Warum ein Traditionsgeschäft im Reitbahnviertel schließt

Viele Läden haben dicht gemacht oder sind umgezogen. Damit mehr Kunden kommen, soll es weniger Verkehr geben.

Reitbahnviertel.

Pinsel, Paletten, Papier und natürlich Künstlerfarben - Generationen von Chemnitzern und Karl-Marx-Städtern haben bei Farben-Merz im Reitbahnviertel Utensilien für Schule, Hobby und Beruf gekauft. Doch nun schließt das Geschäft für Künstlerbedarf. Was am 1. Oktober 1880 mit der Eröffnung einer Farbhandlung begann, wird am 30. August 2019 knapp 139 Jahre später mit der Schließung des Fachgeschäftes an der Reitbahnstraße enden. "Unwirtschaftlichkeit", nennt Inhaber René Schmidtke knapp den Grund für seine Entscheidung.

Seit den 1980er-Jahren arbeitet er in dem Geschäft, nach der Wende wurde er Inhaber. Gern erinnert er sich an die Aufbruchstimmung. "Damals herrschten Enthusiasmus und Euphorie", erinnert sich Schmidtke. Doch davon sei nichts mehr zu spüren. Viele kleinere Spezialläden von damals, wie Nudel- oder Senfladen, gibt es nicht mehr, sagt er. Im Internetzeitalter hätten es stationäre Geschäfte schwer. "Online gibt es meine Waren günstiger", sagt Schmidtke. Von seinem Laden könne er nicht mehr leben. Deshalb wechsele er in ein Angestelltenverhältnis. "Das ist der Lauf der Dinge."


Wenige Meter weiter stadtwärts stehen die Zeichen ebenfalls auf Veränderung. Im Herbst geht mit Barbara Förster eine Institution des Chemnitzer Modelebens in den Ruhestand. Wie Farben-Merz ist auch Hut-Förster ein bekannter Name. "Unsere Stammkunden kommen aus ganz Sachsen und darüber hinaus", sagt Barbara Förster. Der Verkauf modischer und extravaganter Kopfbedeckungen geht weiter. "Ich habe eine Nachfolgerin gefunden", sagt sie. Die Veränderungen bei den Läden an der Reitbahnstraße blieben auch ihr nicht verborgen: "Es ist ein Kommen und Gehen." Passanten seien zwar unterwegs, aber überwiegend im Hellen. Deshalb schließe sie ihren Laden um 17 Uhr, sagt sie.

Das Fisch-Geschäft gehört zu den etablierten Läden an der Straße. Seit 20 Jahren arbeite sie dort, berichtet Inhaberin Angela Niemand-Pester. Sie erzählt von vielen Fachgeschäften, die es früher gab: für Fotobedarf, Süßigkeiten, Getränkespezialitäten, Blumen und vieles mehr. Einige schlossen, andere zogen um. "Das war mal eine richtig schöne Ladenstraße. Es bräuchte wieder mehr Mix", sagt Pester. Sie wünscht sich einen Fleischer und einen Bäcker. Doch sie wäre auch schon froh, fügt sie hinzu, wenn alles so bleiben würde wie es ist. "Vor allem auf der Straßenseite gegenüber gibt es nur noch ein Gehen, kein Kommen mehr." Dort schlossen Brillenladen und Café Krümel ihre Türen. Ende Juli ist die Filiale von Brillen.de an die Innere Klosterstraße umgezogen. "Wir brauchten mehr Platz", sagt Mitarbeiter Peter Schreiber. Zudem gebe es im Zentrum auch mehr Laufkundschaft. "Hier ist definitiv mehr los als an der Reitbahnstraße", sagt Schreiber. Im ehemaligen Café Krümel befindet sich derzeit übergangsweise ein Wäschegeschäft, das aus dem Tietz ausgezogen ist.

Die Reitbahnstraße sei wie ein Transitviertel, es fließt viel Verkehr durch, sagt Robert Aßmann, Inhaber der Evangelischen Buchhandlung. Er lebe vor allem von langjähriger Stammkundschaft, etwa aus dem Erzgebirge. Laufkundschaft gebe es wenig. Aßmann nimmt auch Sendungen für einen Paketdienst an, um weitere Einkünfte zu erzielen. Veränderungen hat man im Yogaladen "Weltenbaum" auch erlebt. "Was vor zwölf Jahren, als ich anfing, gut ging, ist heute nicht mehr gefragt", sagt Inhaberin Anett Reiß. Sie habe ihr Sortiment anpassen müssen. Da sie verschiedene Produkte anbiete, sei ihr das gelungen. Bei anderen Läden, etwa dem Blumengeschäft in der Nähe, sei das schwierig gewesen, sagt sie. Es habe geschlossen. In ihren Augen ist die breite und stark befahrene Bahnhofstraße "eine Bremse", die Leute aus der City davon abhalte, an der Reitbahnstraße einzukaufen. Die Idee von Stadtteilmanagerin Katrin Günther, den Verkehr auf der Reitbahnstraße zwischen Moritz- und Annenstraße zu beruhigen, hält sie für eine "tolle Idee". Sie könne sich den Abschnitt als einen Boulevard zum Bummeln vorstellen, sagt Reiß. Denn auch sie hat beobachtet, dass es zwar Passanten an der Straße gibt, "aber die gehen alle durch". Die ausländischen Lebensmittelmärkte, die sich in jüngerer Vergangenheit an der Straße ansiedelten, hätten "null Einfluss" darauf, dass es wenig Laufkundschaft gebe.

Seit etwa zehn Jahren gebe es an der Straße "ein Auf und Ab", sagt Katrin Günther. Zum einen habe die Innenstadt eine Sogwirkung, zum anderen kauften die Bewohner nicht vor Ort, hat sie beobachtet. Auch der starke Verkehr sei hinderlich, so die Stadtteilmanagerin. "Wer sitzt gern vor einem Café, wenn ständig Autos vorbeifahren?" Mit Baubürgermeister Michael Stötzer habe sie vor Ort nach Lösungen gesucht. Der Verkehr solle nicht komplett aus der Reitbahnstraße verschwinden, aber es soll ruhiger werden, fordert sie. "Damit auch mal Stühle rausgestellt werden können."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...