Warum ein Politiker und ein Lehrer Theater machen

Am Sonntag läuft zum letzten mal das Musical "Anatevka" auf der Küchwaldbühne. Dann stehen noch einmal zwei Männer auf den Brettern, die man da nicht vermuten würde.

Schloßchemnitz.

Frank Heinrich ist Politiker im Bundestag. Holger Pethke war früher Amtsleiter in Chemnitz und arbeitet heute als Lehrer am Gymnasium in Waldenburg. Seit Wochen machen sie gemeinsam Theater. Auf der Küchwaldbühne klettern sie am Sonntag noch einmal auf die Bretter, die für so manchen die Welt bedeuten.

"Ich bin eine Rampensau." Das sagt Holger Pethke. Bis 2014 war er Leiter des Jugendamtes. Danach wechselte er die Behörde, erfüllte die Aufgabe für die Stadtverwaltung in Duisburg. Weil er die Pendelei satt hatte, nahm er nach fünf Jahren im Ruhrpott eine Stelle als Gymnasiallehrer im Landkreis Zwickau an: für Geografie und - für Musik. Denn die wenigsten wissen: Pethke ist studierter Opernsänger. An der Hochschule für Musik in Dresden schärfte er einst seine Bassstimme. Als sein Sohn im vergangenen Jahr von den Plänen einer Weihnachtsaufführung an seiner Waldorfschule sprach, meinte der Vater: "Da mache ich mit." Bei den Vorbereitungen zu dieser Vorstellung lernte Holger Pethke Werner Haas kennen, Ehrenmitglied und künstlerischer Leiter des Vereins zum Erhalt der Küchwaldbühne. Dieser Werner Haas inszenierte in diesem Jahr nun das Sommer-Musical "Anatevka" für die Küchwaldbühne. Und neben dem musikaffinen Lehrer mit Amtserfahrung verpflichtete Haas dafür auch den Bundestagspolitiker Frank Heinrich. Denn auch der hat schon Bühnenerfahrung. Nicht nur am Mikrofon vor den Berliner Abgeordneten. Heinrich war lange Zeit Leutnant bei der Heilsarmee. Während dieser Tätigkeit arbeitete er auch theaterpädagogisch mit Kindern und Jugendlichen. "In Gottesdiensten oder bei anderen Veranstaltungen habe ich immer mal schauspielerische Elemente eingebaut", so Heinrich. Als er nun Werner Haas kennenlernte, hatte Heinrich ihn gefragt, ob er in dessen Musicalinszenierung eine kleine Rolle übernehmen dürfe. Er durfte.

Neun Mal standen Pethke und Heinrich nun gemeinsam mit etwa 65 anderen Darstellern, Musikern und Technikern in dem Stück auf der Bühne. Beide sind sich einig: "Wir werden das Team vermissen", so Pethke. Und Heinrich ergänzte: "Es hat mich begeistert, das Stück gemeinsam mit so vielen Menschen quer aus der Chemnitzer Gesellschaft zu erarbeiten." In dieser Größenordnung sei es für ihn die erste Theaterarbeit gewesen. Anders bei Holger Pethke. Er hatte, vor allem zu Studienzeiten, an anderen Inszenierungen mitgewirkt. "Ich hatte einige Semester Schauspiel, Bühnentanz, Regiearbeit. Ich weiß, was an Arbeit in so einem Stück drin steckt", sagte er. Deshalb habe es ihn auch so begeistert, wie das "Anatevka"-Team nun Vorstellung für Vorstellung besser geworden sei, professioneller. Regisseur Werner Haas, der in "Anatevka" selbst die Hauptrolle spielt, hatte zwischenzeitlich noch mal eine Straffung des Stückes vorgenommen. "Das hatten wir durch schnelle Bildwechsel und flüssigeres Spielen erreicht, Text mussten wir nicht kürzen." Er ist stolz auf die Leistung seines Teams. "Es war eine Mammutaufgabe, die hier bewältigt wurde", so der Theatermann. Statt eines Orchesters musste er mit nur vier Musikern planen. "Die aber beherrschen mehrere Instrumente gleichzeitig." 56.000 Euro hatte die Inszenierung gekostet. Nachdem nun schon 2500 Besucher das Stück gesehen haben, sei die schwarze Null gesichert, so Haas weiter.

Holger Pethke und Frank Heinrich wollen zur Aufführung am Sonntag noch mal alles geben. Denn es wird eine besondere: Genau 55Jahre zuvor wurde das Musical "Anatevka" am Broadway uraufgeführt. "Da stehen wir in einer großen Tradition", so Werner Haas. "Wir freuen uns also, wenn es noch mal richtig voll auf den Rängen wird."


Das Stück und seine Tradition

Benannt ist "Anatevka" nach einem Dorf im zaristischen Russland. Die Geschichte spielt im Jahr 1905. Das Musical erzählt vom jüdischen Milchhändler Tevje, der im Ringen um die Tradition feststeckt.

Berühmt ist das Lied "Wenn ich einmal reich wär'...!" Das Musical entstand für den Broadway nach einer Romanvorlage des jüdischen Schriftstellers Scholem Alejchem. Das Tanz- und Gesangsstück "Tradition" eröffnet das mit viel russischer und jüdischer Kultur gespickte Theaterstück. Nicht zuletzt sorgt Tevjes unerschütterlicher Lebenshumor für Unterhaltung bei den Zuschauern.

Gespielt wird die Musik nach der jüdischen Klezmertradion. Ursprünglich ermöglichte die große Orchesterbesetzung verschiedene Klangfarben. In der Chemnitzer Inszenierung stemmt ein Quartett diese Herausforderung.

Gezeigt wird "Anatevka" auf der Küchwaldbühne letztmalig am 22.September, Beginn ist 15 Uhr. Karten gibt es in den "Freie Presse"-Shops sowie im Internet unter meinticket.freiepresse.de. (pefr)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    DTRFC2005
    19.09.2019

    Der rote Daumendrücker ist hochinteressant, frage ich mich gerade wieso man etwas gegen Kulturelle Beiträge oder weshalb gab es rot,? Es ist mir eigentlich völlig egal ob rote oder grüne Daumen, aber das wäre schon mal interessant.

  • 6
    1
    DTRFC2005
    19.09.2019

    Ein absolut sehenswertes Stück Geschichte und Kultur. Dem gesamtem Team darf man herzlich Danken. Es hat uns persönlich so gut gefallen, so das wir gleich zweimal den Verein mit Anwesenheit unterstützten. Herr Haas hat es wieder einmal geschafft, das Tränen vom Weinen und Lachen wie kleine Rinnsale flossen..



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