der Bau einer zweigleisig elektrifizierten Strecke von Chemnitz nach Leipzig ist auch die Forderung des Fahrgastverbandes Pro Bahn. "Langfristig muss das das Ziel sein", sagt Ronny Hausdorf, Vorsitzender des Landesverbandes Mitteldeutschland. Kurzfristig sei der neue Ersatzzug als Behelfsfahrzeug zwar sinnvoll, "denn ein langsamer Zug ist immer noch besser als gar kein Zug", sagte Hausdorf mit Blick auf die zahlreichen Ausfälle der Vergangenheit. Mittelfristig müsse für die Strecke jedoch über die Anschaffung moderner Dieseltriebwagen mit einer entsprechend hohen Geschwindigkeit entschieden werden, erklärt der Landesvorsitzende. Die Forderungen des Verbandes richteten sich vor allem an die Politik und den Verkehrsverbund Mittelsachsen, betonte Hausdorf.


Kommentar: Dreist

Es war 2018, als ein moderner Zug auf dem Gleis in den Hauptbahnhof rollte, auf dem die Züge nach Leipzig abfahren. Die reflexhafte Kontrolle der Gleisanzeige bestätigte, dass das Fahrzeug mit barrierefreiem Einstieg, breiten Türen und großen Abteilen in die Messestadt fuhr. Das sei eine Ausnahme, so das Zugpersonal. Die Freude war groß, aber kurz. Das ist das erste Problem. Fahrgäste nach Leipzig freuen sich über Komfort, der auf anderen Strecken normal ist. Das zweite Problem ist größer. Erst nach Kritik und Wartezeit setzt die MRB den dringend nötigen fünften Zug ein: Ausgerechnet ein Fahrzeug, das zu langsam ist und möglichst nicht zum Einsatz kommen soll. Das ist dreist. Es ist dringend an der Zeit, dass Politik, VMS und MRB zu einer Lösung kommen, die nicht nur Reisende ernst nehmen können, sondern die zeigt, dass auch die Reisenden ernst genommen werden.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 9 Bewertungen
11Kommentare
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  • 5
    1
    Zeitungss
    14.08.2019

    Die beste Lösung wird sein, den VMS personell aufzustocken, denn Schreibtische sind schneller zu beschaffen wie vernünftige Fahrzeuge. Nach der LTW werden sicherlich einige Versorgungsfälle auftreten, welche diesen Gedanken nahekommen lässt. Fachliche Erkenntnisse, bis auf den Umgang mit den Taschenrechner, sind nicht erforderlich. Wer das jetzt nicht hören möchte, forscht einmal nach, wie unsere 5 Verbünde personell besetzt sind, also wer dort alles mitmischt. Ein Großteil davon kennt eigentlich nur den Dienstwagen mit Fahrer und einem vom Steuerzahler gefüllten Tank. Wenn Bürgermeister und Landräte über Bahntechnik entscheiden, kann ich als Laie auch ein Krankenhaus führen, was in D. nicht unmöglich ist. Die Ergebnisse kennen wir auf vielen Ebenen, wer nicht, lebt in einer anderen Welt.

  • 7
    4
    cn3boj00
    13.08.2019

    @Bär53, es gab Zeiten, da konnte man mit der Deutschen Reichsbahn mit einer Dampflok in 5 1/2 Stunden von Chemnitz nach Rostock fahren! Davon träumt der Ostseeurlauber heute. Auf keiner Strecke komt man heute von Chemnitz aus schneller irgendwohin als 1960 von Karl-Marx-Stadt aus.
    Und man kann über die Strecke nach Leipzig trefflich diskutieren, das eigentliche Problem ist doch das totale Versagen von 30 Jahren CDU-Regierung mit oder ohne SPD, in der man es nicht geschafft hat, die drittgrößte Stadt der neuen Bundesländer ans ICE-Netz anzuschließen. Aber der Osten ist ja heute noch Entwicklungsland und wird es auch bleiben. Und nein, da hilft auch diese eine Partei nicht, und das Versprechen vom MP "Chemnitz stärken" ist eine Luftblase.

  • 5
    2
    Zeitungss
    13.08.2019

    @Bär53: Sehr treffender Beitrag. Ihr Vorschlag, die Spurweite von 1435 auf 1000 mm umnageln, könnte bei der Führungsriege des VMS als Einsparung gewertet werden, man würde über eine solche Maßnahme nachdenken, natürlich wegen der Kostensenkung. Stellt sich nach wie vor die Frage, wie lange noch 5 solcher Vereine in Sachsen existieren, Wahlkämpfer Dulig (SPD)war wohl den 5 Vorständen hörig und nicht seiner ursprünglichen Kampfansage. Besserung im ÖPNV ist leider unter diesen Bedingungen nicht in Sicht, wer anderer Meinung ist, darf in ROT. Der VVV hat wenigstens noch die ehrenamtlichen Busfahrer erfunden und lässt sie für sich arbeiten. Man glaubt nicht, was in diesem Land alles möglich ist und ohne Murren zu Kenntnis genommen wird.

  • 13
    0
    Deluxe
    13.08.2019

    Es gibt auch regelspurige Dampfloks, Bär53. Und die laufen sogar relativ zuverlässig.

    Die Fahrzeit zwischen Dresden und Berlin, die bis 1939 mit Dampf erzielt wurde, ist von 1945 bis heute nie wieder erreicht worden. Mehr muß man doch nicht wissen, oder?

    Und auch zwischen Chemnitz und Leipzig gab es bis 1945 zwei Gleise...

  • 12
    1
    Bär53
    13.08.2019

    Ist schon makaber. Erst wird die Strecke mit viel Aufwand für DB- Neigezüge bis 160 km/h aufgerüstet. Dann nimmt man die MRB ins Boot, die mit veraltetem und störanfälligem rollenden Material aber immerhin noch 140 km/h schafft und jetzt beschafft man sich noch einen Ersatzzug, der nicht in der Lage ist, den Fahrplan einzuhalten. Meine Albtraum: Züge der Fichtelberg- und Harzquerbahn hinter dampfenden Stahlrössern auf der Strecke nach Leipzig ! Vorher müsste man nur noch die Schienen auf die entsprechende Spur umnageln. Vielleicht gibt es schon Pläne beim VMS!

  • 10
    0
    Zeitungss
    13.08.2019

    @HHCL/@701726: Die Frage dürfte eher lauten, wer beim VMS ist in der Lage, Bahntechnik und Bahnbetrieb aufeinander abzustimmen, von den Bürgermeistern / Landräten usw. ist es wohl keiner. Man beschränkt sich auf das Ergebnis des Taschenrechners. Schienenfahrzeuge werden auch heute noch in Deutschland nach Wunsch des Käufers (Lastenheft) hergestellt, weiter möchte ich nicht dazu äußern.

  • 11
    1
    MuellerF
    13.08.2019

    Die Begründung, der neue Zug sei 20 km/h zu langsam, erscheint absurd: wo fahren denn die bisherigen Züge zwischen Chemnitz & Leipzig 140 km/h? Wenn das der Fall wäre, wären ja die ca. 70 km zwischen Leipzig & Chemnitz in einer halben Stunde zu schaffen, inkl. Haltezeiten an den Zwischenstationen in ca. 45 Minuten.
    Tatsächlich fährt man aber eher anderthalb Stunden (ohne den jetzigen SEV).
    Ich werde das mal gelegentlich per App überprüfen, wenn ich die Verbindung nehme.

  • 18
    1
    HHCL
    13.08.2019

    "Ist das ein Schildbürgerstreich ???"

    Nein, es ist leider ein weiteres Zeugnis des massiven Versagens auf Seiten des VMS, der MRB und der verantwortlichen Politiker.

  • 20
    2
    701726
    13.08.2019

    Der neue Zug ( wieviel hat er gekostet ) kann nicht eingesetzt werden weil er zu langsam ist.
    Ist das ein Schildbürgerstreich ???

  • 17
    1
    langi001
    13.08.2019

    Wenn die Strecke zweigleisig und elektrifiziert wird, dann bräuchten doch keine Dieseltriebwagen eingesetzt werden, wie Herr Hausdorf fordert. Oder verstehe ich da etwas falsch?

  • 22
    3
    hkremss
    13.08.2019

    Der Kommentar ist zutreffend. Nur 'dringend an der Zeit' ist es schon seit vielen Jahren. Seit dem ist man zwar ein paar Schritte weiter, was Pläne und Absichten betrifft. Konkret realisiert wurde davon aber ... nichts. Die verteilten Zuständigkeiten und Kompetenzen ermöglichen allen Beteiligten ein entspanntes Zurücklehnen und Zuwarten. Man kann immer mit dem Finger auf andere zeigen! Und 2026 soll ja (mit geringfügiger Verspätung) die A72 fertig werden. Wer braucht dann schon noch eine gute Bahnanbindung nach Leipzig?! Hoch lebe das Automobil!



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